Echtzeit im Kunstmuseum Bonn

Die Entdeckung der Langsamkeit

Peter Dreher malt seit 1974 täglich das selbe Wasserglas, Jochem Hendricks zählt wochenlang Sandkörner: «Echtzeit» ist eine bemerkenswerte Schau mit Arbeiten von Künstlern, die über Jahre scheinbar sinnlose Tätigkeiten perfektionieren.
Die Entdeckung der Langsamkeit

Über ein Jahr Belichtungszeit: Michael Wesely: "Potsdamer Platz", Berlin (27.3.1997 - 13.12.1998)

Nunmehr seit über 40 Jahren malt Peter Dreher immer wieder dasselbe Wasserglas am selben Ort im ­selben Format. Wer nicht genau hinschaut, könnte meinen, all die entstanden Bilder sähen gleich aus, was sie nicht tun. Denn wie ein Moment niemals mit einem zweiten identisch sein kann, ist auch das Bild des Glases jedes Mal einzigartig. Die Unterschiede liegen in einer Fülle minimaler Details, die man erst nach einer Weile realisiert – die einen dann aber regelrecht umhauen.

Auch der Film, für den Jan Schmidt 2004/05 ein Jahr lang einen Mann beobachtet hat, der täglich frühmorgens durch den IC 2051 von Darmstadt nach Frankfurt läuft, erscheint zunächst gleichförmig, bis man sich in die Variationen vertieft. Das Vergehen von Zeit ist den meisten Werken dieser bemerkenswerten Ausstellung auf sehr subtile Weise eingeschrieben. Etwa in den Date Paintings von On Kawara: dunkle Flächen, auf denen in weißen Blockbuchstaben ein Datum steht. Es ist der Tag der Entstehung. Fast 50 Jahre lang malte der Künstler solche akribischen, vermeintlich reizlosen Bilder – eine Materialisierung von Zeit, die diese eher als gleichförmige Abfolge begreift, statt als melancholisch geprägtes Dahinwelken.

Auch die abgenutzte, grün gestrichene Kommode, die Sofia Hultén in Bonn präsentiert, erzählt nicht nur vom Verfall. Sie hat ihre Gebrauchsspuren anders erhalten, als man meint. Ein Video zeigt, wie die Künstlerin dieselbe Kommode zunächst restauriert, um hernach ihren alten Zustand mit all den Kratzern, Dellen und Flecken mühsam wieder herzustellen. Ein scheinbar überflüssiger Aufwand, mit dem Hultén dem Vergehen der Zeit körperlich nachspürt. Bei den karierten DIN-A4-Blättern, die Jürgen Krause feinsäuberlich von Hand gezeichnet hat, sind die Variationen minimal: Nur wer sehr genau hinschaut, erkennt in den zarten Bleistiftlinien minimale Schwingungen.

Cate Blanchett in Hannover
Als eines von nur drei Häusern weltweit zeigt das Sprengel Museum Hannover derzeit Julian Rosenfeldts »Manifesto« mit Cate Blanchett. Präsentiert wird der spektakuläre Neuankauf im Rahmen von »130% Sprengel«, der großen Sammlungspräsentation des Museums

Krauses Werke gehören mit denen von Jan Schmidt und Jens Risch zu den Highlights der Schau im Kunstmuseum Bonn. Vor mehr als drei Jahren hatte art die drei vorgestellt (art 12/2012). Der Text bewegte den Kurator Volker Adolphs dazu, die Künstler, die in jahrelanger Arbeit scheinbar sinnlose Tätigkeiten perfektionieren, mit den Stars des Metiers zu kombinieren. Zwischen den Zahlenbildern von Roman Opałka und zwei puritanischen weißen Textgemälden von Rémy Zaugg führen Jens Rischs korallenartige Objekte, für die er 1000 Meter lange Fäden durchgeknotet hat, bis sich kein weiterer Knoten hinzufügen ließ, dem Betrachter eine weitere, atemberaubende Dimension vergangener Lebenszeit vor Augen. Dass in der Schau auch zahlreiche Arbeiten mit Uhren zu sehen sind, wirkt zwischen diesen großartigen Positionen fast ein wenig platt.

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Themenseite Zeitgenössische Kunst
Von den Galerien und Projekträumen Berlins bis in die großen Museen der Welt: Berichte zu allen Sparten der Gegenwartskunst, ob Malerei, Fotografie, Performance, Fotografie oder Installationskunst