DDR-Kunst im Martin-Gropius-Bau

Dagegenhalten

Die Angst vor Haft, Ausgrenzung und Berufsverbot bestimmte spätestens seit der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann die künstlerische Praxis in der DDR. Zahlreiche Künstler stellten sich dennoch aktiv gegen das Regime und die wachsende Zensur – das zeigt nun eine Schau im Herzen des ehemaligen Westberlins

 Als 1976 der Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR zwangsausgebürgert wurde, zirkulierten Petitionen dagegen. Es war, als hätten viele Künstler plötzlich erkannt, dass "gemeinsame Aktion" auch umgekehrt zu definieren war: den obrigkeitsstaat­lichen Kollektivmantras entgegengesetzt. Doch mit einer Unterschrift konnte man sich das Leben ruinieren: Haft, Ausgrenzung und Berufsverbote waren die Folge.

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So geschah es etwa der Erfurterin Gabriele Stötzer (Jahrgang 1953). Nach einer Haftstrafe und Strafarbeit in der Produktion wurde sie zu einer Ikone der DDR-Subkultur, als Literatin, Untergrundgaleristin, ­Filmerin und Fotokünstlerin. Stötzer ist eine von 80 Künstlern, die den Chor der "Gegenstimmen" im Martin-Gropius-Bau intonieren. Die Ausstellung haben zwei Kenner der ostdeutschen Subkultur zusammengestellt: Eugen Blume, Leiter des Hamburger Bahnhofs – Museum für Gegenwart, und Christoph ­Tannert, Geschäftsführer und Künst­lerischer Leiter des Künstlerhauses ­Bethanien. Als Klammer dienen ihnen die Schlüsseljahre 1976, als Biermann ausgewiesen wurde, und 1989, als die Mauer fiel. Ihr Ziel: der nicht staatstragenden Kunstszene einen Auftritt zu verschaffen, den es, laut Tannert, "im Herzen des klassischen Westberlins noch nie gegeben hat". Die Werke selbst sollen sprechen, ohne die üblichen zeitgeschichtlichen Erklärungen. Dafür kommen im Katalog die Künstler selbst zu Wort. So schreibt Gabriele Stötzer dort: "Noch bevor ich die Maxime des Untergrundes kannte, erfüllte ich sie – nämlich die Energie nicht gegen etwas richten, sondern darauf, was wachsen soll." Ihre seriellen Fotoexperimente der frühen Achtziger gelten immer noch als Geheimtipp, zu Unrecht. Auch die markanten und schlüssigen Œuvres der Maler Hartwig Ebersbach oder ­Petra Kasten sind nach über 26 Jahren nicht angemessen im deutsch-deutschen Kunstkanon angekommen.

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Hier soll die Ausstellung eine Art Nachhilfestunde geben. Dabei wird klar, dass die Gegenkultur der DDR nicht von einer gemeinsamen These oder einem Gruppenstil geeint war. "Verbindend ist aber die Perspektive des Dagegenhaltens", erklärt Tannert. So vereinen gleichnishaft-expressive Gemälde wie Der ewige Soldat von Peter Herrmann (1969/70) oder Seele brennt (1989) von Klaus Killisch ­Figuration und Protest. Das hätte Biermann gefallen müssen. Doch es war der Barde selbst, der 1991 seinen nonkonformen DDR-Kollegen pauschal die Glaubhaftigkeit absprach: "Nun erfahren wir, das die bunte Kulturszene am Prenzlauer Berg ein blühender Schrebergarten der Stasi war, spätdadaistische Gartenzwerge mit Bleistift und Pinsel." Dieses Verdikt gilt es nun durch Augenschein zu entkräften.

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Haus des Lehrers, Walter Womacka, Berlin
Übersicht zu allen Artikeln und Ausstellungen zu Künstlern aus der DDR