Otto Dix

Mit schonungslosem Blick

Otto Dix wollte sehen, was die Welt zu bieten hat. Mit seinen Straßenszenen von fratzenhaften Kreaturen aus der Großstadt wurde er bekannt, den Krieg wollte er »auf keinen Fall versäumen«, privat führte der Meister der Neuen Sachlichkeit sogar ein Doppelleben. Eine Ausstellung zeigt jetzt, wie vielseitig das Werk von Dix, der in diesem Jahr 125 Jahre alt geworden wäre, einst war.
Mit schonungslosem Blick

Otto Dix: "Vanitas", 1932

Ein wenig geschmacklos wirkt es schon. Otto Dix lief mit offenen Augen durchs Leben, wollte sehen, was die Welt zu bieten hat, im Guten wie Schlechten. "Der Krieg", meinte der Maler, habe "etwas Gewaltiges“, das er aber "auf keinen Fall versäumen" wolle. So meldete sich Otto Dix freiwillig zum Ersten Weltkrieg und war bei der Feldartillerie an der West- und Ostfront im Einsatz.

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In Zeichnungen und Gouachen fing er das Grauen ein, schonungslos zeigte er tote Leiber, Schädel, durch die Würmer kriechen oder auch eine verzweifelte Mutter, die im Wahn ihren toten Säugling stillen will. Der Krieg hat ihm wahrlich starke Motive geliefert – und ihm selbst wohl auch einen süßen Schauer verschafft: "Du kannst dir das nicht vorstellen, was es für ein Gefühl ist, wenn du einem anderen das Bajonett in den Wanst rammeln kannst!", schrieb er einmal an einen Kollegen.

Im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen sind die Blätter aus dem Krieg zu sehen in der umfassenden Ausstellung "Alles muss ich sehen!“. Denn das Museum hat in seiner Sammlung rund 400 Arbeiten von Otto Dix und rühmt sich, damit über einen der größten Dix-Bestände in öffentlicher Hand zu verfügen. Dieser Bestand wurde nun komplett aus dem Depot geholt und gebündelt zu thematischen Einheiten zu Natur, Porträt, Akte oder auch Landschaft. Auch wenn die Ausstellung mit ihrer Fülle und ständigen Sprüngen durch Stile und Phasen eher verwirrt als klärt, macht sie doch deutlich: Otto Dix war enorm vielseitig und hat in seiner künstlerischen Karriere diverse Entwicklungen durchgemachte.

Fratzenhafte Kreaturen aus der Großstadt waren das Markenzeichen von Otto Dix

In diesem Jahr wäre Dix 125 Jahre alt geworden – und sein Geburtstag wird in Ost- wie Wesdeutschland gefeiert, nicht nur am Bodensee, wo er viele Jahre lebte, sondern auch in Gera, wo er 1891 geboren wurde und gerade sein Geburtshaus wiedereröffnet wurde. Dix war ein Arbeiterkind, in der Schule wurde er von seinem Zeichenlehrer gefördert. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler bekam er ein Stipendium an der Dresdner Kunstgewerbeschule.

Er sei ein "Wirklichkeitsmensch“, meinte Dix. In seinem frühen Werk steht er der Neuen Sachlichkeit nahe und spitzt die Wirklichkeit schonungslos und unverhohlen zu. Schnell wird er bekannt mit seinen Straßenszenen mit Kriegskrüppeln und fratzenhaften Kreaturen aus der Großstadt. Auch die Prostitution ist ein zentrales Motiv, in der Ausstellung im Zeppelin-Museum begegnet man entsprechend vielen Dirnen, auch wenn diese mitunter nicht sofort als solche auszumachen sind: Lippenstift und Hut sind es, die die Profession auf der Straße verraten.

Seit 2010 ist das Dix-Haus in Hemmenhofen wieder als Museum zugänglich

1927 wird Dix bereits Professor an der Dresdner Kunstakademie, aber 1933 als einer der ersten wieder entlassen. Um weiteren Diffamierungen durch die Nationalsozialisten zu entgehen, zieht die Familie 1936 nach Hemmenhofen am Bodensee, wo Martha Dix von einer Erbschaft eine Villa bauen lässt - mit Musikzimmer, großem Atelier und traumhaftem Seeblick. Nach dem Großstadtleben in Berlin und Dresden fällt der Familie der Umzug aufs Land trotzdem nicht leicht. Die Eheleute sind lebenslustig, beide lieben sie Jazz, gehen oft ins Kino und feiern gern. Seit 2010 ist das Dix-Haus in Hemmenhofen wieder als Museum zugänglich und erzählt vom geselligen Leben, das die Familie auch hier führte. Im Keller wurden an den Wänden sogar Zeichnungen entdeckt, die Dix für ein Faschingsfest angefertigte.

Was in der Ausstellung in Friedrichshafen nur in einem Brief Erwähnung findet: Dix führte zeitlebens ein Doppelleben und hatte in Dresden eine zweite Familie, die er regelmäßig besuchte. Die Höri aber blieb bis zu seinem Tod 1969 sein Hauptwohnsitz, hier ist das Gros seines Werkes entstanden. Aber die Idylle lieferte ihm nicht genug Anreize, er stehe "vor der Landschaft wie eine Kuh“, schrieb er einmal und wendete sich nun auch wieder christlichen Motiven zu.

Mit schonungslosem Blick
 

Das Otto-Dix-Haus in Hemmenhofen auf Höri, Aufnahme von 2007

Produktiv war Otto Dix bis zum Schluss

In der Ausstellung im Zeppelin-Museum trifft man gleich mehrfach Christopherus, der den Christusknaben übers Wasser trägt. Auch die erste Fassung der "Versuchung des Heiligen Antonius“ (1937) ist zu sehen, auf dem das sündige Weib und allerhand teuflische Gestalten den armen Alten bedrängen. Die Qualität seines Frühwerks aber erreicht er nicht mehr, vor allem die Landschaften machen deutlich, dass seine Kreativität stagniert.

Bilder des Krieges
Für den Horror des Krieges fand der deutsche Maler Otto Dix ein sehr altes Vorbild. Ein Leben lang blieb er mit dem Isenheimer Altar, dem Kultbild von Matthias Grünewald, in Zwiesprache. Das Original sah Dix ein erstes Mal in Gefangenschaft

Produktiv war Dix dennoch, was sich an der enormen Fülle in der Ausstellung im Zeppelin-Museum ablesen lässt. Gerade den weiblichen Akten wird viel Raum gegeben, während es wenige Großstadtszenen gibt, die für das Werk von Dix doch eigentlich zentral sind. Die Ausstellung mag zwar einen Eindruck der künstlerischen Bandbreite gerade auch im Spätwerk geben. Die pragmatische thematische Bündelung ist aber recht grob. Für eine sinnig komponierte Werkschau hätte man lieber eine Auswahl treffen sollen, statt einfach alles zu zeigen.

Im Alter wurde Otto Dix mit diversen Preisen ausgezeichnet und machte zahlreiche Ausstellungen – in der BRD als auch in der DDR. Gera nennt sich heute offiziell Otto-Dix-Stadt, beerdigt aber ist der Maler in Hemmenhofen. Bis zum Schluss ging Dix, bevor er morgens Brötchen holte, auf die Post, um die Briefe seiner zweiten Frau persönlich in Empfang nehmen zu können. Als er 1969 starb, zog der Leichenzug deshalb eigens an der Post vorbei, als Gruß an die Familie drüben im Osten.

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Themenseite Otto Dix / Foto: © Fred Stein / dpa
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