9. Berlin Biennale 2016 – Hito Steyerl

Künstlerischer Kampfsport

Was nützt eine Revolution, wenn man dazu nicht tanzen kann? Hito Steyerl verknüpft deshalb politische Inhalte mit cooler Science-Fiction-Ästhetik und geradezu süchtig machenden Bildern und Sounds. Porträt einer Künstlerin, deren Erfolg nicht aufzuhalten ist.
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Die Künstlerin Hito Steyerl vor dem Deutschen Pavillion in Venedig

Gibt es einen Ort, der für das Böse in der Kunstwelt steht? Einiges spricht dafür, dass es die Freeports sind – jene Freilager in Singapur und anderswo, in denen steuerfrei Kunst gelagert werden kann. So diskret, dass auch Geldwäsche und andere Wirtschaftskriminalität hier stattfinden kann. Freeports sind zum Symbol der Gier des immer noch wachsenden globalen Kunstmarkts geworden. Doch der Widerstand hat schon begonnen.

In der Filmarbeit Factory of the Sun der deutsch-japanischen Künstlerin Hito Steyerl taucht ein virtueller Charakter auf, der sich an der Erstürmung eines Freeport beteiligt hat. "Big Boss Hard Facts", wie er sich nennt, sei bei den 2018er Aufständen in Singapur getötet worden. Seither geistert er als Avatar durch das Netz und erzählt seine Geschichte: "Wir besetzten den Freeport und wandelten ihn in eine Renderfarm-Kooperative um."

Die Arbeit von Hito Steyerl war im vergangenen Jahr das Herzstück des deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig. Im Stil eines futuristischen Videospiels wurde da von Überwachung, Unterdrückung und Ausbeutung erzählt – aber auch von Widerstand im digitalen Zeitalter. Steyerl fand für ihre komplexe Science-Fiction-Story geradezu süchtig machende Bilder und Sounds und kam ganz ohne den bei diesem Thema sonst üblichen Kulturpessimismus aus. Als zentrale Metapher für Gegenwart und Zukunft definierte die Künstlerin das Licht als die Basis aller digitaler Datenverarbeitung: "Es geht unter anderem um ein fiktionales Computerspiel, in dem jede Regung, jede Art von Arbeit, jede Bewegung und jede Art von Emotion in Licht übersetzt wird. Dieses Licht wird eingefangen und gesammelt und so zu einer Art Währung – wie Geld, etwas, das universal gültig ist." 

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Highlight im deutschen Pavillon zur Biennale 2015: Hito Steyerls Videoinstallation "Factory of the Sun"

Alles wird aus Licht gemacht

Schließlich sei es, so Steyerl, eine "physikalische Tatsache, dass Menschen heute Licht dazu verwenden, nahezu alles, was sie betrifft, zu kodieren", um es dann "anschließend durch Glasfaserkabel zu jagen".  Steyerl filmte und programmierte die Story um eine Gruppe von ausgebeuteten Internet-Tänzern, globalen Aufständen, tödlichen Deutsche- Bank-Drohnen und die ehemalige NSA-Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg. Es ist ein Spiel, das man allerdings nicht spielen kann. Sie nennt es "interpassiv". Denn: "Mit den digitalen Medien verhält es sich im Allgemeinen so, dass die Versprechen von Interaktivität und Partizipation Illusionen  sind. Wie bei einem Computerspiel wird man ständig aufgefordert, etwas zu tun, aber auch wenn man alle Knöpfe drückt, passiert überhaupt nichts – außer dass man selber ausgelesen wird – die eigene Beteiligung wird als Arbeit verwertet." Trotz allem wirkt diese Kunst so seltsam beschwingt und cool: Denn was nützt eine Revolution, wenn man nicht tanzen kann?

