Jäger fegen den Wald sauber

»Hoffentlich sieht mich keiner«

Ein ungewöhnliches Kunstprojekt im Wald: Jäger fegen die Blätter weg. Nicht jedem leuchtet auf Anhieb ein, was an dem Projekt von Ivo Weber Kunst sein soll – aber gerade in der Sinnlosigkeit des Tuns wartet eine wichtige Erfahrung.
»Hoffentlich sieht mich keiner«

Seit 2003 zieht Ivo Wener jedes Jahr mit einigen Leuten in den Wald und lässt von ihnen ein Stück abgegrenzten Waldboden sauberfegen.

Wolfgang Prox ist Jäger, und er sieht auch so aus. Grüner Hut, grauer Bart, Tarnfarben-Jacke und dazu eine Flinte. Außerdem 1,92 Meter groß und 120 Kilogramm schwer. "Schuhgröße 46", ergänzt er. An desem Vormittag stapft er allerdings nicht durch den Wald, um Schwarz- und Rotwild zu stellen. Er ist unterwegs zum Waldfegen. "Ich habe niemandem was gesagt", knurrt er. "Ich wollte mir die Blicke ersparen."

Das Waldfegen ist eine Idee des Künstlers Ivo Weber (54). Seit 2003 zieht er jedes Jahr Ende November oder Anfang Dezember mit einigen Leuten in den Wald und lässt von ihnen ein Stück abgegrenzten Waldboden sauberfegen. Immer in einer geometrischen Form, mal als Quadrat, mal als Rechteck, mal als Stern. Nach getaner Arbeit postieren sich die Feger auf diesem freigelegten Waldstück und lassen sich vom Fotografen Olaf Hirschberg - der seine Kamera in erhöhter Position aufgebaut hat - verewigen. Danach verteilen sie das Herbstlaub wieder auf dem Boden, so dass alles aussieht wie vorher. Nur das Foto zeugt noch von der Aktion.

Diesmal sind es Jäger, die den Wald fegen sollen. Stephanie Moser (45) ist mit ihrem Hund Anton dabei. Der hat prompt falsche Erwartungen: Aufgeregt läuft er hin und her und wartet vergeblich darauf, dass die Jagd beginnen möge. Ivo Weber hat das zu fegende Gelände mit einer Schnur markiert. Er reicht Rechen aus, dann geht es los. "Hoffentlich sieht mich jetzt keiner, den ich kenne", sagt Prox (64). Torsten Franz (55) steht der Sache aufgeschlossener gegenüber: "Das ist wie einen Pirschweg anlegen", findet er. Ein Pirschweg ist ein von Blättern und Ästen freigeräumter Weg durch den Wald, auf dem sich die Jäger an das Wild heranschleichen können, ohne durch Knistern und Knacken auf sich aufmerksam zu machen.

Anschließend wird zurückgefegt

Es ist durchaus anstrengend, die Blätterberge wegzukehren. Unter dem Laub kommt der dunkle, erdige Boden zum Vorschein. Es riecht nach nassem Laub und nach Erde. Erstaunlich ist, mit welch merkwürdiger Lust und Entschlossenheit die Feger bei der Sache sind - obwohl ihnen die Sinnlosigkeit ihres Tuns doch bewusst ist. "Bei mir sieht's viel ordentlicher aus", ruft Franz hinüber. "Ich arbeite eure Fläche nochmal nach."

Nach einer knappen halben Stunde ist alles säuberlich aufgekehrt. Die Jäger stellen sich auf, und dann wird fotografiert. Still und stumm wie das Männlein im Walde harren die Jäger unter den großen grauen Bäumen aus und stützen sich dabei auf Gewehr oder Rechen. Anschließend wird das Laub zurückgefegt, und Ivo Weber teilt Suppe und Glühwein aus.

"Die Kunst an der ganzen Sache bleibt mir verborgen", gesteht Wolfgang Prox. "Ich komme aus Dresden. Kunst sind für mich die alten Meister, der Zwinger." Stephanie Moser sagt: "Am Anfang hab' ich mich gefragt, wo der Zusammenhang zum Jäger ist. Aber dann fand ich es interessant. Es war eine tolle Erfahrung, still zu stehen."

Ivo Weber stammt aus Schwaben, aus Biberach, und hat dort als Kind Äste vom Waldboden aufgelesen. Jetzt lebt er schon lange in Köln. Das Waldstück, in dem die Aktion stattfindet, ist keineswegs ein tiefer Forst, ein Stück unberührter Natur. Es ist Teil des Kölner Grüngürtels. "Ein kultivierter Wald", erklärt Weber. "In einem bereits geordneten Raum wird mit dem Fegen eine weitere Form der Ordnung geschaffen." Prox und Franz verabschieden sich, sie müssen weiter, die Jagd ruft. Ivo Weber wird nächstes Jahr wiederkommen: Wenn's wieder viele neue Blätter zum Wegfegen gibt.

Die Kämpferin
Sie lud Galeriebesucher ein, auf sie zu schießen, wusch für die Biennale wochenlang Rinderknochen und lief 2500 Kilometer über die chinesische Mauer. In ihrer Autobiographie ergreift die Performance-Künstlerin jetzt das Wort