Július Koller in Wien

Ping-Pong für Ufonauten

Mit seinem Paralleluniversum aus Tischtennisschlägern und Fragezeichen ist Július Koller längst zur Kultfigur der Kunst geworden. Dem vermutlich einflussreichsten Konzeptkünstler, der hinter dem Eisernen Vorhang arbeitete, widmet das Wiener MUMOK jetzt eine große Retrospektive.
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Július Koller: "UFO-naut J.K. (U.F.O.)" Bearbeitete Fotoreproduktion mit Zeichnung aus dem Jahr 1970

 

Das wird eine Wucht von Werkschau – geht es immerhin um die Aufarbeitung des Œuvres des vermutlich einflussreichsten Konzeptkünstlers, der hinter dem Eisernen Vorhang arbeitete. Július Koller, 2007 mit Ende 70 in Bratislava gestorben, ist für viele jüngere Künstler eine Art Kultfigur – bei seinem Landsmann Roman Ondák, der wesentlich zu Kollers internationaler Wahrnehmung beigetragen hat, liegt das noch irgendwie auf der Hand.

Beim Thailänder Rirkrit Tiravanija schon weniger, der etwa 2013 Kollers 70er-Jahre-Performance "Universales Futurologisches Fragezeichen" auf dem Wiener Stephansplatz reinszenierte – und 100 Leute ein Fragezeichen bilden ließ. Flashmob würde man das heute nennen. Diese Frage, wie Kunst den Alltag tatsächlich beeinflussen, wie sie überhaupt in ihm auftauchen kann, aber auch die Flüchtigkeit von Kollers "Anti-Happenings" sind es, was viele einer jungen Generation beeinflusst.

Plakativ, komplex, unterhaltsam

Doch die Sprachbarriere ist nicht zu unterschätzen. Auch die Massen an Archivmaterial, die in Kollers Wohnung in Kisten lagerten und jetzt erstmals aufgearbeitet wurden, erklären, dass es drei Kuratoren brauchte, um diese erste große Einzelausstellung Kollers zu stemmen: Daniel Grún, Georg Schöllhammer und Kathrin Rhomberg sind langjährige Kenner dieses "unglaublich komplexen Werks" (so Rhomberg). In einem ersten Teil gastierte die Schau schon in Warschau, im Wiener mumok setzt sie jetzt aber mit 1400 Werken noch ausführlicher nach. Dabei wirkt sie auf den ersten Blick fast plakativ und unterhaltsam: Sind Kollers "Markenzeichen" doch gerade das Fragezeichen, der Tischtennisschläger und der für "Universalkulturelle Futurologische Operationen" stehende U.F.O.-Schriftzug. Gleich im ersten Raum der vom Wiener Architekten Hermann Czech gestalteten Ausstellung steht die legendäre Ping-Pong-Installation, die Koller 1970 in der Galerie der Jungen in Bratislava aufstellte: eine schlichte Tischtennisplatte mit Schlägern, an der man sich im Fairplay und der gepflegten, nach Regeln funktionierenden Kommunikation üben sollte. Es war Kollers Antwort auf die Niederschlagung des Prager Frühlings, von der er zutiefst enttäuscht war, so Rhomberg. Hatte er doch immer auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz gehofft.

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Im nächsten Jahr wird sie den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestalten. Im September zeigte die Künstlerin Anne Imhof den zweiten Akt ihres eindringlichen Werkzyklus »Angst« im Hamburger Bahnhof in Berlin

Vor dem Hintergrund der heutigen Krise der Demokratie gewinnt Kollers einladendes Setting wieder an Bedeutung. Es ist ein spielerischer, fast täuschender Einstieg in Kollers codierten Kosmos, den er sich obsessiv geschaffen hat. Er schuf ein Paralleluniversum voller Tennisplätze, Tischtennisplatten, Schriftbildern und immer wieder Fragezeichen, die er an Wände zeichnete, die auf den Schlägern und auf seiner Brille auftauchten. In dieser Welt war er der Ufonaut. In der tschechoslowakischen Realität hielt er sich mit Malkursen für Amateure und Kitschbildern über Wasser. Auch diese Anti-Bilder ließen die Kuratoren nicht aus. Wie sie überhaupt wenig ausließen. Ein Kraftakt.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König und kostet 24 Euro.
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Die bislang größte Retrospektive des slowakischen Künstlers (1939–2007) umfasst sein gesamtes Schaffen seit den frühen sechziger Jahren
mumok – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig ,  Wien