Georgia O'Keeffe in Wien

Stark, unabhängig, eigenwillig

Sie war die erste Frau mit einer Einzelausstellung im MoMA. Ein Gemälde von ihr ist das teuerste je versteigerte Bild einer Künstlerin. Für viele ist sie immer noch eine Ikone. Endlich gibt es wieder eine große Ausstellung von Georgia O'Keeffe in Europa.

Große Ausstellungen über Georgia O'Keeffe gibt es nicht jeden Tag in Europa, aber sie beginnen sich zu häufen: 2012 war die erste umfassende in Deutschland zu sehen, in der Hypo-Kunsthalle München. Jetzt schneit von der Londoner Tate aus schon die nächste herein, die erste in Wien zumindest, übrigens ebenfalls in der Kunsthalle einer Bank: dem BA-Kunstforum.

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Immerhin hat die Wahrnehmung dieser weiblichen Ikone der amerikanischen Kunst mittlerweile durchaus auch etwas mit dem schnöden Geld zu tun: Seit zwei Jahren führt eines vom O'Keeffes berühmten Blumenbildern, "Jimson Weed/White Flower No. 1" von 1932 die Liste der teuersten je versteigerten Bilder einer Künstlerin an. 35,5 Millionen Euro brachte die Stechapfel-Blüte damals bei Sotheby's, erworben wurde das Werk von Walmart-Erbin Alice Walton für ihr Crystal Bridges Museum for American Art in Arkansas. Jetzt ziert es Plakate und Katalogcover der Wiener Retrospektive. Es ist tatsächlich ein tolles Bild, großformatig, enigmatisch, strahlend. Es erzählt viel über seine Schöpferin, die damals, Mitte 40, schon New York erobert hatte, eine der bestverdienendsten, bekanntesten Künstler ihrer Zeit war, verheiratet mit dem berühmten Fotografen und ihrem größten Mentor, Alfred Stieglitz. Schlicht: Sie war ein Star.

Stieglitz verkaufte die in dieser Zeit entstehenden Blumenbilder seiner Frau für enormes Geld, schon damals. Er bestimmte auch ihre Interpretation, gegen die sich O'Keeffe später relativ umsonst verwehrte, er deutete die aufklaffenden Blüten beziehungweise den Kolben der Calla nämlich sexuell, erotisch. Und er prägte das Bild der Künstlerin selbst, die er hunderte Male fotografierte und als Femme Fatale inszenierte. Für Stieglitz war O'Keeffe – die Farmerstochter aus Wisconsin, die nie in Europa war – der Inbegriff der aus sich selbst schöpfenden, amerikanischen Künstlerin. Das war Stieglitz' Mission: Eine nationale, amerikanische Moderne zu etablieren, die sich von der europäischen emanzipiert hat. O'Keeffe war das Rolemodel, das Stieglitz zu Beginn gewiss formte. In diesem Sinne war es klar, dass O'Keeffes Kunst in den USA derart einflussreich wurde. Sie weist auf die Pop Art hin, auf den Minimalismus, aber auch auf feministische Selbstdarstellung von Künstlerinnen. Die weiße Stechapfelblume in der Ausstellung trägt aber auch schon etwas von der Emanzipation O'Keeffes von ihrem Mann in sich.

1929 war O'Keeffe erstmals gen Westen aufgebrochen, mit ihrer Geliebten

Die Stechapfelblume, Datura, spielt in der europäischen Medizin überhaupt keine Rolle. In der Tradition der nativen amerikanischen Bevölkerung dafür sehr wohl, als Heil- aber auch Ritualpflanze, durch den von ihr hervorgerufenen Rauschzustand etwa wollte man mit den Ahnen Kontakt aufnehmen. 1929 war O'Keeffe erstmals gen Westen aufgebrochen, nach New Mexiko, gemeinsam mit ihrer Geliebten, der Frau des Fotografen Paul Strand. Damals scheint vieles lockerer gewesen zu sein, denkt man etwa an das europäische O'Keeffe-Pendant, die ebenfalls bisexuelle Femme Fatale Tamara de Lempicka. O’Keefe jedenfalls strandet in der Taos-Künstlerkolonie von der nicht weniger schillernden Mäzenin Mabel Dodge Luhan. New Mexico war und ist immer noch eine Art Asyl für die Exoten der reichen East-Coast-Society. Seit damals jedenfalls verbrachte O'Keeffe, solange Stieglitz noch lebte, das halbe Jahr in New Mexico. Nach seinem Tod 1946 dann das ganze.

Ihre zwei Häuser, die sie in der unwirtlichen, ewigen Weite voller Klapperschlangen und gebleichten Tierskeletten, die sie ebenfalls malte, besaß, sind noch heute O'Keeffe-Pilgerstätten. Denn eine Ikone ist sie, für viele Maler und Malerinnen heute noch. Stark, unabhängig, eigenwillig, ganz dem (männlichen) Genie-Klischee entsprechend, mit Feminismus wollte sie natürlich nichts am Hut haben, was sie mit anderen dieser frühen Generationen wie Louise Bourgeois oder Maria Lassnig verbindet. Das wurde belohnt, mit der ersten Einzelausstellung, die je eine Frau im MoMA bekam, 1946. Und mit Preisen, die zwar bei weitem nicht die ihren männlichen Kollegen erreichen, aber immerhin das Frauen-Ranking anführen. Und mit einem Platz (fast) ganz oben im Olymp der Künstler, die dem Land der (fast) unbegrenzten Möglichkeiten seine unverwechselbare Ästhetik schenkten.

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