07 / 04 / 2009
Deanna Templeton
Düsseldorf
"TATTOOS EINER NEUEN GENERATION"
Menschen als fleischgewordene Werbetafeln – was wie eine düstere Zukunftsvision klingt, ist in Kalifornien bereits sonnige Realität. Vorbei sind die Zeiten von Schmetterlingen auf dem Schulterblatt und Tribals am Steißbein, der Hype um den individualisierten Körper geht in die nächste Runde: Ein Blick in die USA und durch die Kamera von Deanna Templeton zeigt Mädchen und Jungen, die sich die Namen von Skateboard-Stars auf die Haut schreiben oder die Logos bekannter Marken aufsprühen lassen. Die Ausstellung "Scratch My Name on Your Arm" im NRW-Forum Düsseldorf taucht mit 56 Schwarzweißfotografien in die kalifornische Skaterkultur und deren ganz eigenen Körperkult ein.
"Ich finde diese Bilder inhaltlich wahnsinnig interessant, weil sie ein ganz anderes Lebensgefühl und die Ausdrucksweise einer jüngeren Generation widerspiegeln", sagt Werner Lippert, Ausstellungsmanager im NRW-Forum. "Diese Brandings und Taggings sind die Tattoos einer neuen Generation." Und die ist auf die Ausstellung in Düsseldorf aufmerksam geworden. Auf unzähligen Skaterseiten im Internet finden sich Ankündigungen. "Wir merken an der Rückmeldung im Netz, dass wir mit dieser Ausstellung eine ganz andere Szene ansprechen", sagt Lippert. Was kaum verwundert, bedenkt man, dass Deanna Templetons Ehemann, Ed Templeton, eine Skateboard-Legende ist.
So ist die Künstlerin seit 21 Jahren selbst Teil der Szene, die Gegenstand ihrer Arbeit ist. Und das zeigt sich in ihren Porträts, die einen vertraulichen Blick auf die bemalten Körper erlauben: "Fotografisch ist an den Bildern diese unglaubliche Nähe interessant. Die jungen Leute zeigen sich völlig unbefangen. Es gibt keine Distanz zwischen ihnen und der Fotografin. Templeton fällt in der Szene nicht auf, weil sie Teil davon ist, und deshalb ist es für ihre Modelle ganz natürlich, sich von ihr fotografieren zu lassen", erklärt Lippert. "Die Kids leben einfach vor meiner Kamera. Ich sage ihnen nicht, wie sie posieren sollen. Sie zeigen mir, was ich sehen und fotografieren soll", sagt die Fotografin, die in Kalifornien aufgewachsen ist und in Huntington Beach lebt und arbeitet.
Autogramme-Sammeln als erotisches Vorspiel
Mit ihrer Fotoserie wollte sie vor allem eins: verstehen. "Ich versuche nachzuvollziehen, warum die Kids das tun, ohne sie dabei zu beurteilen." Das Autogramme-Sammeln auf der eigenen Haut sei für die jungen Mädchen eine Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen und zu flirten, eine Art "sexual play". Das wirft Fragen nach der Vergegenständlichung und Brandmarkung ihrer Körper auf. Doch die Künstlerin nimmt betont Abstand davon, die Mädchen als "Groupies" zu begreifen: "Diese Mädchen lieben das Skaten. Sie wollen Skateboarder sein und versuchen, ihr eigenes Ding zu machen. Sie wollen nichts darstellen, was sie nicht sind. Sie sind Teenager, die Spaß haben wollen." Auch die Identifikation innerhalb der Szene und das Ausleben der eigenen Persönlichkeit spielen laut Lippert eine wichtige Rolle. So trifft sich die Selbstfindung einer Generation mit den Werbestrategien der Firmen. Eine radikale Form der Werbung: Die Logos werden nicht mehr auf der Kleidung getragen, sondern auf der Haut, weshalb Templetons Bilder als Fortsetzung der Ausstellung "Radical Advertising" aus dem vergangenen Jahr verstanden werden können.
DEANNA TEMPLETON - Scratch my name on your arm from nrwforumduesseldorf on Vimeo.
