Erfindung der Abstraktion

War er der Erste? – Oder sie?

Die Debatte erinnert an den Wettlauf zum Südpol: Wer hat die Abstraktion erfunden? Neuerdings gilt die schwedische Malerin Hilma af Klint als Pionierin, eine Ausstellung tourt durch Europa und wird vom deutschen Feuilleton bejubelt. Aber muss die Kunstgeschichte wirklich umgeschrieben werden?
War er der Erste? – Oder sie?

Hilma af Klint: "Svanen", 1914

Wer auf die Pauke haut, gilt heutzutage als erfolgreich. Was Wunder, wenn auch Kunstkritiker und Kunstkritikerinnen sich im einen oder anderen Fall dazu hinreißen lassen, überhitzte Urteile zu fällen. Dann werden schon mal vergessene Künstler oder Künstlerinnen auf die Schnelle heroisiert. Solch plötzliche Einsicht verdankt sich selten eigenen Forschungen, sondern schlicht dem Umstand, dass gerade irgendwo eine Ausstellung zum betreffenden Werk stattfindet. Also wird, was vom Betrieb angeblich übersehen wurde, nach Herzenslust kanonisiert oder - immer ein bewährtes Mittel, um für Aufregung zu sorgen - nassforsch festgestellt, die Kunstgeschichte müsse umgeschrieben werden. Wer vorgibt, sich derart für historische Gerechtigkeit einzusetzen, der steigert immerhin das eigene Selbstwertgefühl. Umso mehr, wenn es gelingt, einige männliche Heroen wie nebenbei vom historischen Sockel zu stoßen.

Ganz so ernst ist die Sache bei genauer Betrachtung zumeist allerdings nicht. So auch im Fall der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint. Ihr hat das Moderna Museet unter dem Titel "Hilma af Klint. Eine Pionierin der Abstraktion" mit 130 Gemälden und 100 Arbeiten auf Papier eine erste große Werkschau gewidmet, die in Stockholm Furore gemacht hat. Nun wird sie zu Beginn ihrer Tournee durch Europa und Amerika im Berliner Hamburger Bahnhof präsentiert.

Für Wirbel - oder eher für Verwirrung - gesorgt hat die Schau nicht deshalb, weil Klints Werk nie zuvor umfassend präsentiert wurde, oder weil der Besucher zahlreichen großformatigen und farbmächtigen Arbeiten begegnet, die überhaupt zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden. Für Wirbel gesorgt hat die wiederentdeckte Künstlerin, weil - der Untertitel legt es nahe - ihr OEuvre zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei der Entstehung der abstrakten oder ungegenständlichen Kunst eine entscheidende Rolle gespielt haben soll, die bislang mutwillig ignoriert worden sei. Gestützt auf den einleitenden Katalogessay von Iris Müller- Westermann, der Kuratorin der Stockholmer Schau, haben sich Julia Voss in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Georg Imdahl in der "Süddeutschen Zeitung" mächtig ins Zeug gelegt, damit endlich für Gerechtigkeit gesorgt werde. Bei Voss ist sogleich von "Skandal" die Rede und es wird betont, keine bekannte Künstlerriege, nein, eine Frau, eben jene Hilma af Klint, habe schon vier Jahre vor Wassily Kandinsky abstrakt gemalt. Und bei Imdahl heißt es schon in der Überschrift "Hilma hängt Wassily ab", weshalb ihr ebenso hermetisches wie esoterisches Werk unbedingt "in den Kanon" gehöre.

