Fürst Pückler in Bonn

Ein Dandy mit grünem Daumen

Per Zeitungsanzeige suchte Fürst Pückler einen Eremiten für seine Gartenanlage, die Damen der höheren Gesellschaft beschenkte er mit Ananas aus der Eigenproduktion. Der dandyhafte Pionier der Gartenkunst wird nun in der Bundeskunsthalle Bonn gewürdigt.
Ein Dandy mit grünem Daumen

Fürstliche Wellness: der Park für Kaiser-Gattin Augustas Sommersitz Babelsberg, gestaltet von Fürst Pückler-Muskau. Ernst Hasse: "Schloß Babelsberg, auf einem Gartenweg, Prinz Wilhelm mit seiner Tochter Luise", 1840/45, Aquarell

Ein eigener Garten – für viele vor allem junge Deutsche galt das lange als spießig und überholt. Seit Phänomenen wie dem "Urban Gardening" aber ist das Wühlen in der Erde plötzlich zum ultimativen Wellness-Programm aufgestiegen. Dass sich der Kult ums Buddeln zur Therapie von akuter Erschöpfung eignet, hatte schon Fürst Hermann von Pückler-Muskau erkannt. Die Bundeskunsthalle in Bonn verneigt sich jetzt vor dem preußischen Gartenkunst-Pionier mit einer großen Ausstellung.

Seine Durchlaucht überließ nichts dem Zufall. Die Damen der höheren Gesellschaft beschenkte er mit Ananas aus der Eigenproduktion statt mit Blumen. Seine Gäste verköstigte er erst gegen Mitternacht, wenn es die Gartenarbeit erforderte. War die Kaiser-Gattin Augusta mit dem Zustand ihrer Sommerresidenz Babelsberg unzufrieden, eilte er herbei, um den Park mit "Pfannenkuchenbeeten", als Füllhorn oder Blumenkorb gestaltet, zu verschönern. Gänzlich unbescheidene Bedingungen ließen nicht lange auf sich warten: "Ich stehe ihren Hoheiten dafür, dass der Babelsberg als organisches Ganzes, etwas sehr Gediegenes und in künstlerischer Hinsicht alle anderen Anlagen seiner Art in der Potsdamer Gegend übertreffen wird. Aber man muss mir freie Hand lassen und tun, was ich sage, sonst kann ich die künstlerische Verantwortung nicht dafür übernehmen."

Nächte in der Gruft und ägyptische Zeremonien

Selbst die eigene Bestattung hat der ausgewiesene Exzentriker, der ein Hirschgespann besaß und wie es der schwarzromantische Zeitgeist erforderte, mitunter in der Gruft seiner Ahnen übernachtete, in allen Details frühzeitig geplant. Vorgeschwebt hat ihm eine ägyptische Zeremonie. Einem Pharao gleich sollten seine sterblichen Überreste über den Wasserweg in die eigens auf einem künstlichen See des Familienstammsitzes Branitz erbaute Pyramide gelangen. Die Idee zum Grabhügel entsprang nicht etwa einer krankhaften Fantasie, auch wenn Fürst Hermann von Pückler-Muskau durchaus zu Phasen der kraftlosen Melancholie neigte. Kein Wunder bei dem Reisepensum, dass er sich von Paris über Venedig bis zu Athen regelmäßig verordnete. Nicht zu vergessen den Orient, wo er die ägyptischen Original-Kultstätten in Augenschein genommen und die eine oder andere auch persönlich bestiegen hatte.

Und auch die Kunst des Gärtnerns schaute er sich am Ort ihrer höchsten Kultivierung ab. In England, wo er vergeblich nach einer finanzstarken Braut Ausschau hielt. Ernüchtert gab er zu Protokoll: "Muss nicht ein wahres Schamgefühl in uns aufsteigen, wenn wir deutsche Gärten bei uns aufsuchen, deren Hauptaussicht auf den Düngerhof geht, an deren Pforte sich den größten Teil des Tages über Schweine und Gänse belustigen?" Seine Auftritte als Dandy mit schwarz gefärbtem Haar sorgten auf der Insel zwar selbst fürs Amüsement auf Karikaturen und in einem Roman von Charles Dickens. Nach einer heiratswilligen Partie suchte der fremde Sonderling aber vergeblich. Zu groß war sein Schuldenberg, der das in die Ehe eingebrachte Vermögen sogleich auffressen würde.

Am bitterkalten Februarmorgen des Jahres 1871 war es so weit. Der Tod holte den bis zum Schluss gärtnernden 85-Jährigen ein. Weil der Fürst mit Würmern auf Kriegsfuß stand, verfügte er die Auflösung seines Körpers in Ätznatron. Das Herz legte man in eine Glasphiole mit Schwefelsäure. Alles lief nach Plan, bis auf den zugefrorenen See. Beinahe hätte dieser den rutschfreien Übergang ins Jenseits gefährdet. Eigentlich ganz nach dem Geschmack des gerne aus der Reihe tanzenden Pantheisten und Kosmopoliten, der mit frühsozialistischen Ideen kokettierte, das Leben sexuell und kulinarisch in vollen Zügen genoss, jeden noch so utopischen Einfall zielstrebig anging und sogar vor dem Philosemitismus nicht zurückschreckte.

