Postwar in München

Ohne Fleiß kein Preis

Europäische und amerikanische Nachkriegskunst kennt man zur Genüge – aber wie reagierten etwa japanische Künstler auf die Schrecken der Atombombe? Mit beinahe erdrückender Vielfalt zeigt die ambitionierte Ausstellung »Postwar« Positionen, die bisher aus dem Geschichtskanon ausgeschlossen waren – und verspricht damit nichts weniger als die Neukartierung der Nachkriegsmoderne.
Ohne Fleiß kein Preis

Ironische Reaktion auf die Allgegenwart der Atombombe: Roy Lichtensteins "Atom Burst", 1965, Acryl auf Leinwand

Man weiß nicht, wohin die Reise geht für Andrzej Wróblewskis "Blauen Chauffeur" und seine Fahrgäste, die wohl wir sind, da wir von hinten auf seinen Rücken und mit ihm durch die Frontscheibe blicken, davor eine unbestimmte, weiße Leere und ein glutroter Himmel über dem Horizont. Ein verheißungsvoller Sonnenaufgang? Oder die nächste Katastrophe, auf die man hier 1949 zusteuert?

Denn hinter uns liegt Schreckliches, wie es die in fahlen Blautönen bemalte Rückseite des Gemäldes zeigt: eine am Boden liegende Frau, ein bewaffneter Mann, ein gefesselter Jude, ein vermutlich totes Kind – die "Liquidierung des Ghettos", der Zweite Weltkrieg. Der Holocaust.

"Die Stunde null und das Atomzeitalter" heißt das erste Kapitel der Ausstellung "Postwar", die im Münch­ner Haus der Kunst die Kunst der Zeit von 1945 bis 1965 einer Neukartierung unterzieht. Sie will den Blick öffnen für Werke der Nachkriegsmoderne, die aus dem Geschichtsschreibungskanon ausgeschlossen waren, weil sie abseits der großen Kunstzentren produziert wurden. Oder nicht in das griffige Lagerdenken dieser Zeit passten, das die Welt des Kalten Krieges auch künstlerisch in zwei Blöcke aufteilte – hier die (freiheitliche) Abstraktion, dort der (staatlich verordnete) sozialistische Realismus.

Zwischen Ironie und Betroffenheit

Eindrücklich wird vorgeführt, wie unterschiedlich, je nach Standort, und zugleich verbindend die Perspektiven auf ein weltbewegendes Phänomen wie die Atombombenabwürfe 1945 aussehen können. Während der US-Amerikaner Roy Lichtenstein die Verflachung des weltweit massenmedial verbreiteten Atompilzsymbols comichaft reflektiert, malt das japanische Künstlerpaar Iri & Toshi Maruki auf wandfüllenden "Hiroshima-Tafeln" die brennenden Körper am Boden. Isamu Noguchi, ein in den USA geborener Bildhauer mit japanischen Wurzeln, verleiht dem zerrissenen Selbstverständnis Form, indem er Schieferplatten zu einem fast menschengroßen, nur in sich selbst Halt findenden Gebilde mit Namen "Humpty Dumpty" ineinandersteckt (im Kinderreim fällt dieser bekanntlich unheilbar auseinander).

Auf das erste folgen sieben weitere Kapitel, die vor Augen führen, dass die Nachkriegsabstraktion keine ausschließliche Angelegenheit weißer US-Amerikaner war und dass auch im Sudan, im Irak, in Mexiko, Indien oder Brasilien Künstler mit der Materialität ihrer künstlerischen Mittel um ein neues Menschenbild rangen. Ein Kapitel widmet sich verschie- den ausgeprägten realistischen Malstilen, ein anderes transnational verfolgten Ansätzen Konkreter Kunst. Ein weiteres stellt Mischformen in den Arbeiten migrierter, exilierter und vertriebener Künstler vor.

Der Bogen zur Gegenwart

Die letzte Abteilung will den Bogen zurück und wohl auch in die Gegenwart schlagen. Die Welt hat sich in den sechziger Jahren weiter vernetzt, durch Migrationen zunehmend durchmischt, doch der Blick in die Zukunft gibt weiterhin Anlass zur Skepsis: Gehen mit dem technologischen Fortschritt Freiheit oder neue Formen von Unterdrückung einher? Jedes der Kapitel würde eine Ausstellung für sich abgeben. Doch war eben gerade die Zusammenführung Hauptagenda der Kuratoren Okwui Enwezor, Katy Siegel und Ulrich Wilmes: von über 350 Werken von 218 Künstlern aus West und Ost, Fernost, Afrika, Nord- und Südkorea, Israel und Palästina. Von "Tausenden von Kuratoren, Denkern, Wissenschaftlern aus allen Teilen der Welt" (Siegel), die unter anderem im Rahmen einer vorbereitenden viertägigen Konferenz die diskursiven Weichen stellten.

Picassos wütende Anklage gegen den Krieg
Auf 27 Quadratmetern hat Picasso den Krieg thematisiert - inspiriert von einem Massaker im Baskenland. Auf Picassos eigenen Wunsch durfte das Bild lange nicht in Spanien gezeigt werden. Vor 35 Jahren kehrte es aus New York zurück - aber schwer angeschlagen

Dass die Schau, in der sich nun in manchmal erdrückender Dichte Kunst und Wissenschaft manifestieren, den Besucher überforden könnte, hatte Enwezor bereits im Vorfeld in Aussicht gestellt, jedoch gleichzeitig eingeräumt, nur so ließe sich "über das Gewohnte hinausdenken" (Interview in art 10/2016). Wer in der großartig bestückten, aber grenzwertig eng gehängten und stellenweise durch eingezogene Stellwände zusätzlich verschachtelten Schau die Orientierung verliert, darf sich immerhin als Teil eines revolutionären Projekts fühlen. Die Zuhilfenahme des Kurzführers ist dringend zu empfehlen, der schwergewichtige Katalog (848 Seiten) wohl am besten im Rollkoffer zu transportieren. Im Vorbeigehen lässt sich die Neukartierung der Weltkunstgeschichte jedenfalls nicht so mal eben mitnehmen.

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Prestel Verlag erschienen (69 Euro)

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.

Postwar – Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945–1965
Mit 180 Arbeiten von Künstlern zwischen Pazifik und Atlantik untersucht die Ausstellung erstmals die Nachkriegszeit als globales Phänomen und geht den großen gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit nach
Haus der Kunst ,  München