Niki de Saint Phalle und Hannover

Der Kampf von Hannover

Ein regelrechter Straßenkampf tobte in Hannover, als die ersten »Nana«-Skulpturen von Niki de Saint Phalle in der Stadt aufgestellt wurden. Feministen wie Sexisten entluden ihre Wut an den bunten Statuen; das riskante Experiment allerdings gelang – heute ist Niki aus der Stadt nicht wegzudenken.
Der Kampf von Hannover

"Verrutschte Busen und überdimensionale BHs, die Kartoffelsäcken täuschend ähneln.“ – Nikis Nana-Skulpturen trafen bei ihrer Aufstellung in Hannover auf wütende Unverständnis.

Es ist fünf Uhr morgens in der Nacht zum Montag. Das Bein der tanzenden Nana ist schon schwarz angestrichen, als die Polizei Otto Schleusener, einen 76-Jährigen Hannoveraner, aufgreift. Zu Füßen des Steueroberinspektor a.D. ein Topf dunkler Farbe. Er versucht nicht, sich herauszureden. "Auch wenn mich das Gericht bestraft: Ich werde weiter gegen die Nanas kämpfen und treibe es immer doller!" zitiert ihn die Bild in einem Artikel von 1978, vier Jahre nachdem Niki de Saint Phalle drei ihrer Nanas am Hohen Ufer in Hannover aufgestellt hat. "Ich gebe meinen Kampf gegen die moderne Kunst nicht auf!"

Die Frau, die den verrenteten Steueroberinspektor im Morgengrauen auf die Straße getrieben hatte, hieß Niki de Saint Phalle. Niki, 1930 in Neuilly-sur-Seine als Catherine Marie-Agnes Fal de Saint Phalle geboren, war Anfang der 1970er schon ein Star in der Kunstszene. Das zierliche Vogue-Model wusste sich zu inszenieren, trat immer adrett gekleidet auf, mal im amazonenhaften Schießanzug, mal mit Rüschenhemd und schwarzem Samtanzug. Als Teil der von Yves Klein gegründeten Bewegung Nouveaux Réalisme veranstaltete sie Happenings, bei denen sie mit einem Karabiner Kaliber 22 auf selbst gebastelte Bilder aus Farbbeuteln, Spielzeug, Nägeln und Gips schoss. Ihre Bilder bluteten, es knallte, spritze und floss und das Beste: Jeder durfte mitmachen.
1966 baute Saint Phalle im Stockholmer Moderna Museet eine haushohe Nana. Die Zuschauer betraten eine liegende, 29 Meter lange, neun Meter breite und sechs Meter hohe "Göttin" durch ihre Vagina. Hunderte Stockholmer warteten zwischen ihren gespreizten Beinen, um in die Nana-Milchbar zu gelangen, ihr Lebensgefährte und Künstler Jean Tinguely servierte Milchshakes. Die Ausstellung war ein Riesenerfolg, der Museumsdirektor wurde nicht zum Rücktritt aufgefordert, keiner ließ sich über Nacht im Museum einsperren, um der Skulptur wenigstens etwas überzuziehen. Die Kunstwelt war entzückt. Dass auf der Straße aber andere Gesetze herrschen als im Museum, sollte sich eindrücklich zeigen. Hannover hatte schon länger ein Auge auf die Französin geworfen, man entschied sich ein Werk bei ihr zu bestellen, es sollte ihr erster öffentlicher Auftrag werden.

Als Kunst noch Skandale auslösen konnte

Will man die Beziehung von der Ikone, Feministin und Mutter der Nanas zu Hannover verstehen, wissen, warum Hannover neben der Charitable Art Foundation in Kalifornien heute die größte Saint-Phalle-Sammlung der Welt besitzt, und warum ihr letztes vollendetes Werk die "Grotte" weder in Paris, noch in New York oder Tokio steht, sondern in Hannover, muss man zum Aufstand um Saint Phalles ersten öffentlichen Auftrag 1974 zurückgehen. Zu "the battle" wie sie es selbst nannte. Man muss in eine Zeit vor der Ära Kohl zurückreisen, vor dem Durchbruch des Kapitalismus, mit dem die Kunst sich auch als Produkt und Lifestyle-Objekt durchsetzt. Zeiten, als Kunst noch Skandale auslösen konnte und Rentner im Schutze der Nacht mit Farbeimer durch die Stadt schlichen. Beuys brachte die Münchener Volksseele 1980 mit dem Museums-Ankauf seiner konzeptionellen "Zeige Deine Wunde“-Installation zum Überkochen, die Münsteraner verhinderten 1974 den Kauf von George Rickeys Windspiel und Hannover erregte sich an den mütterlichen Brüsten von Nikis Nanas.