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Hilma af Klint in ihrem Atelier

Es ist nicht ganz so einfach

Wer also war diese Hilma af Klint? Sie wird 1862 als viertes Kind von Mathilda Sontag und Fredrik Victor af Klint bei Stockholm geboren. Nach vorbereitenden Kursen studiert sie von 1882 bis 1887 an der Stockholmer Kunstakademie. Dort waren Frauen überhaupt erst seit 1864 zugelassen, früher als in den meisten anderen europäischen Ländern. Hilmas Begabung wird früh erkannt: Sie erhält ein Atelier in der Akademie, wo sie Pflanzen zeichnet, naturalistische Landschaften und einfühlsame Porträts malt. Ihre aquarellierten Botanikstudien zeigen einen Sinn für präzise Wiedergabe. "Die Natur", stellt Iris Müller- Westermann, die Kuratorin der Stockholmer Ausstellung, fest, "schien perfekt, so wie sie war, und musste nicht verbessert, sondern beobachtet werden." Klints Atelier liegt mitten in der Stadt in einem Gebäude, in dem sich auch der Kunstverein befindet. Nebenan hat der Kunsthändler Theodor Blanch 1883 einen "Kunstsalong" eröffnet, dessen Räume ab 1889 vom Kunstverein genutzt werden.

1894 zeigt der junge Norweger Edvard Munch dort in einer vielbeachteten Schau unter anderem Gemälde wie "Madonna", "Der Schrei" und "Vampir". Hilma af Klint, die dort selbst gelegentlich Landschaften und Porträts ausstellt, begegnet hier einer Kunst, die sich von der äußeren Wirklichkeit abwendet und nach innen kehrt. Da seinerzeit allgemein angenommen wird, Künstlerinnen besäßen kein Genie, seien also unfähig zur Innovation, entwickelt sich ihr Werk vorwiegend mit weiblicher Unterstützung. Zusammen mit vier anderen Frauen gründet sie die Gruppe "Die Fünf". Die auf den okkulten Schriften von Helena Petrovna Blavatsky basierende Theosophie und die Gründung der Theosophischen Gesellschaft in Stockholm treiben Klint um, die schon früher an Séancen teilgenommen hat. Nun treten "Die Fünf" gemeinsam in Kontakt mit höheren Sphären. Um die Botschaften festzuhalten, die sie von Wesenheiten, die sich Gregor, Clemens, Amaliel und Ananda nennen, führen sie genau Protokoll und experimentieren mit "automatischen Zeichnungen".

Höhere Sphären

In einer spiritistischen Sitzung wird Hilma af Klint verkündet, sie werde die Astralwelt und das ewige Wesen des Menschen malen. Sie ist 43 Jahre alt, als sie 1905 den Auftrag der Wesenheit Amaliel annimmt. Zwischen November 1906 und April 1908 entstehen, aufgeteilt in Serien, die ersten 111 Arbeiten der "Gemälde zum Tempel". Ihre Rolle als Medium beschreibt Klint folgendermaßen: "Die Bilder wurden direkt durch mich gemalt, ohne vorausgehende Zeichnung und mit großer Kraft. Ich hatte keine Ahnung, was die Bilder darstellen sollten, und dennoch arbeitete ich schnell und sicher, ohne einen Pinselstrich zu verändern." Nach einer Pause von vier Jahren entstehen zwischen 1912 und 1915 weitere 82 Bilder. Den "Auftrag" schließt sie mit drei großen Altarbildern ab. Fortan wird ihr die Hand nicht mehr direkt von höheren Wesen geführt. Nun sind es Worte und Bilder, die in ihrem Inneren auftauchen und sie leiten. Weitere metaphysische Bilder folgen, aber auch geometrisch-abstrakte Serien wie "Das Atom" und Arbeiten zu den großen Weltreligionen. 1920 reist sie nach Dornach, wo sie mit Rudolf Steiner zusammentrifft, der sie schon 1908 in ihrem Atelier besucht hatte und glaubt, ihr Werk werde erst nach 50 Jahren verstanden werden.

Um 1900 ist es keine Seltenheit, sich für Spiritismus und okkulte Phänomene zu begeistern (siehe art 4/2013). Sich mit nicht sichtbaren Anteilen der Natur zu beschäftigen, entspricht dem Zeitgeist. Neue Entdeckungen haben die Stabilität von Materie und Raum untergraben: 1886 gelingt Heinrich Hertz die Übertragung elektromagnetischer Wellen, 1895 entdeckt Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen, die unter der Oberfläche der Dinge verborgene Strukturen sichtbar machen.

