Barock in Mannheim

Barock ist ein Hirngespinst

Bewegte Architekturen, exaltierte Schnörkel, dekadente Prachtentfaltung – klar, das ist Barock. Eine Ausstellung in Mannheim zeigt aber die vielen Widersprüche der Epoche zwischen Glaube und Wissenschaft – und will beweisen, dass das, was wir heute Barock nennen, so niemals existiert hat.
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Sinnbild für den Widerspruch zwischen Glauben und Wissenschaft: Der "Christus anatomicus", 18. Jahrhundert

Ori Gershts Obst-und-Gemüse-Video aus dem Jahr 2006 steht still. Wie gemalt sieht das aus. Aber vor 400 Jahren. Ein Kohlkopf hängt naturalistisch am Bindfaden ins Bild. Eine Gurke ist in den Fensterrahmen drapiert wie im Feinkostladen. Dann trifft eine Kugel den Granatapfel daneben. Er platzt in Zeitlupe. Schwer symbolisch präsidiert das zeitgenössische vegetarische Gewaltvideo im Zeughaus der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen einen 1200 Quadratmeterparcours mit 300 handverlesenen Exponaten. Titel der Schau: "Barock – nur ein schöner Schein?“. Klar, wer so fragt, will offensichtlich den  Begriff sprengen wie Gersht das Frischobst. Weil schimmelig.

Fünf Jahre lang wurde die Ausstellung, die Dissens ausstrahlt, vorbereitet. Ein fächerübergreifend besetzter wissenschaftlicher Beirat hat noch einmal die grob zwischen 1580 und 1770 bezifferte Zeit begrübelt. Zur Auswahl standen 1000 potenzielle Ausstellungstücke. Der Katalog räumt gründlich ab.

Ein "Trugbild in den Assoziationsblasen unserer Vorstellung" sei das, was wir Barock nennen, heißt es darin.  Barockmusik wird schlichtweg zum "Hirngespinst" erklärt. Der Historiker will seinen Forschungsgegenstand lieber mit dem Begriff "Frühe Neuzeit" beschrieben wissen. Auch die Kuratorin Uta Coburger erklärt ihre dann doch sehr sinnlich gewordene Schau als "Drahtseilakt zwischen Wissenschaftsdiskurs und gesetztem Allgemeinwissen". Aber bleiben wir doch erst mal bei letzterem.

Barock nennen wir herkömmlich bewegte Architekturen, exaltierte Schnörkel, exzessive Prachtentfaltung, üppige Leiber, affektierte Gesten, bizarres Tun, Maßlosigkeit, Frömmigkeitsüberbietung. Stichwörter: Rubens, König Ludwig XIV., Versailles, das Porträt der aufgerüschten Amalie von Solms-Braunsfels von Anthonis van Dyck aus dem kooperierenden Kunsthistorischen Museum Wien hängt mit einigen ähnlichen Herzerwärmern sogar in Mannheim. Spätausläufer der Epoche: Franz-Josef Strauß, Karl Lagerfeld. Oder Vivienne Westwood, die tatsächlich ein Theaterkostüm für die Schau beigesteuert hat. Als sogenannte "zeitgenössische Intervention".

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Reich, erfolgreich und dazu noch gut aussehend – Peter Paul Rubens war bereits zu Lebzeiten ein Star. Die ganz großen Dramen spielen sich allerdings auf seinen Leinwänden ab