Männermord und Frauenpower
Für ihre Schießbilder feuerte sie mit scharfer Munition auf die Symbole der Männerwelt und entwarf mit den tanzenden "Nanas" ein Gegenprogramm voll praller Lebensfreude: Frauen sind einfach stärker

Es ist 1974, Nikis bunte, dauerschwangere Nanas stehen vor der Altstadt und in Hannover ist die Hölle losgebrochen. Hunderte Wutbürger pöbeln im Kongresszentrum um Einlass zur Diskussion "Die Nanas und wir“. Die vom Veranstalter Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) initiierte Diskussion im Beethovensaal fasst nur 800 Plätze und ist bereits überfüllt. Also entschließt man sich dazu, während der laufenden Veranstaltung in die größere Niedersachsenhalle umzuziehen. Es wird gejohlt, gepfiffen und gebuht, das Verhältnis der Brüste zum Kopf diskutiert und man sorgt sich, dass Autofahrer von den fülligen Frauenfiguren abgelenkt würden.

Nicht nur die K-Frage (Ist das überhaupt Kunst?), auch die Geld-Frage lässt die Halsschlagader der "Weg mit den Nanas“-Initiatoren anschwellen. 150.000 D-Mark, 50.000 je Skulptur, hätte man viel sinnvoller in Kindergärten und Notarztwagen investieren können, finden 18.000 Unterschriftengeber. Es kann nie genug Kindergärten geben. Die "Freunde der Nanas“ drucken 5000 wetterfeste Sympathieaufkleber, das Stück für eine Mark, deren Erlös in die Anschaffung neuer Notarztwagen fließt. Notarztwagen hingegen scheint es irgendwann schon genug geben zu können: "Vier stehen schon ungenutzt herum, weil die Besatzung fehlt“, heißt es über die im Eifer der Rechtfertigung bereits erspendeten und ersammelten Fahrzeuge im Februar 1974, nur einen Monat nach dem Aufstellen der Nanas.

Niki ist in der Stadt und dirigiert den Aufbau der Nanas am Hohen Ufer. Sie liebt den Ausbruch aus dem Museum, erfreut sich an den Hannoveranern im Ausnahmezustand. Empörung, Protest, Zustimmung, alles, nur keine Gleichgültigkeit, im Museum undenkbar. Unermüdlich lässt die 43-Jährige sich alle Fragen und Beschwerden der Stadtbewohner während der Aufbauarbeiten trotz klirrender Januar-Kälte übersetzten. Bei der Suche nach der hannoverschen Jeanne D’Arc findet sie im Gespräch mit Passanten die Namen für ihre drei Nanas: Caroline, nach der Astronomin und Kometenforscherin Caroline Herschel, Sophie, Garten-versessene Kurfürstin von Hannover, und Charlotte, nach Goethes Lotte Kestner (in echt Charlotte Buff) aus seinem Bestseller "Die Leiden des jungen Werthers“. Niki beobachtet mit Genuss, wie die enormen Nanas vorbeigehende Männer um einiges überragten. "Einer Künstlerin tut es gut, zu sehen, wie alle diese Männer, die hier vorbeigehen so klein sind gegenüber den Skulpturen.“

Einer davon schreibt am nächsten Tag ein Kommentator in der HAZ: "Möglicherweise entdeckt man nach dem Genuss einer Flasche Kognak das hintergründig Künstlerische an den Figuren, nüchtern betrachtet, sind nur verrutschte Busen und überdimensionale BHs, die Kartoffelsäcken täuschend ähneln, auszumachen.“ Der Kommentator hofft, so schreibt er, dass die drei Plastikdamen, im Rahmen eines künstlerischen Happenings, alsbald gewaltsam in die angrenzende Leine gehievt werden.

Auf der Suche nach mehr Sexappeal

Dabei war man in Hannover durchaus auf der Suche nach ein wenig mehr… ja, mehr Sexappeal. Eine 1969 in Auftrag gegebene Imagestudie bilanzierte, den Hannoveranern fehle die "großzügige Lebensauffassung“,  wer dort lebe, sei "kühl, steif und beamtenhaft“, jemand, "der keinen Spaß versteht“. Dies aber, zitiert Historikerin Vanessa Erstmann die Imagestudie in ihrem Aufsatz "Vorwärts nach weit - Mike Gehrke und die Imagepolitik Hannovers“, sei symptomatisch für "provinzielles Denken“ und damit "etwas, das gerade heute ganz besonders verpönt ist“. Da diese Eigenschaften mit der Vorstellung von Engstirnigkeit und Rückständigkeit verbunden seien. Ein Hindernis, das es zu überwinden galt, wollte man junge Familien und dynamische Führungskräfte (Everybody's Lieblingsbürger) anlocken. Weg vom Zweckhaften, Technisierten, hin zur "Kunststadt“ steckte Oberstadtdirektor Martin Neuffer das Ziel fest. Eine "Stadt, die mit Kunstwerken so vollgestopft ist, wie mit Bäumen“.

