Zentrum für politische Schönheit – »Flüchtlinge Fressen«

Wer ist jetzt zynisch?

Das Zentrum für politische Schönheit sucht Flüchtlinge, die sich in einer Arena fressen lassen – wie im alten Rom. Mit der Aktion wolle man auf die zynische Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik aufmerksam machen. Das Innenministerium widerum findet die Aktion selbst zynisch.
Wer ist jetzt zynisch?

"Flüchtlinge Fressen" heißt die neue Aktion des Zentrum für politische Schönheit.

Tiere gehen immer, das wissen auch Künstler. Vor dem Maxim Gorki Theater in Berlin riecht es nach Holzspänen wie im Zirkus. Ein Schild an der Absperrung warnt: "Libysche Tiger - Lebensgefahr!" Dahinter ist eine Art Arena aufgebaut. Darin schnuppert einer von vier Tigern gerade an einem Bild von Bundespräsident Joachim Gauck. Ein Mann läuft als römischer Soldat verkleidet durch die Kulisse.

Das Ganze ist Teil der Kunstaktion "Flüchtlinge Fressen". Das könnte angeblich tatsächlich im Tiger-Gehege passieren. Fast wie im alten Rom: "Not und Spiele", so der Untertitel der Aktion. Das Zentrum für Politische Schönheit ist für Provokationen und medienwirksame Spektakel bekannt. In der Flüchtlingskrise werden die Töne schriller, das gilt auch für die Kunst.

Die Gruppe will die Bundesregierung unter Druck setzen. Sie will am 28. Juni mit einem Flugzeug namens "Joachim 1" 100 Syrer aus der Türkei nach Deutschland zu ihren Angehörigen bringen lassen und sammelt dafür Spenden. Die Frage dahinter: "Warum können Flüchtlinge nicht einfach mit dem Flugzeug kommen?" Der Plan: Wenn die Bundesregierung die Aktion verhindert oder sich nicht dazu äußert, werden Flüchtlinge gesucht, die sich in der Arena fressen lassen. Ernsthaft? "Wer uns kennt und unsere Arbeitsweise, der weiß, dass wir halten, was wir versprechen", sagt der Künstler Philipp Ruch am Donnerstag.

Machen Sie den Schleppern das Geschäft kaputt!

Er kommt wie seine Kollegen mit schwarz verschmiertem Gesicht, das ist ein Markenzeichen der Gruppe. Im Saal sitzen drei Aktivisten bei der Pressekonferenz förmlich am Tisch und lesen ihre Statements ab. "Bundeserpressungskonferenz" steht an der Wand. In einem Video heißt es zum Spendenaufruf: "Machen Sie den Schleppern das Geschäft kaputt!"

"Der Sommer des Sterbens 2016 ist bereits eröffnet", sagt Aktivistin Theresia Braus. Sie meint die vielen Menschen, die im Mittelmeer auf dem Weg nach Europa ertrunken sind. Dass die Einreise mit dem Flugzeug ohne Papiere nicht funktionieren dürfte, weiß die Gruppe. Sie kämpft dagegen - gegen die Gesetze und die "Barbarei".

Zentrum für politische Schönheit
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Es wirkt makaber, soll aber einer guten Sache dienen: Im Internet kann man entscheiden, ob Flüchtlinge wie "Omar", "Dina" oder "Amer" reisen dürfen. Und angeblich gibt es auch schon einen verzweifelten Flüchtling, der sich fressen lassen will. Die Gruppe schafft es immer wieder in die Schlagzeilen: Aus Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik bestattete sie 2015 in Berlin eine Frau, die im Mittelmeer ertrunken sein soll. Ein anderes Mal stahlen die Aktivisten Gedenkkreuze für Maueropfer am Spreeufer, später brachten sie sie wieder zurück.

Nun die Sache mit den Tigern. Auf den Tierschutz werde geachtet, heißt es. Die Tiger kämen aus privatem Besitz aus dem Saarland und hätten im Gehege mehr Platz als die Flüchtlinge, die im Tempelhofer Flughafen untergebracht sind - das versichert eine Frau am Infotisch. Neulich hatte das Zentrum für Politische Schönheit angekündigt, nach der Premiere eines Theaterstücks ein Jaguarbaby im Dortmunder Zoo zu erschießen. Das Kätzchen blieb am Leben.

Innenministerium: »Aktion ist zynisch«

Das Bundesinnenministerium hat die Künstleraktion derweil als "unangemessen und zynisch" bezeichnet: "Es handelt sich um eine geschmacklose Inszenierung, die auf dem Rücken der Schutzbedürftigen ausgetragen werden soll. "Die gesetzlich vorgesehenen Einreisevoraussetzungen würden durch solche Aktionen nicht außer Kraft gesetzt. "Zur Beantwortung der Frage, ob die Regierung diesen Flug (aus der Türkei) genehmigen wird oder nicht, liegen nicht genügend Informationen über den geplanten Flug vor."

Die Künstler kritisieren den Paragrafen 63. Er verbietet, dass Ausländer ohne die nötigen Papiere nach Deutschland befördert werden können. Konkret geht es um Absatz 3 des Paragrafen, der bei Verstößen ein Zwangsgeld für den Beförderungsunternehmer vorsieht. Das Ministerium verteidigte das Beförderungsverbot. Es diene dazu, die Einhaltung der Pass- und Visumspflicht sicherzustellen. "Dies ist erforderlich, um - auch im Interesse der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland - nachvollziehen zu können, wer nach Deutschland einreist." Im Übrigen gehe es auf Europarecht zurück und könne nicht einseitig von Deutschland aufgehoben werden.

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