Als ursprüngliche Inspiration für Factory of the Sun gibt Steyerl einen Satz aus dem 1985 erschienenen "Manifest für Cyborgs" der US-amerikanischen Cyber-Feministin Donna Haraway an: "Unsere besten Maschinen sind aus Sonnenschein gemacht. Sie sind so vollkommen licht und rein, weil sie aus nichts als Signalen, elektromagnetischen Schwingungen, dem Ausschnitt eines Spektrums bestehen."  Steyerl greift diesen Gedanken auf und lässt das Roboter-Manifest durch eine Chinesisch sprechende Stimme aus dem Off mit englischen Untertiteln verlesen: "Unsere ­Maschinen sind aus reinem Sonnenlicht gemacht. Elektromagnetische Frequenzen. Licht, das durch Fiberglaskabel fließt. Die Sonne ist unsere Fabrik." Das spielerische, assoziative Springen zwischen Theorie und Praxis, zwischen CGI-Effekten und Filmaufnahmen, realer Welt und virtuellen Räumen, Schauspielern, Amateurdarstellern und gerenderten Avataren kommt schon in früheren Arbeiten vor; doch Steyerl hat ihre Methode und die Ästhetik in den vergangenen Jahren immer weiter radikalisiert. Der Film Factory of the Sun mit seinen tanzenden Kämpfern stellt den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung dar.

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Damit festigt die 1966 in München geborene Künstlerin auch ihre Sonderstellung in der Gegenwartskunst. Denn ästhetisch-technologisch operiert sie zwar auf Augenhöhe mit einer Generation von jüngeren Künstlern (wie etwa dem 1982 geborenen Ed Atkins oder Ryan Trecartin, Jahrgang 1981) – von der kritischen Grundhaltung und der inhaltlichen Schlagkraft her steht sie aber doch in der Traditionslinie von Künstlern wie der New Yorker Foto-Video-Performance-Ikone Martha Rosler (geboren 1943) oder dem deutschen Essay-Filmkünstler Harun Farocki (1944 bis 2014). Tatsächlich tauchen hier alte (linke) Inhalte in neuer Form wieder auf: Steyerl lässt die Bibliothek eines Anti­fa-Infoladens mit der Gamer-Ästhetik aus dem Telecafé förmlich ineinander­krachen. So entsteht die Kunst, die der Gegenwart am nächsten kommt. Dass sie sich selbst in erster Linie gar nicht als Künstlerin sieht, stört den Kunstbetrieb dabei herzlich wenig. "Ich wollte seit jeher Kino machen, aber dieses ist dann verschwunden", erklärte Steyerl in einem Interview. Sie verstehe sich nicht als Künstlerin, sondern als Filmemacherin und passionierte Autorin. "Von daher kam ich nie auf die Idee, einen Steinblock zu behauen. Wozu?", erklärt sie. Einem Radiojournalisten bot sie kürzlich sogar den Vergleich zwischen Kunstproduktion und Klempnerei an: "Eigentlich ist das, was ich als sogenannte Künstlerin mache, gar nicht viel anders als Klempnerei: Man legt eine Infrastruktur an, und dann wird Abwasser durchgeleitet." Tatsächlich sind die In­stallationen das Einzige, was bei Steyerl oft nicht überzeugt: Sie wirken im Vergleich zur Finesse ihrer filmischen Montagen ein wenig zu buchstäblich und spröde.

Ohne Schulabschluss an die Akademie

Die Ursprünge von Steyerls Arbeit liegen im Film; zwischen 1987 und 1990 studierte sie zunächst Kinematografie und Dokumentarfilmregie an der Kunsthochschule in Tokio bei Shohei Imamura und Kazuo Hara. "Es ­war der einzige Ort in Japan, wo so etwas wie kritisches Filmemachen noch eine Art Asyl fand, denn das Privatfernsehen mit den bekannten Folgen gab es in Japan schon viel früher als in Europa." Die Akademie bot sich auch aus einem anderen Grund für Steyerl an, die mit 16 Jahren von der Schule geflogen war: Anders als in Deutschland konnte man sich hier auch ohne Schulabschluss einschreiben. Danach arbeitete sie für kurze Zeit als künstle­rische Assistentin und Produktionsleiterin für Wim Wenders, bevor sie um die Mitte der Neunziger in München an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) Dokumentarfilmregie studierte. 2003 schließlich promovierte sie in Philosophie an der Wiener Akademie der Bildenden Künste. Seit 2011 ist Steyerl nun selbst Professorin für Experimentellen Film und Video (Neue Medien) an der Berliner Universität der Künste (UdK) und agiert als viel gefragte Sprecherin auf internationalen Medienkunst- und Philosophie-Konferenzen.