Hannover schafft daraufhin einen in der bundesrepublikanischen Geschichte bis heute einmaligen Job: der 28-Jährige Michael "Mike" Gehrke wird "Stadtimagepfleger“. Mike, der ein international vernetzter Jazzer und Werber mit Ausbildung in den USA ist ein leidenschaftlicher Hannoveraner. Er erweist sich als ein absoluter Glücksfall für die Stadt und übernimmt die Federführung im "Straßenkunst-Experiment“. Zwischen 1969 und 1973 stellt Hannover Kunst im öffentlichen Raum aus, um herauszufinden, ob sie das Charisma einer Stadt verändern kann. Kann die erkaltete Beziehung der Bürgerinnen und Bürger zu ihrer Stadt erwärmt werden? Kann Kunst einen urbanen Hauch durch die Straßen pusten und den schlechten Ruf Hannovers aufpäppeln? Ein weiterer, grundsätzlicher Gedanke beschäftigt Oberstadtdirektor Neuffer, er will "endgültig geklärt wissen, ob die künstlerische Moderne eine Kunst für Eliten sei, denn dann gehöre sie eingesperrt, oder ob sie auch für eine breite Masse verständlich sei.“

»Sie schießt sich frei«
Sie gilt als Ikone des Feminismus: Niki de Saint Phalle erregte in den sechziger Jahren mit Schüssen auf eigene Bilder Aufmerksamkeit. Es ware auch ein Akt des Aufbegehrens gegen männliche Gewalt. Eine Schau in Hannover zeigt zentrale Werke

Würstchenbuden, Bier und Happenings

Der Auftakt des Straßenkunst-Experiments 1970 ist ein rauschender Erfolg. Das erste Altstadtfest Deutschlands paart Würstchenbuden mit Happenings, Bierstände mit Kunstinstallationen, und beschert Hannover bundesweite Schlagzeilen: "Die Wüste Hannover lebt“, man sei "verliebt in seine Stadt“. In insgesamt 1550 Berichten staunt man über das gelungene Experiment. In anderen Städten macht man sich auf, Hannover zu kopieren. Auch aus New York blickt man neugierig nach Niedersachsen, dort traut man sich bis dahin nur temporär moderne Kunst öffentlich anzubringen.
Doch der überwältigende Auftakt lockt Kritiker. Ohne die Kopplung an Straßen- und Volksfeste, die eine Art Vermittlungsarbeit darstellen, stößt die Aufstellung von 27 modernen Skulpturen, darunter Alexander Calders "Hellebardier“, Kenneth Snelsons "Avenue K.“, Horst Antes "Kopffüßler“, auf Unverständnis. Die Debatte um öffentliche Gelder für Kunst entflammt und Bürger und Initiatoren driften auseinander. In der Presse ist plötzlich die Rede von einem "missglückten Experiment“, "gewaltsamer Konfrontation“ und "Kunstdiktatur“. Dass es sich bei den Geldern um einen festgelegten Kunstetat handelt, der damit nicht für andere Zwecke ausgegeben werden darf, spielt in der Debatte keine Rolle. Die Kommission aus Museumsvorständen und Politikern wählt die Aktionen, Happenings und Skulpturen unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus, denn würde man sich auf eine Volksbefragung einlassen, stünden bald "nur noch Gartenzwerge“ in der Stadt, stellt Oberstadtdirektor Martin Neuffer im Laufe der Zeit ernüchtert fest.

Der Kampf von Hannover

Trotz der vielen Kritiker: auch zur Rettung der Nanas bildeten sich Gemeinschaften.

Die Stimmung kippt endgültig, als die Kommission die Französin Niki de Saint Phalle beauftragt. Waren die anderen Skulpturen in den Augen der Gegner abstrakt und unverständlich, rote und silberne Stahlkonstruktionen, bieten die Nanas mit ihren prominent ausgestellten Reizen Angriffsfläche. Sie werden von Frauen wie Männern, Feministinnen und Sexisten gleichermaßen Infrage gestellt. Die aufgestaute Wut über elitäre und exklusive Kunstkapriolen entlädt sich explosiv an den drei Plastiken von Niki de Saint Phalle.

Bei der Polizei gehen Attentatsdrohungen gegen die Nanas ein und sie muss die drei unter Polizeischutz stellen, als Menschengruppen die poppigen Skulpturen bedrohlich umzingeln. Stadtimagepfleger Gehrke reagiert mit beispielloser Verve auf die Aggression. Er ruft zu Tanz-Happenings auf, bestellt Jazzmusiker ein und stellt Kritikern ein offenes Mikrophon. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen, März 1974, lädt er zum Kräftemessen.

Ein magischer Garten
In der südlichen Toskana hat die Französin Niki de Saint Phalle einen phantastischen Skulpturenpark vollendet. Vorlage waren die geheimnisvollen Karten des Tarot-Spiels