Wolfsburg Unlimited

Beulen und Schrammen

Ohne das VW-Werk mit den vier charakteristischen Fabrikschloten aus rotbraunem Backstein gäbe es die Stadt Wolfsburg einfach nicht. Nun packt das Kunstmuseum mit «Wolfsburg Unlimited» die ganze Stadt in eine Ausstellung – wie «unendlich» ist Wolfsburg wirklich?

Die Aktion ging als genialer Schachzug in die Geschichte des Stadtmarketings ein: Als der Volks­wagen-Konzern 2003 ein neues Golf-Modell der Weltöffentlichkeit präsentierte und rund 1000 Journalisten aus aller Welt in die Firmenzentrale lud, griff das Wolfsburger Rathaus zu einer radikalen Werbemaßnahme: Für die Dauer von gut sechs Wochen benannte man sich ganz offiziell in "Golfsburg" um und tauschte dazu die ­Schilder am Bahnhof und am Stadtrand aus.

Das war nicht nur ein guter Witz, sondern spiegelte auch den bitteren Ernst dieser sehr spezifischen Stadtexistenz. Seit ihrer Gründung durch Nazis und Technokraten im Jahr 1938 als "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" (die Umbenennung in Wolfsburg erfolgte erst im Frühjahr 1945) ist die Kommune am Mittellandkanal auf Gedeih und Verderb an den VW-Konzern gekettet. Ohne das Werk mit den vier charakteristischen Fabrikschloten aus rotbraunem Backstein gäbe es die Stadt einfach nicht. Die gelbe "Golfsburg"-Ortstafel hängt nun in der großen "Wolfsburg Unlimited"-Schau und erinnert an die jüngste, von heutigen Image-­Katastrophen vermeintlich weit ent­fernte Vergangenheit.

Mit dieser Ausstellung gibt Ralf Beil, seit 2015 Direktor des Kunst­museums, sein Wolfsburg-Debüt: Es ist eine große Hommage an diese einzigartige Stadt geworden, der Versuch, so Beil, "eine ganze Stadt auszustellen". Mit insgesamt 280 Kunstwerken und Alltagsobjekten soll das Phä­nomen Wolfsburg in dieser groß an­gelegten Schau erfahrbar werden. ­ "Es geht darum", so Beil, "das für Deutschland Exemplarische am Sonderfall Wolfsburg aufzuzeigen." Sicher war das nicht der Plan, aber angesichts der jüngsten Skandale um manipulierte Abgaswerte von VW-Diesel­motoren erhält die Ausstellung einen ganz ernsten, vielleicht auch be­­schwörenden Klang. Was wird im Weltlabor Wolfsburg ausgekocht? Wer sagt, dass Wolfsburgs Prosperität "unlimited" – also unendlich – ist? Ein Blick nach Amerika, zur ehemals stolzen, heute dahinsiechenden "Motor City" Detroit, veranschaulicht die Abgründe der postindustriellen Existenz.

Dystopie und Abgasskandal

Viel von dieser Dystopie schwingt im zentralen Werk der Schau, einer Großinstallation von Julian Rosefeldt, der gekonnt alle Register der ästhe­tischen Überwältigung zieht. Mitten in das Museum hinein hat der Berliner Künstler das abgerockte, maßstabsgetreue US-Autokino Midwest geklotzt, in welchem seine Filmarbeit "The Swap" in einer Endlosschleife läuft: Aus dem Ritual einer Kofferübergabe zweier Gangstercliquen entwickelt ­Rosefeldt ein absurdes Tanztheater. Ringsherum hat der Kurator Beil eine inspirierte, stellenweise detailver­sessene Ausstellung gebaut, die geschickt zwischen Dokumentation (etwa die Geschichte des ersten VW-Patriarchen Heinrich Nordhoff) und Stadt-Fiktion (zum Beispiel John Bocks Dada-Film-Raum-Installation zu Hans Scharouns Wolfsburger ­Theater) pendelt. Das hier entworfene Wolfsburg-Bild hat Beulen und Schrammen – aber glänzen tut es ­irgendwie auch.

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art - Das Kunstmagazin
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