War er der Erste? – Oder sie?

Hilma af Klint: "De tio största, Nr 2, Barnaaldern", 1907

Die Ordnung der Dinge zerbricht

Sigmund Freuds 1900 erscheinende "Traumdeutung" und die Psychoanalyse machen, ebenso wie Georg Simmels "Philosophie des Geldes" aus demselben Jahr, deutlich, dass es auch mit der Stabilität des Ich nicht weit her ist und anstelle einer verlässlichen Bindung ans Objekt eine reine Potenzialität getreten ist. Die gewohnte Ordnung der Dinge zerbricht, und das Unsichtbare drängt ins Bild. Das Wesen der Epoche, so der Dichter Hugo von Hofmannsthal 1906, sei "Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit". Sie könne "nur auf Gleitendem ausruhen" und sie sei "sich bewusst, dass es Gleitendes ist, wo andere Generationen an das Feste glaubten".

"Ein leiser chronischer Schwindel", so Hofmannsthal, "vibriert in ihr". Erschwert wird die historische Einordnung von Klints Werk, weil ihre abstrakten und eklektizistischen Gemälde zu Lebzeiten nie öffentlich gezeigt wurden. Im Gegenteil. Sie ist überzeugt, ihre Zeitgenossen würden sie nicht verstehen und verfügt, diese Werke dürften frühestens 20 Jahre nach ihrem Tod ausgestellt werden. Tatsächlich vergehen nach ihrem Tod im Jahr 1944 42 Jahre, bis einige Gemälde und Papierarbeiten 1986 in der Ausstellung "The Spiritual in Art. Abstract Painting 1890-1985", die Maurice Tuchman im Los Angeles County Museum of Art einrichtet, neben denen von Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch und Robert Delaunay zu sehen sind. Sofort erregen sie großes Interesse. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist Hilma af Klint bei Forschern und Museumsleuten keine Unbekannte mehr. Klints Arbeiten sind in der Tat faszinierend.

Urchaos und Spiralen

Sie malt überraschend große Formate, arbeitet in Serien, verwendet reine Farben und setzt - etwa in der Serie "Urchaos" von 1906/07 - Buchstaben, Worte und Spiralformen auf die Bildfläche. Soweit bisher entschlüsselt, steht Blau für Feminines, Gelb für Maskulines, wobei die Geschlechter in einer kosmischen Ordnung in Harmonie miteinander existieren. Der Buchstabe U bezeichnet das Geistige, W steht für die Materie. Klint bündelt Energien, verarbeitet Anleihen aus dem Christentum, der Botanik und der Morphologie, sucht mittels Arabesken und in allegorischen Darstellungen die Evolution von niederen zu höheren Entwicklungsstufen zu beschreiben. Innerhalb der "Parsifal"-Serie entstehen 1916 monochrome Farbquadrate, von denen einzelne vorausweisen auf Späteres von Joseph Albers, Agnes Martin oder Donald Judd.

Doch was immer sie malt, es bleibt die tragende Idee ihres "Auftrags", das, so Müller-Westermann, "Wissen von der Einheit allen Seins zu vermitteln, die sich hinter der polarisierten, dualen Welt, in der wir leben, verbirgt." Gründe, die Werke Hilma af Klints zu bestaunen und ihnen einen Platz in der Geschichte der Kunst zuzuweisen, gibt es mithin zur Genüge. Ob eine Einordnung allein im Umkreis "der Abstraktion", also innerhalb der Entwicklung einer nichtabbildenden Kunst erfolgen muss, bleibt indes fraglich. Das Ergebnis hängt wesentlich davon ab, von welcher Warte aus man die Sache betrachtet.

Eine feministisch engagierte Kunstgeschichtsschreibung wird ihre Sonderrolle hervorheben. Andere Forscher, die sich für den Einfluss von Theosophie und Okkultismus auf die moderne Kunst interessieren, werden ebenso andere Akzente setzen wie jene, die das Arbeiten in Serien untersuchen. Die populistische, eher männlich konnotierte Frage "Wer hat's erfunden?" oder "Wer war der oder die Erste?" ist bei weitem nicht die spannendste. Wer vor allem anderen fragt, wer die Pionierleistung für sich verbuchen kann, der huldigt schlicht einem überholten Fortschrittsmodell.

