Yayoi Kusama

New York



KUSAMA BLEIBT KUSAMA

Selbst mit 80 Jahren will die eigenwillige Japanerin noch ein Gefühl von "Schwindel, Leere und Hypnose" beim Betrachter auslösen – und sich nicht in Schubladen stecken lassen. Die Gagosian Gallery stellt nun in New York und Los Angeles ihre Werke aus.
// CLAUDIA BODIN, NEW YORK

Ihr Markenzeichen sind Polka Dots. Farbige Punkte, die sie auf Leinwände, Bäume, Skulpturen oder Menschen malt. Um sie "auszulöschen" und ihnen die Unverwechselbarkeit zu nehmen, wie die Künstlerin sagt. Einige ihrer neuen Arbeiten wirken wie umherschwirrende Zellen, die man unter dem Mikroskop betrachtet, oder wie das Gefieder eines Vogels aus allernächster Nähe. Andere werden von Augen und Würmern als Symbole für Sterblichkeit bevölkert. Die Bilder bestrahlen den Ausstellungsraum der Gagosian Gallery auf der 24th Street in Chelsea mit ihren leuchtenden Farben und sind mit dem für die Künstlerin typischen emsigen Perfektionismus gemalt, der die Farbe sogar kunstvoll kontrolliert über den Rand der Leinwand laufen lässt.

Selbst wer die Geschichte der inzwischen 80-jährigen Yayoi Kusama nicht kennt, ahnt, dass die Japanerin mit einer Besessenheit vorgeht, die an Wahnsinn grenzt. Schon seit ihrer Kindheit leidet die Künstlerin unter Halluzinationen. 1974 quartierte sie sich in einer psychiatrischen Einrichtung in Tokio ein, wo sie seitdem lebt. Die Ausführung ihrer berühmten "Infintity"-Netzwerke oder ihrer Skulpturen überlässt sie mittlerweile ihren Assistenten. Erst 2007 hatte sich die Künstlerin von ihrer langjährigen New Yorker Galerie Robert Miller getrennt, um zum Powerhouse von Larry Gagosian zu wechseln. Im Herbst vergangenen Jahres war eine ihrer ersten "Infinity Net"-Arbeiten von 1959 mit dem Titel "No. 2" von dem Kunsthändler Philippe Segalot für einen Rekordpreis von 5,79 Millionen Dollar ersteigert worden. Eine der höchsten Preise, der bislang von einer lebenden Künstlerin erzielt wurde. Was das seltene Werk noch begehrter gemacht hatte, war die Tatsache, dass es Donald Judd, ihr früherer Liebhaber, besessen hatte.

Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte für jemanden, der über Jahre hinweg als verschollen galt und zu Beginn der Karriere die konstante Aufmerksamkeit gesucht hatte. Yayoi Kusama wuchs in einem äußerst strengen, wohlhabenden Elternhaus auf. Bereits im jungen Alter fing das Mädchen an zu malen. Farbige Punkte und Netzwerke waren von Anfang an ihre Motive. Auf Grund ihrer Wahnvorstellungen erschienen ihr Bilder von Punkten, die sich vor ihrem inneren Auge in den Räumen ausbreiteten, wie eine Erlösung. Weil sie das Gefühl hatte, sich aufzulösen, bis die Welt um sie herum unendlich wurde. Das Kunststudium setzte sie gegen den Willen ihrer Eltern durch. Ab 1957 hatte die Japanerin nach kurzem Aufenthalt in Seattle 16 Jahre in New York gelebt, wo sie anfangs mit ihren Arbeiten unter dem Arm die Galerien abklapperte. Nach zwei Jahren hatte sie ihre erste Ausstellung, sie war ein Erfolg.

Ruhiger und glatter, aber nicht weniger kraftvoll

Später veranstaltete Kusama provokante Happenings, bei denen sie Nackte mit ihren Punkten verzierte, und ließ phallische Stoffsäcke von Leinwänden und allen möglichen Gegenständen wie Matratzen, Leitern oder Schuhen wachsen. Nachdem sie 1973 nach Japan zurückgekehrt war, vergaß die Kunstwelt sie. Bis 1989 eine New Yorker Non-Profit-Organisation eine Retrospektive mit der eigenwilligen Künstlerin veranstaltete. Das Interesse an Kusamas Kunst wuchs wieder und gipfelte 1993 darin, dass sie Japan auf der Biennale in Venedig vertrat und 1998 eine große Ausstellung am Museum of Modern Art hatte. Ihre "Grand Orgy to Awaken the Dead at MoMA", die sie 1969 mit ihren nackten Assistenten im Skulpturengarten des Museums veranstaltet hatte, bevor Sicherheitsbeamte sie abführten, wurde damals allerdings nicht ausgestellt.

Natürlich ist es mit den Jahren ruhiger um Kusama geworden. Statt Nackter zeigt sie bei Gagosian ihre gewaltigen Pumpkin-Skulpturen, die sie als Selbstporträts versteht. Es gibt eine poetische Neuauflage ihrer seit den Sechziger Jahren kreierten "Infinity Räume" ("Aftermath of Obliteration of Eternity", 2009), bei denen die Besucher in einer mit Spiegeln und kleinen Lämpchen ausgestatteten Box in die Unendlichkeit abtauchen. Parallel zu New York werden bei Gagosian in Los Angeles neue Blumenskulpturen ("Flowers that Bloom at Midnight") gezeigt. Die Kunst der 80-Jährigen hat an Glätte gewonnen, aber nach wie vor die Kraft, ein Gefühl von "Schwindel, Leere und Hypnose" zu verursachen, wie Kusama selbst es einmal beschrieb. Museen würden versuchen, sie in allen möglichen Gruppenausstellungen zu integrieren, so die Künstlerin. "Minimal Art, Pop Art, Kunst von Frauen. Aber Kusama ist nur Kusama, nichts anderes."

"Yayoi Kusama"

Termin: bis 27. Juni, Gagosian Gallery, New York; 30. Mai bis 17. Juli, "Yayoi Kusama: Flowers that bloom at midnight", Gagosian Gallery, Beverly Hills.

http://www.gagosian.com

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