Geta Brǎtescu in Hamburg

Grande Dame der Konzeptkunst

Die rumänische Künstlerin Geta Brǎtescu hat Hitler, Stalin und Ceausescu überlebt, hat Monarchie, Kommunismus und Kapitalismus durchlebt. In ihren Bildern schwingt kein Selbstmitleid, keine Trauer, keine Anklage mit. Die Hamburger Kunsthalle zeigte die erste Retrospektive in Deutschland.
Grande Dame der Konzeptkunst

Geta Bratescu: "Mrs Oliver in her traveling costume", 1980

 

Sie blieb. Obwohl mit der Übernahme des kommunistischen Regimes nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Intellektuelle und Künstler Rumänien verließen. Geta Brǎtescu wurde 1949 vom Studium ausgeschlossen. Sie habe "keine gesunde soziale Herkunft", hieß es. Ihre Eltern besaßen eine Apotheke. Akademiker galten als Klassenfeinde. Bratescu durfte ihr Kunst- und ein Literaturstudium vorläufig nicht abschließen. Ein weiteres Problem war auch ihre Vorliebe für Thomas Mann, der nicht als proletarischer Autor galt. Erst 1971 schloss sie ihr Kunststudium in Bukarest ab. Als künstlerische Leiterin des Lite­ratur- und Kunstmagazins "Secolul" – eines staatlich geförderten Organs, das jedoch keine politische Funktion hatte – konnte Brǎtescu ab 1963 arbeiten, ohne der Zensur zum Opfer zu fallen. Zudem war sie als Grafikerin, Buchillustratorin und Autorin tätig. Damit hatte sie ihr Soll im Dienst des Volkes und des Vaterlands erfüllt. Kunst mit "Gebrauchswert" war legitim. Parallel ging sie der freien künstlerischen Arbeit nach. Und diese Arbeit ist unendlich vielfältig und nicht leicht zu durchschauen.

Die rumänische Künstlerin hat Hitler, Stalin und Ceausescu überlebt, hat Monarchie, Kommunismus und Kapitalismus durchlebt. In ihren Bildern schwingt kein Selbstmitleid, keine Trauer, keine Anklage mit. Eine wichtige Konstante ist das Bukarester Atelier geblieben, in dem sie bis heute experimentiert. Sie untersuchte ihren Körper, ihre Hände, den Raum, der sie umgab, ihre Geschichte. Filme, Fotos und Textarbeiten dokumentieren ihre frühen konzeptuellen Ansätze in den siebziger Jahren. Selbstbewusst arbeitete sich Brǎtescu durch die Gattungen, als verfolge sie die Maxime, alles aufzusaugen, alles ausprobieren zu wollen. Dennoch ist ihre Kunst keineswegs beliebig. Gern aber abstrakt, als müsse sie dem Realismus trotzen. Wenn sie zeichnet, filmt, collagiert, klebt, näht oder Bühnen baut, dann geht es immer um Formen, die sie umgeben, die aber nicht sofort ersichtlich sind, wie etwa chemische Reaktionen und magnetische Felder. "Bevor ich einschlafe und nach dem Aufwachen suche ich nach einer Umgebung, die so abstrakt wie möglich sein sollte", sagt sie. Das ist eine sehr selbstbewusste Haltung, die in einem Land entstanden ist, das freie und experimentelle Kunst strikt ablehnte.

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Geta Brǎtescu war keine Einsiedlerin, deren Stimme leise aus dem Off kam. Sie zählte immer zur Avantgarde und ist bis heute für die jungen Künstler ihrer Heimat ein Vorbild. Seit den sechziger Jahren stellt sie im Ausland aus. Zuletzt waren ihre Arbeiten auf der Istanbul-Biennale (2011), der Triennale in Paris (2012) oder der Venedig-Biennale (2013) zu sehen. Die Hamburger Kunsthalle ist dennoch die erste Institution außerhalb Rumäniens, die die Avantgar­distin mit einer retrospektiven Werkschau ehrt. Am 4. Mai wird sie 90. Gefeiert werden dann auch über 60 Jahre Nonkonformismus!

Geta Brǎtescu

Die Ausstellung findet bis 7. August 2016 in der Hamburger Kunsthalle statt.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Snoeck Verlag und kostet 24,80 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro.

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