Flüchtlingsboot von Ai Weiwei

Das dunkle Europa

Natürlich stößt auch sein neues Projekt auf gemischte Reaktionen. Während die einen von Ai Weiweis aufblasbaren Flüchtlingsfiguren tief bewegt sind, bemängeln andere deren Anonymität. Endlich aber scheint der Künstler auch ästhetisch wieder an Überzeugungskraft zu gewinnen .
Das dunkle Europa

Ai Weiweis neuester Streich: ein mysteriöses Schlauchboot, das er auf Instagram präsentierte.

Es sieht ein bisschen nach einem Gedenkprojekt zum 72. Jahrestag der Landung in der Normandie aus, was Ai Weiwei da vorbereitet. Zeitlich würde es passen, denn die Invasion der Alliierten an der Atlantikküste fand in der Nacht zum 6. Juni 1944 statt. Damals setzten 3.100 Boote von Großbritannien nach Frankreich über, an Bord waren rund 150.00 amerikanische, britische und französische Soldaten, die letztendlich an der Westfront des Zweiten Weltkriegs die Befreiung des von den Nationalsozialisten besetzen Frankreichs vorbereiten sollten. Als Ai Weiwei am 29. Mai 2016 auf seinem Instagram-Account also Bilder von einem mit militärisch wirkenden Menschenfiguren besetzten Boot veröffentlichte, hätte sich schon die Frage aufdrängen können, ob sich der Künstler hier dem Thema D-Day widmet.

Fast wie Soldaten reihen sich Ai Weiweis Figuren nebeneinander, ebenso aufblasbar wie das Boot in dem sie sitzen. Sie sind gesichtslos, uniform – und überlebensgroß. Bei Twitter sprach Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich schon von einer "Ritterrüstungsästhetik", wohl bedingt durch die helmartigen Köpfe der Figuren. Erst aus einer anderen Perspektive auf Ai Weiweis Kunstwerk offenbart sich, dass sich zwischen den aufrecht sitzenden Figuren in der Mitte des Boots weitere Gestalten befinden. Anhand der Einzelaufnahmen auf Ai Weiweis Instagram-Account lässt sich schließlich deren Bedeutung erkennen: Die kauernden Figuren halten kleinere Gestalten und Bündel in ihren Armen – es sind Kinder und Babys, ebenso überlebensgroß, aufblasbar und gesichtslos wie ihre aufrecht sitzenden Pendats.

Ai Weiwei
Übersicht zu allen Artikeln und aktuellen Ausstellungen mit Ai Weiwei

Ai Weiwei verweist in seinen Installationen immer wieder auf die Situation von Flüchtlingen, denen eine sichere Einreise nach Europa verwehrt wird oder die in Auffanglagern unter unmenschlichen Bedingungen leben müssen. Der Künstler besuchte erst im März 2016 das Zeltlager im griechischen Idomeni, einerseits um sich selbst mit den Geflüchteten auszutauschen, andererseits um mit seiner Anwesenheit auch das Interesse der Medien auf die beklagenswerten Zustände zu lenken, unter denen die Menschen dort ums Überleben kämpfen. Das Wegschauen vor dem Elend fällt eben schwerer, wenn der große Ai Weiwei mit Pressevertretern kommt, so vermutlich seine Hoffnung.

Ai Weiwei Idomeni
Im strömenden Regen besuchte der chinesische Künstler das improvisierte Lager und bekundete seine Solidarität mit den Geflüchteten: »Ich bin auch nur einer von ihnen, deshalb bin ich hier«

Im Januar zuvor hatte der Künstler seine Ausstellung "Ruptures" in der Faurschou Foundation in Kopenhagen vorzeitig geschlossen, als Protest gegen ein verabschiedetes Gesetz, das es dem Dänischen Staat ermöglichen sollte, den Besitz von einreisenden Flüchtlingen zu enteignen. Im Februar folgte in Prag eine eher dekorative Form des Protests, als Ai Weiwei seine Skulpturengruppe "Circle of Animals/Zodiac Heads" mit Rettungsfolien umwickelte. Die zwölf Bronzestatuen, welche die chinesischen Tierkreiszeichen darstellen, werden dort vor dem Messepalast, dem Sitz der Nationalgalerie, gezeigt und begleiten die Ausstellung "Großzügigkeit: Von der Kunst des Gebens". Ai Weiwei beschrieb seine Aktion vor diesem Hintergrund als Geste, die Würde von Flüchtlingen zu verteidigen.

Ein Schlag in die Magengrube

Um Rettungsfolien ging es auch im Rahmen der diesjährigen Cinema for Peace Spendengala, die begleitend zur 66. Berlinale im Februar 2016 stattfand. Als Ehrenpräsident der Veranstaltung bat der Künstler in seiner Ansprache das Publikum nämlich, die Folien für Flüchtlinge zu spenden – nachdem er zuvor Stars wie Charlize Theron in selbige gehüllt hatte. Auch die Säulen des Berliner Konzerthauses hatte Ai Weiwei für die Veranstaltung umhüllt, allerdings nicht mit goldener Rettungsfolie, sondern mit tausenden oranger Rettungswesten von Menschen, die nach einer Flucht übers Mittelmeer die griechische Insel Lesbos erreicht hatten. Ein Transparent in der Mitte der Installation forderte "Safe Passage".

Eine sichere Überfahrt hätte auch Ai Weiweis aktuelles Projekt nötig. In ihrer enormen Größe und gesichtslosen Anonymität stoßen die aufblasbaren Figuren auf gemischte Reaktionen im Netz. Die einen denken amüsiert an Astronauten, andere sehen eine Interpretation von Jeff Koons’ "Inflatables", nur eben nicht bunt und quietschig, sondern düster und bedrückend. Anders als Koons’ Ballonfiguren, die für bedingungslosen Optimismus stehen, erscheinen Ai Weiweis aufblasbare Gestalten eher fragil. Ein Windstoß könnte das Kunstwerk umwerfen, eine kleine Beschädigung im Material könnte die Figuren in leere Hüllen verwandeln. Ein Instagram-Nutzer kommentiert mit den Worten: "Ein Schlag in die Magengrube... So leicht zerstörbar, es braucht nur eine Nadel und die Luft (das Leben) entweicht."