Kunst- und Theorieproduktion lassen sich hier nur noch schwer voneinander trennen: In der Gegenwart, in der auch die "Bilder aus Text bestehen", also alles Code ist, erscheint diese Trennung tatsächlich obsolet. "Ich versuche mit der Texthaftigkeit von Bild und der Bildhaftigkeit von Text zu arbeiten", sagt Steyerl. Marius Babias, Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) benutzt dafür das Wort "Theoriepraxis" – ein Versuch, die "in der Autonomie der Kunst begründete Trennung zwischen Theorie und Praxis hinter sich zu lassen, um mittels Bild und Sprache zu einer komplexen Betrachtung der Welt zu gelangen." Wie funktioniert das genau? "Bei diesem Ansatz geht das theoretische Denken über die reine Reflexivität hinaus, es wird produktiv gemacht im Filmemachen als schöpferischem Akt." Der Berliner Kurator organisierte 2009 die erste kleine Retrospektive mit Werken Steyerls in Deutschland. Das Verfassen von Texten ist für Steyerl eine der Kunst ebenbürtige Beschäftigung. "In meinem Schreiben geht es sicherlich nicht so sehr darum, eine Art Wahrheit zu formulieren, sondern vielmehr um Projektionen, Spekulationen und Gedankenexperimente. Möglicherweise bin ich mit vielem Aufgeschriebenen schon am nächsten Tag nicht mehr einverstanden – aber das ist völlig in Ordnung." Viele ihrer Texte erscheinen nicht in traditionellen Kunst- oder Theoriemagazinen, sondern werden über e-flux, einen 1998 in New York gegründeten und von den beiden Künstlern Anton Vidokle und Julieta Aranda betriebenen E-Mail-Nachrichtendienst für Kunst verteilt.

Auch so hält man sich unabhängig von akademischen Strukturen und Netzwerken, die eifersüchtig über ihre Diskurshoheit wachen. Mit über 90 000 Abonnenten zählt e-flux nicht nur zu den globalen Leitmedien der Kunst, sondern besitzt aufgrund seiner Schnelligkeit und Direktheit die größte Durchschlagskraft. Das 2008 gegründete Theorie-Beiboot e-flux journal hat pro Aus­gabe zwischen 10 000 und 20 000 Leser. "Hito Steyerl gehört zu unseren wichtigsten und populärsten Autoren", bestätigt Vidokle. 2009 veröffentlichte die Künstlerin hier etwa "In Defense of the Poor Image" – bis heute wohl ihr berühmtester Essay. Er gilt als Re­ferenztext schlechthin zur aktuellen Situation des digitalen Bildes – seiner Mobilisierung, Beschleunigung, Kommerzialisierung und Kontrolle. "Hito Steyerl hat in den letzten zehn Jahren einen ganz bemerkenswerten künstlerischen und intellektuellen Parcours hingelegt", sagt Florian Ebner vom ­Museum Folkwang in Essen und Kurator des deutschen ­Pavillons in Venedig 2015. "Sie war eine der Ersten, die über die reisenden Bilder gearbeitet haben: über die Gebrauchsweisen und ­Leseweisen von Bildern, je nach den politischen Kontexten, in denen sie entstehen und gezeigt werden."   

Als Künstlerin, Filmemacherin, Essayistin und Medientheoretikerin nehme Steyerl, so Ebner, "die Figur der Kriegerin ein, die entgegen postmoderner Relativierungen stets die Frage nach der Wahrheit der Bilder stellt". Vielleicht ist Bruce Lee, die 1973 früh gestorbene Kung-Fu-Ikone, nicht ganz unschuldig an solchen Assoziationen. Lee ist im Werk von Steyerl eine oft zitierte Referenz. Bis ­heute wird er für vieles gerühmt: für seine Schnelligkeit, Selbstbeherrschung und die pragmatische Fähigkeit, verschiedene tra­ditionelle Kampfstile zu verbinden, seinen philosophischen Ansatz und seinen Beitrag als Brückenbauer zwischen Ost und West im Kampf gegen kulturelle Stereotypen.

Ein bisschen so verhält es sich auch mit Hito Steyerls Werk: Kunst- und Theorie­produktion, Vortragswesen, Überforderung, Pop-Wissen, Rollenspiel, Science-Fiction, Computer-Animation, sehr viel Humor, Lehre, poli­tische Haltung, Medienkritik und Film verschmelzen zu einer neuen Art von künstlerischem Kampfsport. Mit ihm lässt sich eine besonders geschmeidige und ­attraktive Form von intellektueller Widerständigkeit entwickeln. Die wird auch benötigt. Der Kampf lohnt sich.

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