Niki de Saint Phalle in Dortmund

Ende der Traurigkeit

»Ich wollte die Welt, und die Welt gehörte den Männern.« Also nahm Niki de Saint Phalle ein Gewehr und schoss sich den Weg in die Welt frei. Die Schöpferin der Nanas wurde zur Kultfigur der feministischen Bewegung. Aber warum wirken die Werke, mit denen die Künstlerin in den sechziger Jahren berühmt wurde, immer noch so frisch?
Ende der Traurigkeit

Niki de Saint Phalle: "Dolorès", 1966−1995, Polyester, bemalt, auf Maschendraht, 7-teilig, Sprengel Museum, Hannover

"Unser Zuhause war beschränkt", schrieb Niki de Saint Phalle in einem nie abgeschickten Brief, "ein enger Raum mit wenig Freiheit." Die Frauen ihrer Familie erschienen ihr als "unglücklicher Haufen". So wollte sie, die mit elf Jahren vom Vater missbraucht wurde, nicht enden. "Ich wollte die Welt, und die Welt gehörte den Männern." So nahm die geborene Catherine Marie-Agnès Comtesse Fal de Saint Phalle (1930 bis 2002) ein Gewehr und schoss sich den Weg in die Welt frei.

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Heute wird gerne über die "Flintenweiber" des frühen Feminismus gewitzelt wie über eine Steinzeit der Geschlechterbeziehungen, die wir weit hinter uns gelassen haben. Doch warum wirken die Werke, mit denen de Saint Phalle in den sechziger Jahren berühmt wurde, dann immer noch so frisch? Ihr Männerbildnis "Saint Sébastien or Portrait of my Lover", das eine Zielscheibe anstelle eines Kopfs trägt, kann man ebenso getrost zeitlos nennen wie ein bereits 1959 entstandenes, wie mit Scherben gezeichnetes Selbstporträt; niemand hat die Tragik der "Sexgöttin" Marilyn Monroe besser erkannt als de Saint Phalle und niemand das Matriarchat so lebenslustig gefeiert wie die französisch-schweizerische Künstlerin mit ihren überlebensgroßen Fruchtbarkeitsfiguren, den Nanas.

Ein magischer Garten
In der südlichen Toskana hat die Französin Niki de Saint Phalle einen phantastischen Skulpturenpark vollendet. Vorlage waren die geheimnisvollen Karten des Tarot-Spiels

Und dann sind da noch ihre Schießbilder, für die sie kleine, in strahlend weiße Altäre eingebaute Farbbeutel mit scharfer Munition zum Platzen brachte: eine bewusste Geste der Selbstermächtigung in der Machowelt der Nachkriegskunst. Unter dem Titel "Ich bin eine Kämpferin." führt das Museum Ostwall im Dortmunder U die Frauen­bilder im Werk von Niki de Saint Phalle vor. Anhand von über 100 Werken zeigen die Kuratoren, wie sie sich mit weiblichen Rollenbildern auseinan­dersetzte, indem sie "ursprüngliche" Rollen wie die Mutter, die Gebärende, die Göttin ins Groteske steigerte oder ins Utopische wendete.

Die Ausstellung umfasst Skulpturen, Gemälde, Papierar­beiten sowie Fotos und Filme – und verfolgt die Entwicklung des Werks in enger Beziehung zur Lebensgeschichte der Künstlerin. Um deren Liebe zum Theater geht es in der Schau "Niki de Saint Phalle und das Theater – At Last I Found the Treasure" in der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim. Hier kann man neben der Bühnen- und Kostümbildnerin de Saint Phalle auch die Autorin entdecken, die zur documenta 1968 ein Theaterstück schrieb.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint bei Hatje Cantz und kostet im Museum 19,90 Euro.

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.

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Niki de Saint Phalle
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