Kenno Apatrida

Berlin



ZIVILISATIONSMÜLL AUS DEM UNTERGRUND

Ein fast unbekannter Künstler ist mit einem Werk von mystischer Aura zu entdecken. 17 Jahre lang hat der Südamerikaner, der sich Kenno Apatrida nennt, im Berliner Untergrund aus Zivilisationsmüll ein Werk von wuchernder Lebendigkeit und tiefgründiger Symbolik geschaffen. Die Galerie Wilde gibt ihm seinen ersten Auftritt in der etablierten Kunstszene der Hauptstadt und macht zudem auch mit seinem spukhaften Atelier in einer leer stehenden Brauerei bekannt.
// GÜNTER KOWA

Welten liegen in Berlin oft nur ein paar S-Bahn-Stationen auseinander. So ist die Schönhauser Allee im Prenzlauer Berg das nächtliche Eldorado der Kino- und Partygänger. Ihre Adresse ist die "Kulturbrauerei". Deren funkelnden Chic sucht man vergebens in einem Pendant, das an der Prenzlauer Allee eine düstere Kulisse bildet. Dort steht eine alte Brauerei im industriellen Backstein-Look schon seit den Jahren vor dem Mauerfall leer und verrottet. Sie wird mittlerweile immer mehr zum Denkmal einer untergegangenen Welt.

Denn was um sie herum davon noch zu erahnen ist, gibt sich klinisch saniert wie die Plattenbau-Riegel oder schäbig wie die Läden einer heruntergekommenen Passage in B-Lage. Gleich daneben türmen sich die bröckelnden Mauern der Brauerei.

Nippes und Spielzeug aus Plastik

Eine klapprige Stahltür führt in Gewölbe, in denen sich Künstler ihre Ateliers eingerichtet haben. Hier arbeitet Kenno Apatrida an einer Szenerie seltsam wuchernder Gebilde. Sie tragen brennende Kerzen, deren Wachs über sie rinnt, und deren flackerndes Licht sie in eine Aura von schwarzer Magie taucht. Dies könnten die Altäre einer geheimen Sekte oder die Heiligtümer eines verirrten Naturvolks sein. Erst wenn der Blick bereit ist, Einzelheiten wahrzunehmen, erkennt er die Bestandteile dieser seltsamen Aufbauten: Es ist Zivilisationsschrott jeder nur denkbaren Art, Nippes und Spielzeug aus Plastik, Glieder von Schaufensterpuppen, Madonnenfigürchen, Wäscheklammern, Elektroschrott, Aluminiumbesteck, Kleinmobiliar, Modeschmuck, Modellbahn-Häuschen – kistenweise liegen die Vorräte von derlei Material auf Tischen und am Boden.

Seine bizarren Gewächse übergießt Kenno mit milchig-weißem Lack und pumpt ebenso weißen Bauschaum hinein. Da und dort wächst er nach oben. Kennos Collageprinzip erkennt man auch in gerahmten Bildwerken wieder. Labyrintisch ziehen sich Passagen von blutroter Farbe über die plakatgroßen Gouachen. An den Wänden hängen sie ungerahmt, das Papier wellt sich unter der Masse der aufgetragenen Farbe.

Abenteuerliche Geschichte

Die biografische Ebene kann zu einer Deutung dieser Bildwelten gewiss nicht der alleinige Zugang sein, aber sie ist doch ein Teil von ihr. Dies drängt sich im Gespräch mit Kenno geradezu auf. Denn die Geschichte dieses kaum 40-jährigen Künstlers ist abenteuerlich, ganz gleich, welche Maßstäbe man ansetzt, es sei denn – und dies ist durchaus signifikant – man zieht den Mythos vom Künstler heran, der in Armut und Einsamkeit den Zustand der Welt in einem solitären Werk verdichtet.

