Carl Andre in Berlin

Der Rangierkünstler

Die minimalistischen Bodenskulpturen des amerikanischen Bildhauers Carl Andre sind Meilensteine der Nachkriegskunst. Eine historische Ausstellung im Hamburger Bahnhof zeigt nun das weite materielle Spektrum des Künstlers, der sich in seiner Jugend bei der Eisenbahn verdingte.

Das bodenständige Arbeitsritual bei der Eisenbahn, der Anblick der rhythmisch fortlaufenden Gleise, die zu überbrückenden Distanzen und Transportwege, all das hat Carl Andres Fokus entscheidend geschärft. Vielleicht würde sein skulpturales Werk auch ganz anders aussehen, hätte der Künstler sich nicht in frühen, künstlerisch ziemlich erfolglosen Jahren bei der Eisenbahngesellschaft Pennsylvania Railroad verdingen müssen. Seine zwischen 1960 und 1964 geleistete Tätigkeit als Bremser und Rangierer prägte das bildhauerische Verständnis allein schon deshalb, weil Andre kontinuierlich beobachten konnte, wie massive Volumen aus Metall und Holz ihrerseits über Linien aus Holz und Metall bewegt wurden.

Erst mit der Durchsetzung von Helden der Minimal Art wie Donald Judd und Dan Flavin Mitte der 1960er Jahre war allerdings seine Zeit gekommen. Die dann in Rasterstrukturen oder längs gerichteten Bahnen angeordneten Bodenskulpturen sind im wahrsten Sinne Meilensteine der modernen Nachkriegsbildhauerei – serielle Produktionsformen der Industrie scheinen auf. Carl Andre holte zusammen mit anderen Bildhauern seiner Generation die Skulptur vom Sockel direkt auf den Boden, mehr noch: Er machte die Plinthe selbst mit begehbaren Bodenplatten aus Metall zum skulpturalen Ereignis.

Mentale und körperliche Passagen wollte Carl Andre schaffen, um die Simultanität für Zeit und Raum erfahrbar zu machen. Weitläufig überprüfen lässt sich die Gültigkeit dieser radikalen künstlerischen Ansprüche nun im Hamburger Bahnhof in Berlin, wo eine von der Dia Art Foundation aus Beacon/New York übernommene Retrospektive zu dem 80-jährigen Bildhauer eingerichtet wurde. "Wir zeigen nicht nur das vertraute Œuvre, sondern wie unterschiedlich Andre mit Materialien wie Backstein, Metallplatten, Granit- und Holzblöcken gearbeit hat", sagt Kuratorin Lisa Marei Schmidt. Der amerikanische Künstler selbst betonte immer die humane Dimension seiner Skulpturen, sie sollten ohne großen technischen Aufwand von ihm alleine verschiebbar sein: "Ich war nie eine mit großer physischer Kraft ausgestattete Person. So sind meine Skulpturen in Teile zerlegt, weil ich große Dinge nicht hätte bewegen können."

Doch auch mit einigen Überraschungen wird die über 300 Werke umfassende Ausstellung aufwarten. Sein gerade in Europa bislang kaum beachtetes dichterische Werk in Nähe zur Konkreten Poesie kommt ebenso zum Zug wie die fast vergessenen Assemblagen aus Fundstücken namens Dada Forgeries, die Ende der 1950er Jahre entstanden. Höchst süffisant zerlegte Andre darin den massiven Einfluss von Marcel Duchamp auf die Moderne.

Carl Andre – Sculpture as Place

Die Ausstellung findet bis 18. September 2016 im Hamburger Bahnhof in Berlin statt.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König und kostet im Museum 25 Euro, im Buchhandel 58 Euro

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.