Ausstellung in Baden-Baden

Es flackert so schön

Licht gefällig? Aber bitte nur mit Kerze. Warum wählen Künstler auch noch im 21. Jahrhundert brennenden Wachs als Bildmotiv? Das Museum Frieder Burda schickt jetzt in Baden-Baden nicht nur Advent-Junkies auf den Weg zur ultimativen Erleuchtung.

Ob Gerhard Richter, seit neuestem besser bekannt als "Richter gnadenlos", für die vielen im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge schon mal eine Kerze aufgestellt hat? Wahrscheinlich nicht. Dabei haben gerade seine insgesamt 29 Interpretationen des durch die Kunstgeschichte geisternden Vanitassymbols nachhaltig Spuren hinterlassen, ob mit Totenschädel oder ohne. Die kunstaffine New Yorker Rockband Sonic Youth machte 1988 sogar eine Variante zum Cover ihres Albums "Daydream Nation". Kein Wunder also, dass in der lakonisch betitelten Ausstellung "Die Kerze" Richters ikonische Leuchtgalerie einen eigenen Raum bekommt. Der Rest der 37 Künstler gruppiert sich um dieses Herzstück mit einer mehr oder weniger originellen Hommage an das mit geistigen Bezügen überfrachtete Objekt.

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Für Christian Boltanski etwa ist die Kerze Ausgangspunkt für ein asiatisch angehauchtes Schattenspiel. Die in die Installation "Les Ombres" integrierten Teelichter verhelfen sechs Scherenschnitten zu unheimlichen Schatten zwischen Engel, Tod und Teufel. Gegenwartsbezug liefert Thomas Demand. Er abstrahiert das Farbfoto eines Kerzenmeers, das nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg aufgestellt wurde, zur rot leuchtenden Gedenk-Landschaft. Für das Video von Djuna Evers gilt es wiederum 79 Minuten vor einer niederbrennenden Kerze auszuharren. Wer es hier nicht in den Meditiermodus schafft, bekommt eine zweite Chance beim Anblick des Selbstporträts von Marina Abramovic, die mit geschlossenen Augen und dem Licht einer einzigen Kerze zur intimen Begegnung einlädt. Ähnlich reduziert verfährt Jeppe Hein. Seine Kerze flackert in der "Candle Box" hinter einem Spiegel, sie haucht geradezu ihr Leben aus, während der Betrachter ganz nebenbei mit seinem alternden Abbild konfrontiert wird.

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Jeff Koons: "Candle", 2001

Damit ist den Flammen-Anbetern der Brennstoff lange noch nicht ausgegangen. Mit dem Handfinger ins Feuer greifen möchte Oda Jaune auf ihrem Gemälde, das die schmerzhaft-lustvolle Szene in fotografischer Großaufnahme einfängt. Jeff Koons feiert lieber den handfesten Konsum und collagiert um eine brennende Monumentalkerze herum einen Kitsch-Kranz aus Haarsträhnen, Dessous und malerischen Berggipfeln. Da ist man dann für Alicja Kwades Minimalismus mehr als dankbar. Ihr reichen drei auf dem Boden zwischen Glaswänden labyrinthisch abgestellte Kerzen aus, um auf ihre Verwendung in okkulten Ritualen zu erinnern.

Und auch der US-Amerikaner Robert Gober weiß das Metaphernspiel ohne großen Aufwand zu erweitern. Er stattet eine stehende Kerze mit einem behaarten Untersatz aus. Eine Kombination, die man sogleich mit einem Phallus verwechseln möchte. Beim Blick auf das Entstehungsdatum lichten sich die Spekulationen. 1991 diente die surreale Skulptur als Kommentar auf die in Künstlerkreisen auffällig grassierende AIDS-Epidemie. Zwischen Eros und Thanatos ist in dieser ihr Sujet erfreulich weiträumig ausleuchtenden Schau auch noch reichlich Platz für Humor. Ob das sich pittoresk selbst auflösende Tatlin-Zitat eines Urs Fischer oder die auf Hirschgeweihen posierende, ganz in Blau getauchte Riesenkerze von Seb Koberstädt mit dem beruhigenden Titel "es geht nicht um dich", bei so viel sich selbst transzendierender Kunst bleibt niemand im Dunkeln stehen. Nicht mal die Kinofreunde, die in den Genuss der sorgfältig kuratierten Filmreihe kommen, von Ariane Mnouchkines "Molière" bis zu Stanley Kubricks "Barry Lyndon", dem ultimativen Kerzenklassiker.

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