Thomas Bayrle

Der Raster-Mann

Thomas Bayrle ist unser bester Pop-Art-Künstler. Das wurde spät erkannt. Aber wer erwartet das auch: Stringenz und Klugheit, ja. Aber so viel Witz und Coolness mitten in Deutschland? Das Münchner Lenbachhaus bereitet seinen Autobahnbildern jetzt die große Bühne.
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Raster-Mann aus Frankfurt: Thomas Bayrle

Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Man muss es sich hundertmal vorstellen, tausendmal und noch öfter. Man muss es sich leise gemurmelt vorstellen, mechanisch runtergerattert, ohne Betonung.

Als rhythmischen Soundteppich, der sich mit dem gleichförmigen Brummen eines Automotors auf seltsam plausible Art mischt. Ob vor Thomas Bayrle schon mal jemandem die Gemeinsamkeiten zwischen einer Rosenkranz-Litanei und dem Dröhnen der Motoren aufgefallen sind? Unwahrscheinlich, zu groß sind auf den ersten Blick die Differenzen. Doch spätestens seit der Documenta 13, wo Bayrle genau diese Elemente zu einem stimmigen Akustik-Gewebe kombiniert hat, dürfte manchem ein Licht aufgegangen sein. Ein Citroën-2CV-Motor vereinigte sich dort mit französischen Gebeten. Eine italienische Moto-Guzzi-Maschine mit italienischen. Bayrle hat auch englische, spanische und deutsche Stimmen aufgezeichnet, in Frankfurter Gemeinden und mit Erlaubnis der jeweils Betenden.

Und jetzt kommt es noch besser. Nach knapp 30 Jahren ist es dem Künstler (Jahrgang 1937) gelungen, einen Reifenproduzenten zu finden, der eine Idee umsetzt, die er bereits 1987 hatte: Autoreifen herzustellen, deren Profil aus christlichen Kreuzen besteht und auf deren Seiten sich das Ave Maria dreht: Heilige Maria ... außen, in lateinischer Sprache. Und innen, ebenfalls in Latein: "Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus" – Bayrle zitiert das Gebet, als habe er selbst es schon Tausende Male vor sich hin gemurmelt. Damals hatte sich kein Reifenprozent gefunden, der mitziehen wollte: "Dunlop, Pirelli, Michelin – die haben von vorneherein abgewunken", erzählt der Künstler, während er in seiner Küche einen Espresso aufsetzt.

Bayrle wohnt in einem nur acht Meter schmalen, dennoch lichtdurchfluteten Neubau der Architektin Marie-Theres Deutsch in Frankfurts Amüsierviertel. Erst vor gut vier Jahren ist er mit seiner Frau, der Videokünstlerin Helke Bayrle, hier eingezogen, weil sie ihre alte Wohnung nach 36 Jahren räumen mussten. Jetzt leben sie also in Alt-Sachsenhausen zwischen alten Holzmöbeln und Kunst, die nicht ihre eigene ist. Vor allem im Schlafzimmer hängen und stehen Werke von Franz West oder Lawrence Weiner, doch das meiste stammt von Bayrles ehemaligen Studenten wie Sergej Jensen, Stephen Suckale, Tue Greenfort oder Thomas Zipp und Thilo Heinzmann, die zum Beispiel das Doppelbett gebaut haben, an das Thomas Bayrle seiner Frau jeden Morgen das Frühstück serviert. Zwischen 1975 und 2002 war Bayrle Professor an der Frankfurter Städelschule, und es ist auffällig, wie außergewöhnlich viele seiner Studenten heute sehr erfolgreich sind. Zumal es bei ihm selbst eher lange gedauert hat, bis der ganz große Durchbruch kam.

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Ein Bett für den Professor: Bayrle in seiner Wohnung in Sachsenhausen. Die grüne Stroh-Rumflasche ist ein Geschenk von Künstlerfreund Franz West.

Bayrle hat den Computerdruck ohne Computer erfunden, zusammen mit seinem Freund Peter Roehr war er der radikalste unter den deutschen Pop-Art-Künstlern – bloß hat das lange Zeit kaum einer registriert. Im Alter von etwa 70 sei es noch einmal richtig losgegangen, erzählt der Künstler völlig unaufgeregt, wie es seine Art ist. Jetzt ist er 79 und kann sich vor Anfragen kaum retten. Ausstellungen in Turin, im chinesischen Su­zhou, in Wiesbaden; eine Retrospektive im ICA in Miami und eine Schau im Münchner Lenbachhaus stehen unmittelbar bevor – nicht zu vergessen die Biennale in Montreal, wo die beschrifteten Autoreifen zum ersten Mal zu sehen sein werden.

