Bhupen Khakhar in Berlin

Good Luck mit Bad Taste

Bhupen Khakhar gilt als erster Pop-Art-Künstler Indiens. Dass sein umfangreiches Werk aber über diese recht eindimensionale Etikettierung weit hinausgeht, kann jetzt in einer Einzelausstellung in Berlin entdeckt werden.
Good Luck mit Bad Taste

Die Analyse indischen Alltags und seine eigene Homosexualität analysiert Bhupen Khakhar in: "You Can’t Please All", 1981

Ein ironisches "Good Luck" ist in unbeholfener Schrift auf orangefarbener Fußmatte zu lesen, die in einem so surreal wie gleichzeitig naiv-sachlich erscheinenden Friseurgeschäft liegt. Ein fast schon amateurhaft gemalter Mann mittleren Alters sitzt in der rechten Bildhälfte auf dem Friseurstuhl, seine vor ihm auf dem Boden liegenden Haare bezeugen: Der Haarschnitt ist geglückt, der Kunde, es handelt sich um Bhupen Khakhar, dem Maler dieses Bildes "Barber’s Shop", 1973, schaut entsprechend zufrieden in den vor ihm hängenden Spiegel.

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Strecken Teaser

Der Bildraum des Gemäldes ist immer wieder unterteilt in leuchtend-monochromen Farbflächen, das Spektrum reicht von Hellgrün, Rosa bis zu knalligem Gelb. So changiert dieses "Handwerksgemälde", wie es Khakhar selbst nannte, wohlkalkuliert zwischen poetischer Abstraktion und beobachtender Darstellung und erinnert dabei sowohl an den popigen Stil eines David Hockney wie an die eigenwillige Ästhetik des "Zöllners" Henri Rousseau.

Auch wenn der Besuch der Deutschen Bank KunstHalle nach den jüngst Enthüllungen über das Geldinstitut – die Deutsche Bank unterstützte Donald Trumps Wahlkampf finanziell – schwerfallen mag, er lohnt sich dennoch. Khakhars Malerei überrascht dank seiner stilistischen Vielfalt, in der dann vor allem ein künstlerisches Problem intelligent und spielerisch zugleich untersucht wird, nämlich die Spannung von inhaltlicher Erzählung und formaler Komposition. Khakhar, der übrigens auch als Schriftsteller tätig war, formulierte es so: "Wie kann der narrative Aspekt in ein Gemälde miteinbezogen werden, ohne seine Struktur zu zerstören?". Dieser Frage ging der 2003 gestorbene Künstler, der 1992 an der documenta IX. in Kassel teilnahm, in seiner gut 40 Jahren lange Karriere mit künstlerischen Strategien nach, die das Zitieren religiöser und volkstümlicher indischer Kunst ebenso mit einschlossen wie das Experimentieren mit expressionistischer Kunst, Pop Art und einem erklärtermaßen "bad taste", der immer wieder nicht nur in Indien aneckte.

Selbstbewusster Außenseiter

"You can’t pleae all" heißt dann nicht nur diese Ausstellung, sondern auch ein überaus wichtiges Bild des Künstlers, in dem er 1981 zwei zentrale inhaltliche Anliegen seines Schaffens auf den Punkt brachte: Die Analyse indischen Alltags und seine eigene Homosexualität. Das alltägliche Geschehen in einer indischen Kleinstadt dient hier als Rahmen für eine visuelle Erzählung, die auf einer Fabel Aesops basiert: Ein Vater und sein Sohn führen einen Esel, lassen sich überreden zu zweit auf diesem zu reiten, so dass der Esel stirbt und begraben werden muss. Im Vordergrund des Bildes ist ein nackter Mann auf einem Balkon zu sehen. Der Mann, wiederum handelt es sich um ein Selbstporträt, präsentiert sich ungeniert in seiner Nacktheit und beobachtet das Treiben in der Stadt, kann selbst allerdings auf dem Balkon, hier gedacht als Schnittstelle von privatem und öffentlichem Raum, nicht gesehen werden. Ein Jahr nach seinem Coming out zeichnet Khakhar so ein Bild als selbstbewusster Außenseiter in der Gesellschaft. Homosexualität ist in Indien bekanntlich stark tabuisiert, dennoch werden die homoerotischen Darstellung Khakhars in den folgenden Jahren drastischer, zum Beispiel in seinem Bild "Party", 1988, das eine Gruppe Männer, dargestellt in einem beinahe karikaturhaftem Schwarz-Weiss, beim kollektiven und alkoholgeschwängerten Geschlechtsverkehr zeigt.

Dezidiert politische Aussagen sucht man bei Khakhar vergebens, selbst in dem Bild "Muktibahini Soldier with a Gun", 1972, das einen Freiheitskämpfer im Bangladesh-Krieg zeigt. Statt militärischer Kleidung trägt der Soldat nämlich ein schlichtes weißes T-Shirt und die im Hintergrund dargestellten kriegerischen Handlungen erinnern eher an spielerische Übungen, denn an tatsächliche Aggression. Vor allem aber: Der Gesichtsausdruck des Mannes ist ein besinnlich-melancholischer, fast schon schüchterner. So nimmt dieses Bild in keinster Weise eine wie auch immer parteiische Haltung zu dem damals überaus blutig ausgetragenen Konflikt ein, konzentriert sich stattdessen auf den psychologischen Moment der Einsamkeit des Soldaten. Wiederum abseits also steht da ein Protagonist eines Bildes von Bhupen Khakhar, genau diese Distanz zu Allgemeinheit und Norm macht dann auch die nachdenkliche Kraft dieser Kunst aus.

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