Tracey Emin

Berlin

„Ich bin nicht verrückt, sondern Künstlerin“
Tracy Emin hat in Berlin ihr Buch "Strangeland" vorgestellt (Foto: Scott Douglas)

„ICH BIN NICHT VERRÜCKT, SONDERN KÜNSTLERIN“

In ihrem gerade auf deutsch erschienenen Buch "Strangeland" schreibt die britische Skandalkünstlerin Tracey Emin, 46, über die Sehnsucht nach Liebe, den Wunsch nach einem Baby und die Angst vor dem Alleinsein. Also eigentlich über Rosamunde-Pilcher-Themen, nur in einer drastischen Sprache. art traf Emin während einer Lesung in Berlin und sprach mit ihr über Kunst, Kitsch und das Happy End
// ALAIN BIEBER, BERLIN

Frau Emin, warum schreiben Sie in Ihrem autobiografischen Roman "Strangeland" fast nichts über Kunst?

Tracey Emin: Ich habe vor über 25 Jahren angefangen, an diesem Buch zu schreiben. Viele Teile stammen aus meinem Tagebuch. Damals war ich 18 Jahre alt. Aber ich brauche auch nichts über Kunst zu schreiben. Mein Buch ist Kunst. Anstelle einer neuen Ausstellung habe ich jetzt dieses Buch geschrieben.

Welchen Stellenwert nimmt das Schreiben in Ihrer Kunst ein?

Ich sollte das vielleicht nicht sagen, aber ich will ehrlich sein: Schreiben ist sehr einfach. Ich schreibe für den "Independent" eine Kolumne – jede Woche rund 1000 Wörter. Das ist nicht mein Job, sondern mein Hobby. Ich liebe es zu schreiben. Oft habe ich bereits einen Titel für meine Zeichnungen, bevor ich mit dem Bild begonnen habe. Es macht mir einfach Spaß, mich auszudrücken. Andere Leute gehen in ihrer Freizeit ins Kino, ich sitze lieber zu Hause und schreibe an einer Geschichte. Das ist wie ein Dialog mit mir selbst. Und ich schreibe auch bereits an meinem nächsten Buch. Es wird "Hotel International" heißen – sehr viel dunkler werden und sich mehr mit der Gegenwart beschäftigen.

Wird es auch wieder autobiografisch?

Alles, was ich tue, ist autobiografisch. Ich arbeite immer mit mir selbst.

Gab es einen Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie dachten: Ich will Künstlerin werden?

Ja, da war ich 33 Jahre alt. Es hat also sehr lange gedauert. Ich hatte damals meine erste große Ausstellung und dachte: Wow, ich mache Kunst, und ich kann es wirklich. Das war das erste Mal, dass ich realisiert habe, dass ich genau das tue, was ich wirklich möchte. Und das war ein wunderbares Gefühl. Ich fühle mich so viel besser, wenn ich arbeite. Aber so geht es doch jedem. Wir können nicht den ganzen Tag im Bett verbringen und uns über die Welt beschweren. Wir müssen aufstehen, uns motivieren und die Welt verändern. Und wenn ich Kunst mache, dann verändere ich meine Welt.

Und verändern Sie auch die Welt von anderen Menschen?

Ja, ich bekomme sehr viele Reaktionen von Menschen, die zu meinen Ausstellungen kommen. Und auch zu meiner Zeitungs-Kolumne bekomme ich sehr viele Leserbriefe.

Was bedeutet Ihnen Kunst?

Kunst hat mich immer wieder beschützt und in schweren Zeiten geholfen, nicht durchzudrehen. Denn ich bin nicht verrückt, sondern Künstlerin. Ohne Kunst würde ich wahrscheinlich sterben. Entweder würde ich spontan explodieren oder in ein Koma fallen – ich brauche die Kunst, um zu leben. Ich habe Louise Bourgeois besucht. Sie ist jetzt 97 Jahre alt und macht fantastische Arbeiten. Und sie ist noch immer wütend, noch immer crazy und wunderbar. So wäre ich in ihrem Alter auch gerne.

Warum haben es weibliche Künstler noch immer so viel schwerer?

Weil wir noch immer dem Bild des Macho-Künstlers aus dem 19. Jahrhundert nachhängen. Aber es gibt heute schon sehr viele erfolgreiche weibliche Künstlerinnen. Feministinnen haben in den siebziger Jahren hart daran gearbeitet, dass Frauen sich selbst verwirklichen können. Das ist also vor allem auch eine Frage der Zeit. Aber warum für Kunstwerke von Frauen noch immer weniger Geld gezahlt wird, kann ich nicht verstehen.

Vielleicht weil es immer noch weniger weibliche Kunstsammlerinnen gibt.

Aber dafür kaufen männliche Sammler meine Kunstwerke als Geburtstagsgeschenk für ihre Frauen. Sammler kaufen meine Kunst auch nicht als Investment, dafür ist sie zu persönlich. Nur Menschen, die meine Arbeiten wirklich mögen, kaufen sie.

Was würden Sie jüngeren Künstlern raten?

Lerne zu zeichnen, lerne zu fotografieren, lerne eine Fremdsprache. Und wenn es möglich ist, nimm einen Halbtagsjob an, der es ermöglicht, das zu tun, was einem wirklich Spaß macht. Wenn man schöne Kleider mag, kann man nebenher in einem Modeladen arbeiten, wenn man gerne liest, in einem Buchladen. Und wenn man gerne trinkt, sollte man nicht in einer Bar arbeiten – es funktioniert eben nicht immer.

Ihre Biografie klingt nach klassischem "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Märchen. Wie haben Sie den Aufstieg vom armen Kind aus einem britischen Provinznest zu einer der berühmtesten zeitgenössischen Künstlerinnen geschafft?

Ich habe es geschafft, weil ich sieben Jahre lang eine Kunsthochschule besucht habe. Und weil ich wirklich sehr, sehr hart gearbeitet habe. Davor hatte ich jahrelang überhaupt kein Geld. Und dann lag es auch am Timing: Heute verstehen die Menschen, was ich tue, und schätzen meine Arbeit. Das war vor 20 Jahren noch nicht so. Ich bin jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Wie gehen Sie mit dem Ruhm um?

Ich würde nicht behaupten, dass ich ein Star bin. Aber irgendwie bin ich es doch. Ich werde erkannt, Menschen fotografieren mich und sprechen mich auf der Straße an. Aber ich biete den Medien wenig Themen: Ich habe weder Sexskandale noch Affären und gehe auch nicht zu lesbischen Gang-Bang-Orgien. Eigentlich ist mein Leben ziemlich langweilig.

Glück, Ruhm und ein Happy End – wenn Ihr Buch ein Hollywoodfilm wäre, dann wäre er wahrscheinlich sehr kitschig.

Wir wissen ja noch nicht, was am Ende wirklich passieren wird, oder? Und vielleicht ist das ja auch erst der Anfang.

"Tracey Emin: 20 Years"

Termin: bis 21. Juni, Kunstmuseum Bern, Schweiz. Weitere Ausstellung: "Tracey Emin: Those who suffer Love". Termin: 29. Mai bis 4. Juli, White Cube Gallery, London. Roman "Strangeland": 240 Seiten, Blumenbar Verlag, 17,90 Euro.

http://www.kunstmuseumbern.ch

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