Doch zurück zum Bett, genauer: zum afghanischen Teppich, der davor auf dem Boden liegt und jeden irritieren muss, der ihn zu Gesicht kriegt. Russische Panzer, Hubschrauber und Sturmgewehre bilden darauf ein verstörendes Ornament – ein Geschenk von Ausstellungsmacher Kasper König. Bayrle war Weber, bevor er zur Kunst kam. Von 1956 bis 1958 machte er eine Ausbildung in der mechanischen Weberei Gutmann in Göppingen. "Ein sehr prägendes Erlebnis", sagt der Künstler, und das ist maßlos untertrieben. Bayrle lernte Jacquard-Webung, eine Technik, die von dem Franzosen Joseph-Marie Jacquard entwickelt wurde. "Jacquard hat vor fast 200 Jahren das Lochkartensystem erfunden, um komplexe, unregelmäßige Webmuster zu steuern. Dieses Programmieren über Lochkarten war eine der entscheidenden Erfindungen auf dem Weg zum Computer", erklärt Bayrle. Er wirkt noch heute beeindruckt. "Das Monotone und der wahnsinnige Lärm von 200 Maschinen im Websaal" haben ihn damals nachhaltig beeinflusst. Jedoch nicht so, wie es üblich erscheint: Bayrle war nicht abgeschreckt, sondern zutiefst fasziniert. "Um in dem Lärm eines Websaals existieren zu können, gab es für die Arbeiter nur die Möglichkeit aufzuhören – oder auf die Situation einzugehen", erklärt er.

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Den afghanische Teppich bekam Bayrle von Ausstellungsmacher Kasper König.

Also gab sich Bayrle der Situation hin, indem er auf den Rhythmus und den Sound seiner Maschine einging, anstatt sich dagegen zu stemmen – "eine Art von Verschmelzen zwischen menschlichem Körper und Maschine." Bei einer gewissen Frequenz begann die Maschine plötzlich zu singen, da hörte er "zarte, im Rhythmus sich wiederholende menschliche Stimmen". Je intensiver er hinhörte, desto stärker erinnerte ihn das Sound-Gemisch an die Rosenkranzgebete seiner Kindheit. Er sah "die alten, schwarz gekleideten Frauen aus der Dorfkirche" vor sich, "die sich jeden Donnerstagnachmittag um 16 Uhr trafen". Bayrle erkannte ein Muster, eine rasterhafte Struktur, die das gesamte Leben durchdringt.

Es folgte eine Ausbildung zum Druckgrafiker an der Werkkunstschule Offenbach am Main. 1964 schließlich, aus einer Laune heraus, baute Bayrle eine hölzerne, mit einem Motor ausgerüstete Maschine, in der Hunderte chinesischer Schuljungs hinter dem Porträt von Mao Zedong Gymnastik machen. Auf Knopfdruck setzen sich die Figuren marionettengleich in Bewegung. Bayrle baute weitere Maschinen, in denen Nazis den Arm zum Hitlergruß recken oder westliche Konsumenten den Schrubber zur Ajax-Flasche schwingen, ganz so als sei die ethnische Säuberung im Dritten Reich nach dem Krieg einfach durch den Hygienezwang der deutschen Biedermänner und -frauen ersetzt worden. "Damals interessierte mich nur das Ornament der Masse", erklärt Bayrle heute. "Ich achtete kaum auf ideologische Unterschiede und mischte – gegen den Protest meiner linken Freunde – kommunistische und kapitalistische Elemente ineinander."

Schlichte Propaganda war nicht seine Sache

Was nicht bedeuten soll, Bayrle sei unpolitisch gewesen, ganz im Gegenteil. Doch schlichte Propaganda war nicht seine Sache. Lieber brachte er die Absurdität des Geschehens und die Gleichschaltung der Massen in Ost und West auf einen irritierenden und doch schlagenden Punkt. Ob in China Fahrräder oder Mao-Bibeln gestapelt wurden oder sich im Westen Mon-Chéri-Packungen türmten, sei ihm egal gewesen, allein die Quantität habe ihn interessiert. "Als ich bei Ferrero sah, wie Schokoladeautomaten in rasender Geschwindigkeit Pralinen ausspuckten, war das beängstigend und großartig zugleich", erinnert sich Bayrle. "Ich fragte mich: Wer soll das alles kaufen? Wer soll das alles essen? Und: Wie verarbeitest du das? Das Absurde an der Massenproduktion war ihre beängstigende Dimension und ihr gleichzeitig unfreiwilliger Humor. Das war Pop."

Mit transparenten Plastikmänteln, auf denen bunte Tassen, Schuhe oder Kühe ein serielles Muster bilden, wurde Bayrle schließlich zum deutschen Pop-Art-Künstler par excellence. "Sonntags konnte ich alleine in einer großen Siebdruckerei arbeiten. Dabei bedruckte ich so gut wie alles, was mir in die Hände kam: Papier, Plastik, Tapeten, Stoffe, Wände etc. Meine Vorstellung war, dass wie im Märchen vom Breitopf der Brei der Massenproduktion unaufhaltsam überläuft."