Paul klee, das Lamm
Beide prägten die Moderne, beide lernten beim Malerfürsten Franz Stuck – und beide verband eine enge Freundschaft. Erstmals vergleicht eine Ausstellung Paul Klee und Wassily Kandinsky

Dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Künstler und Künstlerinnen von einer abstrakten Ornamentik, von "reinen" Farben, "freien" Linien und Rhythmen die Erneuerung der Kunst versprochen haben, muss nicht erst entdeckt werden. Dasselbe gilt für die Suche nach "abstrakten" Ausdrucksmöglichkeiten für eine nicht länger als homogen empfundene Realität, die sich in unsichtbaren Phänomenen und Gedankenformen verbirgt. Allein die Tatsache, dass Kandinsky, Kupka, Mondrian und Malewitsch auf je verschiedenen Wegen zu einer Kunst gefunden haben, die mal "abstrakt", mal "absolut" und mal "konkret" genannt wird, zeigt, wie kunstfern es ist, in diesem Wettstreit einen Sieger oder - postum - eine Siegerin ausrufen zu wollen. Kunst und Kunstgeschichte funktionieren nicht wie ein Wettlauf, bei dem eine oder einer als Erster durchs Ziel geht. Zu vielgestaltig sind die Spielarten des Abstrakten: kompositorischmusikalisch erscheint es bei Kandinsky, geometrisch- reduziert bei Mondrian, als mystische Empfindung bei Malewitsch - und eher symbolistisch bei Hilma af Klint.

Weshalb wurde Klints Werk bislang kaum beachtet? Da es zu Klints Lebzeiten nicht öffentlich gezeigt wird, kann sich auch niemand darauf beziehen. Vor allem Kandinskys Abhandlung "Über das Geistige in der Kunst" wird, als sie im Dezember 1911 erscheint, unter Kollegen heftig diskutiert. Sie ist mehr als ein Bekennerschreiben und trägt wesentlich zur Durchsetzung einer gegenstandslosen Kunst bei. Und: Erst wenn sich ein neuer Stil oder eine neue Kunst durchgesetzt hat, tauchen Vorläufer auf, die ohne den Blick durch die neue Optik unerkannt geblieben wären. Was Hilma af Klints Leistung kein bisschen schmälert. Plötzlich aus einer fernen Vergangenheit aufgetaucht, erweist sich ihr OEuvre als verblüffend grandiose Schöpfung - selbst wenn einiges für heutige Augen überladen wirkt.

Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, wie sehr es einem illustrativen Symbolismus verpflichtet bleibt. Klint ist ohne Zweifel unterwegs zu einer Abstraktion eigener Prägung, kommt dort aber nicht ganz an. Oft wird das eben erst abstrakt Erfasste auf dem nächsten Blatt einer Serie wenn nicht dementiert, so doch wieder auf den Boden eines Symbolismus zurückgeholt, der sich daran abarbeitet, religiöse und anthroposophische Denkgebäude zu illustrieren. So bleibt diese "Pionierin der Abstraktion" trotz einer über weite Strecken geradezu berauschenden Farbigkeit und einzelner, einfach nur zauberhaft oder schön zu nennender Blätter, eben auch im Gewohnten gefangen. Das, wonach sie strebt, erscheint ohnehin weitreichender, größer und metaphysischer als dass es sich der Frage nach der Möglichkeit einer gegenstandslosen Kunst unterordnen ließe. Gleichviel, die Ausstellung ist wunderbar, irritierend, verwirrend, vielfältig und spannend - sofern man nicht das Falsche von ihr und der Künstlerin erwartet.

Der Artikel erschien zuerst in art - das Kunstmagazin, Ausgabe 7/2013

Composition with red, yellow and blue. 1928
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