Comickünstler Olivier Schrauwen

Depressingly funny

Der flämische Comic-Künstler Olivier Schrauwen gehört zu den innovativsten Akteuren der Szene. Mit der Geschichte seines Großvaters ist ihm ein weiterer Meilenstein gelungen – voller zeichnerischer Experimente und unterhaltsam-zynischer Kuriositäten.
Depressingly funny

Panel aus "Arsène Schrauwen", erschienen bei Reprodukt

Der flämische Comic-Künstler Olivier Schrauwen, 1977 in Brügge geboren, ist einer der innovativsten Akteure, den die Kunstform Comic innerhalb der letzten Dekade hervorgebracht hat. Und spätestens mit seinem in diesem Jahr auf Deutsch veröffentlichtem Werk "Arsène Schrauwen" (erschienen bei Reprodukt) vollzog sich auch eine Zusammenführung von unterhaltsam-zynischer Kuriosität und experimenteller Darstellungs- und Erzählstruktur. Hatte er zuvor beide Spielarten in seinem Debüt "Mein Junge" (2008) und der Kurzcomicsammlung "Der Mann, der seinen Bart wachsen ließ" (2011) noch mehr oder weniger separat voneinander erkundet, so ist ihm mit der Geschichte seines Großvaters Arsène und dessen Zeit in der belgischen Kolonie Kongo vor allem eine grafisch einmalige Umsetzung seiner zwischen Nihilismus und Slapstick schwebenden Philosophie gelungen.

Das brachte dem Titel eine Nominierung beim im Februar in Angoulême stattfindenden Festival International de la Bande Dessinee ein, der neben seinem US-amerikanischen Pendant, dem Eisner-Award, weltweit zu den begehrtesten Preisen für Comicschaffende zählt. Für letzteren ist Schrauwen übrigens ebenfalls nominiert, allerdings mit dem Titel "Mowgli's Mirror", der im Fahrwasser von "Arsène Schrauwen" entstanden ist.

Ich traf Olivier Schrauwen anlässlich des Ende Mai im fränkischen Erlangen zu Ende gegangenen 17. Internationalen Comic-Salons. Dort war er im Rahmen einer niederländisch-flämischen Zusammenarbeit an der Produktion eines täglich erscheinenden Festival-Magazins unter der Regie des Niederländischers Joost Swarte (u.a. Cover-Zeichner für den "New Yorker") beteiligt. Man konnte dieses Happening als eine Art Warmlaufen für die Präsenz beider Länder auf der im Herbst stattfindenden Frankfurter Buchmesse betrachten, wo unter dem Titel "Das ist, was wir teilen" die Gemeinsamkeiten der nachbarschaftlichen Kulturen herausgearbeitet werden sollen.

Fantastische Familiengeschichten

Niederländer und Flamen teilen neben der Sprache auch eine kolonialpolitische Vergangenheit. Schrauwens Arbeiten beinhalten oft Verweise auf diese unrühmliche Episode, sodass ich ihn während unseres Gesprächs auch nach der Bedeutung einer belgischen Schokolade der Marke "Aiglon" in einer seiner Geschichten befrage. Ist sie eine Chiffre für belgische Profite, den das Land unter König Leopold II den Kongolesen auf brutale Weise abgerungen hatte? Aber Schrauwen verneint. Die Schokolade sei ganz einfach auf eine Kindheitserinnerung zurückgegangen.

Seine Geschichten entstünden eben auch entlang der eigenen und der Geschichte seiner Familie. Wobei der Künstler betont, dass sowohl das Selbstporträt am Anfang von "Arsène Schrauwen"wie auch die Darstellung seines Großvaters stark fiktionalisierte Versionen der realen Vorbilder seien. Es sind wohl diese fantastischen Ausschmückungen die beim Lesen ein Gefühl auslösen, dass man als "depressingly funny" beschreiben könnte. Schrauwen hört das nicht zum ersten Mal. Mit exakt diesen Worten habe er seinen letzten Comic von einem guten Freund zurück bekommen, dem er ihn noch vor seiner Veröffentlichung zu lesen gab.

Ich versuche es noch einmal mit Politik: Ist seine künstlerische Beschäftigung vielleicht auch eine Kompensation für vermisste innerfamiliäre Diskussionen über die Ereignisse in den Kolonien? Schrauwen antwortet nur zögernd: Er habe eigentlich nie genau gewusst, worauf sich der Handel seines Großvaters mit Importwaren genau begründet habe. Ob Schrauwens so souverän mit Form und Stilistik jonglierende Comics nun eine Form persönlicher Vergangenheitsbewältigung sind oder nicht – anregende Exkurse in die Geschichte, gepaart mit absurdem Humor und der Kunst der Abstraktion sind sie auf jeden Fall.

Auftritt: der Künstler
Künstler haben's nicht leicht: Geplagt von Schaffenskrisen, schlaflosen Nächten und emotionalen Achterbahnfahrten fristen sie in der Regel ein bedauernswertes Dasein. Zumindest in den tragikomischen Zeichnungen von Zeichnerin Anna Haifisch