Eine sehr unkonventionelle Ehe

Seine Ehe mit "Schnucke" Gräfin von Hardenberg hätte nicht unkonventioneller verlaufen können. Die Geschiedene brachte bereits zwei Töchter mit ein. Der jüngere Pückler hielt sie mit unzähligen Briefen nicht nur über seine Reiseeindrücke auf dem Laufenden, sondern auch über die nicht abreißenden Affären. Sie gönnte ihm die Eskapaden, versorgte ihn mit Geldspritzen, zeigte sich dann aber doch empört, als er ihr eine äthiopische Sklavin als Mitbringsel präsentierte.

Da waren sie längst einvernehmlich geschieden, um Raum für eine vermögende Gattin zu schaffen, lebten aber trotzdem weiterhin zusammen. Der Nonkonformist, der gelegentlich mit Turban und Haremshose als Pascha-Imitator auftrat, war eine Zumutung für seine konservative Adelsschicht, weswegen auch sein Name bei der eigenen Nation post mortem in Ungnade fiel. Was von ihm übrig blieb, war lange die Verkürzung auf eine wenig originelle Eis-Schnitte.

Eremit per Zeitungsanzeige

Zu finden ist der 16 Meter hohe Grab-Tumulus, auf dessen Hängen wilder Wein wächst, bis heute integriert in die englische Parklandschaft rund um das Schloss Branitz bei Cottbus. 622 Hektar ist sie groß, abgetrotzt störrischen Bauern aus der Umgebung, die Pückler erst auszahlen musste, bevor er den extrem sandigen Boden in eine dreidimensionale "Bildergalerie" verwandeln konnte. Tagelöhner und Gefängnisinsassen sorgten dafür, dass statt der Äcker nun Wassergräben, Seen und Hügel das Kommando über die sanft gebändigte Natur übernahmen. 700 alte Bäume wurden rangekarrt, mit einem speziell von Pückler entworfenen Gefährt. Fensterscheiben, die beim Transport zu Bruch gingen, musste er trotzdem erstatten. Da war er 60 Jahre alt und sein erstes grünes Opus magnum bereits los.

Die enormen Einnahmen aus seinen Reise-Bestsellern reichten irgendwann nicht aus, um den Verkauf der viel größeren Anlage von Schloss Muskau in der Oberlausitz abzuwenden. Seine Gartenbücher, allen voran die "Andeutungen zur Landschaftsgärtnerei" von 1834, schöpften aus den Erfahrungen dieser 30 Jahre lang betriebenen idealen Schöpfung. Der Gartenfanatiker, der hier geboren worden ist, betont darin die Wichtigkeit der Planung, der Auswahl der Pflanzen und der Blickachsen. Für die Einsiedelei wurde in Muskau eigens ein Eremit per Zeitungsannonce engagiert. Der "Pleasure-ground", die Rasenfläche direkt am Schloss, stand der Öffentlichkeit nicht zu. Den Rest teilte der Aristokrat aber mit Besuchern aus allen Schichten. Heute gehört der von ihm mit Sinn für botanische Raffinessen und kräftige Farben entworfene Park zum Weltkulturerbe der UNESCO. Wer knallblaue Flussbrücken nicht für gewöhnungsbedürftig hält, lässt sich hier auch nicht von elektrischen Zäunen schrecken, die der Bieber-Plage beikommen sollen.

Hinter der Grenze zu Polen, die mitten durch den Park entlang der Neiße verläuft und sich inzwischen ohne misstrauische Blicke der Grenzer überqueren lässt, lockt eine prächtige Aussicht auf das endlos ausufernde Terrain. In seinen "Briefen eines Verstorbenen" bringt es Pückler auf den Punkt: "Man könnte die höhere Gartenkunst mit der Musik vergleichen, und wenigstens ebenso passend, als man die Architektur eine gefrorene Musik genannt hat, sie eine vegetierende Musik nennen. Sie hat auch ihre Symphonien, Adagios und Allegros, die das Gemüt durch unbestimmte und doch gewaltige Gefühle gleich tief ergreifen." Der wilde Pückler zeigte sich übrigens gegenüber seinen grünen Kompositionen geduldig. Erst nach 150 Jahren, so der Kenner, erreichten sie ihre maximale Entfaltung. Da kommt die opulente Bonner Hommage gerade rechtzeitig.

Parkomanie. Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler

Die Ausstellung findet von 14. Mai bis 18. September 2016 in der Bundeskunsthalle Bonn statt.