Der Rhein in Bonn

Flaschenpost in die Moderne

Die Begeisterung der Deutschen für »ihren« Strom wurde spät geweckt - heute ist der pittoreske und romantisch verklärte Fluss längst der Stoff zahlreicher Mythen und Geschichten. Eine Doppelausstellung geht dem Gewässer auf den Grund.

"Melancholisch und schauderhaft der Fluss, ärmlich und eingeengt die Dörfer": Als der Schriftsteller Georg Forster 1790 den Rhein bereiste, war er, wie ganz Deutschland, von romantischen Gefühlen für das Tal der Burgen weit entfernt. Es mussten erst ein paar englische Adlige auf der Durchreise nach Italien kommen, um in den Deutschen die Begeisterung für "ihren" Strom zu wecken.

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Aber dann war kein Halten mehr: Aus der schmutzigen Erde wurde heiliger Boden, aus dem finsteren ­Orkus die Quelle der nationalen Freiheit. Als Richard Wagner das Nibe­lungengold im Rhein versenkte, war der Mythos endgültig im Namen des 19. Jahrhunderts eingedeutscht. Dabei ist der Rhein viel größer, ­älter und vor allem internationaler, als es die deutsche Rhein-Romantik wahrhaben will. Seine Geschichte ­beginnt schon bei den Römern, die ihn als zweihörnigen Gott verehrten und als Handelsweg und Militärstraße erschlossen; sie erzählt von der durch die Kirche vorangetriebenen Besiedelung im frühen Mittelalter, vom Kampf mit den Urgewalten der Natur, vom steten Strom des Handels, von Nationalismus und von hoher Politik; sie umfasst sechs Länder, angefangen bei der schweizerischen Quelle bis zur Mündung in den Niederlanden; und sie endet heute im staunenden Blick zurück auf eine ebenso wechselvolle wie dramatische Flussbiografie. Eben diese wollen jetzt zwei Bonner Museen mit spektakulären Ausstellungsprojekten schreiben.

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Als Kloake des Ruhrgebiets war die Emscher einst verschrien - heute lockt die «Emscherkunst» mit Installationen von Ai Weiwei, Roman Signer und anderen an den renaturierten Fluss

In der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland spannen mehr als 300 Gemälde, Archivalien und Handelsgüter einen Bogen von der Prähistorie bis zur Gegenwart, im LVR-Landesmuseum ergeben rund 260 Aufnahmen von 60 Fotografen einen imposanten kulturhistorischen "Bilderstrom". Naturgemäß setzt die Fotoausstellung historisch später ein und zeigt ein modernes Rheinbild mit rauchenden Industrieschloten wie auf einer halb ironischen Kühe am Rhein betitelten Fotografie von Albert Renger-Patzsch und mit Ausflugsdampfern, die den Rhein-Mythos am Alltag des massenhaften Tourismus messen. Die "Rhein"-Ausstellung in der Bundeskunsthalle hat ihren Schwerpunkt in der Malerei (mit Werken von Albert Cuyp, William Turner oder Hans Makart), was beinahe zwangsläufig die pittoreske Seite der Flusslandschaft betont. Aber auch hier wird der Mythos immer wieder durchbrochen: durch die politische Überfrachtung des Rhein-Motivs auf deutscher und auch auf französischer Seite oder durch einen dezidiert modernen Blick, wie man ihn bei Künstlern wie Max Ernst oder Anselm Kiefer findet. Am nächsten kam Joseph Beuys dem Fluss: Er hat 1981 eine Portion gif­ti-gen Rhein-Wassers in eine Flasche abgefüllt.

Der Katalog zur Ausstellung "Der Rhein - Eine europäische Flussbiografie" erscheint bei Prestel und kostet 39,95 Euro, der Katalog zu "Bilderstrom" erscheint bei Hatje Cantz zum Preis von 29,80 Euro. Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten in der Bundeskunsthalle ermäßigten Eintritt.

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