Ausstellung »Asylum« in Bielefeld

Index des Grauens

Funktioniert Kunst zur Flüchtlingskrise wirklich nur, wenn Sie die mediale Erregungsspirale bedient? Im Bielefelder Kunstverein stellt die Gruppenschau »Asylum« unter Beweis, dass künstlerischer Protest auch ganz leise geht.

Die dunkle Wandtapete am Eingang irritiert. Tatorte reihen sich in Kohle gezeichnet aneinander. Nicht frei skizziert, sondern nach der Vorlage von Zeitungsfotos. Was in diesen Flüchtlingsheimen geschehen ist, springt sofort ins Auge. Sie sind abgebrannt. Unter jedem Bild verweist eine Schrift auf Ort und Datum. Flensburg, Ludwigshafen oder Essen-Frillendorf sind Mitglied in diesem anschwellenden Club des fröhlichen Abfackelns von Steuergeldern. Die Opfer machen sich rar. Thomas Klipper wählt für sein Projekt "Burnout" lieber die Perspektive von Feuerwehrmännern und Polizisten. Sie müssen den Scherbenhaufen aus Hass und Mordlust wegräumen. Irgendwann ist ihre Schicht zu Ende, der Job getan. Die Opfer haben kein Heim, in dem sie das Erlebte hinter sich lassen könnten. Die Ablehnung bleibt ihnen auf den Fersen. Bis zur nächsten Entladung. Daran lässt dieser Index des Grauens keinen Zweifel.

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Strecken Teaser

Eine Gegenposition nimmt die aus Weißrussland stammende Marina Naprushkina ein, die sich mit Thomas Klipper den Raum teilt. Sie gründete in Berlin-Moabit ein Projekt, das Aktivisten, Nachbarn und Flüchtlinge zusammenführt. Auf bunten Linoldrucken versammelt sie Namen wie Ahmad oder Nizat samt ihrem Einreisedatum nach Deutschland. Auf einem Tisch geben Gerichtsakten Einblick in den Stand ihrer Asylverfahren. Hinter jeder Akte verbirgt sich ein leibhaftiger Mensch mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Eine entwaffnend simple Strategie, um den Betrachter mit den Biografien hinter den überwältigenden Flüchtlingszahlen zu konfrontieren. Das gilt auch für Vera Drehbuschs Installation "Konserven". Ein iranischer Pflaumenmus, eine irakische Brombeer-Marmelade und ein saudiarabischer Holundersaft, allesamt "illegal" geerntet im Sommer 2012 in ehemaligen Botschaftsgärten in Bonn, reichen aus, um eine geopolitische Konfliktlage augenzwinkernd ins Bewusstsein zu rufen. Minimalistisch auch die handgenähten Schwimmwesten von Katerina Sedá. Wo Ai Weiwei monumental klotzt, beschränkt sich die Tschechin auf im Handel nicht erhältliche Spezialanfertigungen für Säuglinge, die sie in Reih und Glied zu einer begehbaren, sanft flüsternden Aufforderung verdichtet, die Modelle bitte in eine Serienproduktion zu überführen.

Alexandra Wach
Alexandra Wach ist freie Kunstkritikerin und Kulturjournalistin aus Köln. Neben Hörfunk schreibt sie für verschiedene Tageszeitungen, Zeitschriften und Kunstmagazine.

Eine dankbare Reflexionskurve bietet Anna Witt mit ihrer Videoinstallation "Durch Wände gehen" an. Sie lässt eine aus der DDR in den achtziger Jahren geflüchtete Frau ins Gespräch mit einem syrischen Flüchtling von heute kommen und entdeckt erstaunliche Parallelen. Auch Tobias Zielony schlägt erst auf den zweiten Blick Alarm, indem er in seinem Bildzyklus "The Citizen", der bereits auf der letzten Biennale von Venedig zu sehen war, eine unaufgeregte Intimität mit den porträtierten Flüchtlingen herstellt. Von einer Frau aus Eritrea sieht man nur den Rücken. Die Finger der Hand, mit der sie nach einem Baumast greift, sind rot lackiert. Möchte sie hoch steigen? In die Sicherheit? Weg vom aufreibenden Getümmel auf dem Boden?

»Komfortzone trifft Todesangst«

Sie und die anderen Aktivisten sind in Hamburg und Berlin gestrandet, stammen aus Afrika und begnügen sich nicht damit, passiv im Opfer-Modus zu verharren. Wandarbeiten verweisen auf die Lebensumstände in ihren Herkunftsländern. In Zeitungen erzählen die Fotografierten ihre Geschichte. Diese dokumentarische Konzeptkunst gibt sich bescheiden und schafft es doch, den Betroffenen nach der Flucht einen Anker hinzuwerfen, der sie im Hier und Jetzt verortet. Das möchte auch der Türke Halil Altindere. In der Berichterstattung von der Berlin Biennale wurde sein Musikvideo "Homeland" konsequent übergangen. In Bielefeld ragt er in dem programmatisch leisen Umfeld umso heftiger heraus. Man schaut dem aus Syrien geflohenen Rapper Mohammed Abu Hajar bei seiner im Kollektiv nachinszenierten Flucht über Zäune und Landminenfelder fassungslos zu. Die jungen Männer und Frauen schlagen Salto und überwinden durch die pure Masse jedes Hindernis. Angekommen in Istanbul, begegnen den Erschöpften auf einem Wassersteg körperbewusste Yoga-Anhänger, die sie keines Blickes würdigen. Komfortzone trifft Todesangst.

Scheiß auf subtil!
Wenn Künstler wie Ai Weiwei offen gegen Misstände protestieren, hagelt es Verrisse. Die Kunst sei skandalisierend und laut. Aber was anderes soll politische Kunst denn sein? Eine Verteidigung