Von einer "Abstumpfung des Auges für alle feineren Nuancen" sprach Jacob Burkhardt 1855 in einer ersten Definition des Barock-Begriffs. Heinrich Wölfflin schrieb dreißig Jahre später, die Haupt-Barock-Künstler hätten sicher an Kopfschmerzen gelitten. Solcherart von Verallgemeinerungen rückt die Ausstellung mit astronomischen Gerät und einem Lichtmikroskop des genialen Autodidakten, Naturforschers und Bakterienentdeckers Antoni von Leeuwenhoek (1632 bis 1723) zu Leibe. Mit einer zierlichen Flohfalle und kostbaren Globen, Reiseliteratur, einem Exemplar der ältesten Zeitung, einer Erstausgabe von "Gullivers Reisen" aus dem Jahr 1726, samt "Liliput"-Landkarte aus der Hand des vielgeschätzten Kartographen der Weltumsegler, Herman Moll. Auch wird ein kunstvoll gezaubertes Modell der Jerusalemer Grabeskirche gezeigt, aus Rosen, aus Rosenholz, Perlmutt und Bein. Ein Souvenir für Pilgerreisende am Ende des 17. Jahrhunderts.

Der Beginn der Moderne

Statt als Dekadenzphänomen wird die Epoche so als widersprüchliches Zeitalter des Aufbruchs vorgeführt. Der bis ins Fiktive ausstrahlenden Entdeckerlust. Und auch des florierenden Sklavenhandels und der fundamentalistisch religiösen Konflikte. Außerdem als Beginn der Umweltzerstörung, Weltausbeutung und genauso als Konsolidierungsphase neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Erfindungen wurden damals gemacht, während man sich andernorts in Prachtentfaltung erschöpfte, vom Buchdruck über innovative Zeitmessinstrumente. Allerdings zeittypisch immer im Abgleich mit dem vorherrschenden Weltbild.

Sehr schön in diesem Zusammenhang zum Beispiel: eine Jesusfigur am Kreuz aus dem Medizinhistorischen Museum Ingolstadt. Mit aufklappbarer Bauchdecke, unter der die korrekt liegenden inneren Organe zum Vorschein kommen. An anderer Stelle wird ein Apparat zur Darstellung von Sonnenflecken ausgestellt. Der Jesuit aber, der sie entdeckte, kam in Konflikt mit seinem Orden. Die Sonne als Sinnbild Marias hatte rein zu sein.

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Kaum ein Maler wurde gründlicher erforscht als Rembrandt Harmensz. van Rijn: Über 400 Jahre nach seiner Geburt wissen wir mehr denn je über Werk, Schüler und Kopisten, Geldmangel und Frauen, und doch gelingt es ihm, sich jeder Gewissheit zu entziehen

Gegliedert ist die Epochenschau statt chronologisch (sowieso ein Unding), gleichsam schlaglichthaft. In sechs wiederum in sich vielfach gegliederte Leitthemen: "Raum", "Körper", "Wissen", "Glaube", "Ordnung" und "Zeit". Ein cleveres Konzept, das allerdings leicht ins Kleinteilige tendiert und – logisch – Trennschärfe erschwert.

Von einer Sensation zur nächsten schlendert der Besucher mit, wie wir ja jetzt wissen, barocker Neugier. Und entziffert den Dreißigjährigen Krieg, den Spanischen oder den Pfälzischen Erbfolgekrieg, Türkenkriege und Pest, die Rückseiten der Epoche eben, auf Flugblättern, Trinkbechern, farbsatten Schlachtenbildern oder Stillleben voller Vergänglichkeit. Und irgendwann steht man dann baff vor Rembrandts "Paulus" aus Wien.  

Im Detail ließe sich anhand dieser beeindruckenden Schau beinahe das gesamte Zeitalter nacherzählen, deren Erzeugnisse die Zeitgenossen meist "gothisch" schalten. Also, hätte man tatsächlich die Zeit. Bis hin zu weißen Flecken führt die Ausstellung. Die Kartographen der Barockzeit zeichneten im Übrigen an ihrer Stelle Fabelwesen und Monster ein.

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Anhand von rund 300 herausragenden Exponaten präsentiert die Ausstellung den Barock als europäisches Phänomen, schlägt aber stets auch eine Brücke nach Mannheim und in die Region
Reiss-Engelhorn-Museen – Museum Zeughaus ,  Mannheim
Thema Barock
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