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 Individuum und Masse: die Collage "Stadt" von 1977

Das Verhältnis zwischen Individuum und Masse wurde zu Bayrles Lebensthema. Seit den sechziger Jahren hat der Künstler Mega-Skulpturen aus zahllosen Glücksklee-Dosen oder Maggi-Flaschen zusammengesetzt und damit ironische Waren-Ikonen geschaffen. Nach einem ganz ähnlichen Prinzip verfuhr er in seinen Bildern und Filmen, die häufig urbanistische Utopien ironisieren. Hier verflechten sich Pappautobahnen zu Dollarzeichen, formt Hochhausarchitektur eine Schreibmaschine. Auch in den Grafiken und Siebdruckarbeiten des Künstlers werden die Massen durch Raster repräsentiert, ergeben einzelne Piktogramme als Ornament ein Superzeichen. Manchmal verschmelzen sie zu etwas, das auf den ersten Blick völlig kon­trär erscheint.

Wir gehen ein Stockwerk tiefer, wo Bayrle ein kleines Büro hat. Neben den poppigen Regenmänteln, die damals für 45 Mark im Kaufhof angeboten wurden, stehen große bedruckte Leinwände voller winziger Totenköpfe an den Wänden. Tritt man wenige Schritte zurück, verwandeln sich die Schädel in ein flirrendes Muster, das sich zu einer riesigen Madonna – Michelangelos Pietà – verformt. Es handelt sich um Entwürfe für einen 4,50 mal 4,50 Meter großen Teppich, der derzeit in einer Handweberei im französischen Aubusson hergestellt wird. Er soll dort im Tapisserie-Museum und später in einem 2017 eröffnenden Museum für die Opfer des Ersten Weltkriegs an der elsässischen Gedenkstätte Hartmannswillerkopf ausgestellt werden. Kunst und Religion, vor allem die christliche, sind für Bayrle untrennbar mitein­ander verwoben.

Es sind die Archetypen und Kodierungen in der christlichen Ikonografie, die ihn interessieren: "Der Blick, die Körperhaltung, die standardisierten Proportionen, Verhältnisse von Farben und Formen der Körper waren genormt", erklärt der Künstler. "In den verschiedenen Ikonenschulen waren gleiche Codes und Formen vorgegeben, die immer anders gefüllt wurden. Mit anderen Worten waren die Ikonen eine hoch individuelle Massenproduktion." 1988 schuf Bayrle ein Christusbild, in dem die einzelnen Segmente der Figur mit identischen Abschnitten der Autobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt gefüllt sind. Damals entstanden solche Arbeiten noch in Handarbeit, heute hilft ihm der Künstler Martin Feldbauer am Computer. "Ich glaube an gar keine Wiederholung", sagt Bayrle, dessen Arbeiten auf gespenstische Weise seit mehr als 40 Jahren aktuell anmuten, und man ist kurz irritiert. Nicht?! "Die Körner sind ähnlich, aber niemals gleich. Nichts ist wirklich gleich. Auch in der Ähnlichkeit herrscht Individualität."

Wenige Tage später sitzen wir im ehemaligen Bahnhof von Essershausen vor einem gigantischen Streuselhügel, unter dem sich ein Apfelkuchen verbirgt. Bayrle hat ihn selbst gebacken, und man kann nicht umhin, die Streusel als perfekte Verkörperung des Individuellen in der Masse zu sehen – jeder ein wenig anders. Bayrles haben den ländlichen Bahnhof samt Garten 1970 gekauft. Hier bauen sie Kartoffeln, Spargel, Kürbis, Rote Beete und Grünkohl an, hier wachsen Blumen, Beeren und Apfelbäume. Die meisten Werke von Thomas Bayrle entstehen in der ehemaligen Wartehalle, ein Raum mit riesigen Tischen, in dem jetzt neue, recht merkwürdige Collagen an der Wand lehnen. Den Hintergrund bilden Reste einer seiner Documenta-Arbeiten: Pappplatten, von denen Bayrle aufgeklebte Autobahnmodule heruntergerissen hat. Die Fetzen, die dadurch von der Oberfläche abstehen, hat er mit Gips fixiert. Darauf hat er – mit Abstand zum Hintergrund – die scharfkantig ausgeschnittenen Adern vergrößerter Geranienblätter (ebenfalls aus Pappe) geklebt. Eine Zukunftsvision? Nach dem Motto: Wenn der Mensch längst Vergangenheit ist, bleibt die Pflanze als Verkehrssystem? "Um die Natur brauchen wir uns keine Sorgen zu machen", glaubt Bayrle, "höchstens um uns selbst. Sie wird sich weiter wandeln und uns überleben."

Draußen scheint die Sonne auf Glyzinien und Kapuzinerkresse; Bayrle erntet Mangold für seine Gäste. Man solle ihn jetzt aber bloß nicht für einen romantisch-verklärten Öko halten, sagt der Künstler und putzt sich mit einem weiß gepunkteten roten Taschentuch die Nase. Der Raster-Man als naiver Natur-Enthusiast? Keine Sorge. Darauf wären wir nun wirklich nicht gekommen.

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Als einer der Ersten in Deutschland schuf der Maler, Grafiker und Video-Künstler (*1937) computergenerierte Bilder und bediente sich dabei des Prinzips des Seriellen, was ihn früh in die Nähe der US-amerikanischen Pop Art rückte
Lenbachhaus – Kunstbau ,  München