Mit Bedacht gibt sich Kenno – der sich auch schon mal Keno buchstabiert – den Nachnamen Apatrida, was auf Spanisch "Heimatlos" heißt. Seine Familie in Pinochets Chile hat er früh verlassen. Die Schule beendet er in Mexiko. Zum Studium verschlägt es ihn nach Santiago de Chile und nach Havanna. Er lernt die rechtsgerichtete und die linksgerichtete Diktatur kennen und saugt wie ein Schwamm Literatur, Theater, Kunst und Philosophie auf, dazu die Mythen Südamerikas.

Aus dem Chaos Neues schaffen

Kurz nach dem Mauerfall fliegt er nach Berlin. Es ist eine bewusste Entscheidung, die westliche Kultur kennenzulernen. Der Zusammenbruch eines diktatorischer Regimes ist für ihn eine Offenbarung. Dass es auch für ihn selbst ein Neuanfang sein wird, aus dem Nichts heraus, wird ihm klar, – so berichtet er – als ihn ein absurder Umstand nötigt zu bleiben. Sein Rückflugticket verfällt, und er hat kein Geld für ein neues. Es gibt keinen Weg zurück, aber auch die neue Heimat ist ihm verwehrt. Er lebt also illegal und mittellos. Zugleich erscheint ihm die Situation wie die Verwirklichung seiner künstlerischen Ideale: Er lebt in der Freiheit, die aus einer zerstörten Welt hervorgeht. Und die versorgt ihn mit den Materialien, die andere zurücklassen, in verlassenen Häusern und geschlossenen Fabriken.

So entsteht ein Werk im Untergrund. Die verfallene Brauerei, die er bezieht, ist für ihn symbolhaft. Er findet seinen Platz in den Ruinen einer zusammengebrochenen Industrie, wo er aus dem Chaos Neues schafft.

Kennos Leben und seine Kunst sind miteinander identisch

Und was dies ist, deutet er in Gegensatzpaaren an: Das Primitive steht gegen das Zivilisierte, das Irrationale gegen das Rationale. Ihm führt die Krisenanfälligkeit der Wirtschaft die Brüchigkeit gesellschaftlicher Regelwerke vor Augen. Der Zusammenbruch spült das verdrängte Unbewusste nach oben, das sich in Gewalt Bahn bricht. Bei den Naturvölkern dagegen sieht er das Unbewusste in die Gesellschaft einbezogen, wodurch sie die Gewalt neutralisiert – in Ritualen, in Magie, in Götterbeschwörung.

Kennos Leben und seine Kunst sind miteinander identisch, und ihre Basis ist das nackte Dasein. Aus dem "Magma des Unbewussten", das für ihn der Zivilisationsschrott ist, schafft er seine Objekte, die im Morbiden und Hässlichen die Schönheit suchen. Auflösen und verdichten "solve et coagule", wie er eine seiner Installationen nennt, ist sein künstlerisches Ethos.

Ein neues Stadium

Es ist nun nicht ausgeschlossen, dass der Künstler Kenno an der Schwelle zum Durchbruch steht. Wie ein Jean-Michel Basquiat, dessen Schicksal ihm erspart bleiben möge, aber auch wie die Akteure der Street Art, die die Illegalität zu einer neuen Kunstform beflügelte. Kennos Werk wächst auf dem Boden materieller und geistiger Entbehrung. Dass sich die Umstände ändern könnten, ist möglich, jedoch – sagt er – deutet sich für ihn auch in seiner Kunst seit längerem ein Wandel an. Es wird ein neues Stadium geben. Zu besichtigen ist jetzt erst einmal das grandiose Werk eines Unbekannten und Verborgenen, ein Phänomen, das mit Berlin viel, mit der Kunstszene der Metropole dagegen (noch) nichts zu tun hat.

Kenno Apatrida

Termin: Vom 27. März bis 25. April in der Galerie Wilde, Chausseestraße 7, Berlin. Es erscheint ein Katalog.

http://www.wilde-gallery.com

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1 Leserkommentar vorhanden

emino

13:47

11 / 11 / 09 // 

Kenno Apartida im Wohnzimmer

Auf www.strasserauf.de kann man eine Original gewinnen. Die Fragen sind nicht die einfachsten, aber schaffbar.

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