Postmoderne Tattoos
Für die Teenager ist es ein Spiel, denn im Gegensatz zur Tätowierung erlauben die temporären Tattoos, die Bilder jederzeit wieder los zu werden oder Platz für neue zu schaffen. "Wenn sie es wirklich wollten, könnten sie sich die Logos auch richtig tätowieren lassen. Aber ich bin sicher, am Abend schrubben sie, so fest sie können, um sie wieder von der Haut zu bekommen", sagt Templeton. Aber genau das macht es vielleicht gerade interessant: dass es nur für den Augenblick existiert: Ein postmodernes Tattoo, das mit flexiblen Lebensentwürfen vereinbar ist. "Dieses Branding ist eine Art neues Tattoo, das man wieder abwischen kann. Das zeugt von einer neuen Haltung, weil man es am nächsten Tag einfach wechseln kann", erklärt Lippert. "Es ist beliebig und austauschbar."
Dass die kalifornischen Körperbilder in Deutschland noch unbekannt sind, liegt seiner Meinung nach im unterschiedlichen Körpergefühl begründet: "In Kalifornien läuft man elf Monate im Jahr im Bikini herum. Die Menschen dort haben ein ganz anderes Verhältnis dazu, ihren Körper auszustellen, als in Deutschland." Und wer das kalifornische Körpergefühl jetzt auch im Rheinland erleben möchte, kann das bis zum 10. Mai im NRW-Forum Düsseldorf im Ehrenhof 2 tun. Vielleicht nicht im Bikini, aber wenigstens mit Skateboard unter dem Arm.
"Deanna Templeton: Scratch My Name on Your Arm"
Termin: bis 10. Mai, NRW-Forum, Ehrenhof 2, Düsseldorf
07 / 04 / 2009
3 Leserkommentare vorhanden
Thomas Bruns
14:28
10 / 04 / 09 //
WERBUNG MACHT FREI
"........ der Hype um den individualisierten Körper geht in die nächste Runde .........." Soso ....... mhhhhh ....... stellt sich eigentlich nur noch die Frage, was gibt es individuelleres als den eigenen Körper ??? Anscheinend der ultimative Werbefleischklopps. Könnte durchaus zu einem Werbeträger gehypt werden, wie einst die Säule des Herrn Litfaß, welche er 1855 erstmals aufstellte. Ich sehe schon Unmassen von Langzeitarbeitslosen durch die Städte und Dörfer herumgeistern, in Bikinis und Borat-Tangas und in eine verheißungsvolle Zukunft entlassen als glückliche Ein-Mann-UnternehmerInnen. Tja, individueller gehts wohl kaum noch. Wie hat schon der "Große Toyota" gesargnagelt: NICHTS IST UNMÖGLICH !
Der
17:56
14 / 04 / 09 //
Die wilden, kreativen Teenager mal wieder :-)
Zunächst Aplaus für den Vorposter ... Herrn Litfaß und neuzeitliche Hartz-IV-Empfänger zusammnezubringen ... mehr geht eigentlich nicht nach diesem Artikel. Zur Fotografin, dem Austeller in NRW, der art-Redaktion und diesem Artikel: na und? Irgendwie finde ich es ja fast feige, das die SoCals bloß zur Sprühflasche greifen. Im neuen Jahrtausend wird alles zu Plastik, sogar der Personenkult. So manche Herren und Damen vorangegangener Semester meinten es einst wirklich ernst und wollten gar kein "Zurück". Später mussten sich den auftätowierten Namen Ihres Ex dann doch vom Leibe lasern lassen. Soetwas geht eben nicht gut, man hat es aber trotzdem gemacht. Und ausserdem: was soll uns denn das noch schocken? Waren es nicht die Olympischen Spiele '92 in Barcelona oder spätestens '96 in Atlanta wo sich jamaikanische Sprinterinnen farbige Kontaktinsen mit dem Puma-Logo einsetzen liessen? Da gabs doch auch nen 10-Kämpfer mit auftätowoertem dem Nike-Swoosh auf der Wade. Also was solls? Schreibt doch übers Sommerloch!
Der
18:05
14 / 04 / 09 //
Und da fallen mir die für Europäer nicht mehr nachvollziehbaren ...
... High-School Abschlussparties ein ... Wo alle komplett austicken und sich auf MTV-Show-Bühnen barbusig oder mit heruntergelassener Badehose blamieren, vor einem besoffen-gröhlenden Publikum das im Kollektiv gerade die Pupertät nachzuholen scheint. Unendlich viel amerikanisches 3,5\%-Bier wird an die nunmehr 21-Jährigen verkauft und alle meinen das sei die Stage zum Erwachsen werden... wäre das alles nicht durch ein Glas Absynth, dem knallenden Teufelszeug aus dem alten Kontinent zu toppen. Echte Kiffer wie zu Zeiten der Gründungsväter des modernen Kalifoniens sind ja nunmehr geächtet. Dear California, you are sweat so high ... and awfully dumb!
