The Porn Identity

Kunsthalle Wien

Porno, Adorno!
Monica Bonvicini: "These days only few people know what work really means" (1999), Ausstellungsansicht "The Porn Identity. Expeditionen in die Dunkelzone", Kunsthalle Wien (Foto: Rüdiger Ettl. Sammlung/Collection Thaddaeus Ropac, Salzburg/Paris. © VBK, Wien, 2009)

PORNO, ADORNO!

Schock und Erregung: Die Ausstellung "The Porn Identity. Expeditionen in die Dunkelzone" in der Wiener Kunsthalle verquickt echte Pornobilder mit künstlerischen Arbeiten über Pornografie. Aber warum? Mehr als intellektuelle Masturbationsvorlagen kann auch diese Ab-18-Ausstellung nicht bieten.
// ALMUTH SPIEGLER, WIEN

"Show me yours, I'll show you mine", mit diesem doch leicht pubertären Ansinnen, zu lesen auf einem Anstecker auf ihrer Brust, zog Marlene Haring durchs dichte Eröffnungspublikum. Wer ihr folgte, durfte mit ihr zumindest in einen verspiegelten Einbaukasten steigen – dann erst hieß es Höschen runter. Angeblich. Die Mutigen kamen jedenfalls recht gefasst wieder heraus und wendeten sich wenig irritiert härterem Stoff zu.

Die Ausstellung "The Porn Identity" in der Wiener Kunsthalle lässt sich nämlich auf das fragwürdige Wagnis ein, echte Pornobilder mit künstlerischen Arbeiten über Porno zu verbinden, um – ja, um was eigentlich zu zeigen? Dass die Faszination von Pornos stärker ist? Die Bilder intensiver, schockierender, erregender, jedenfalls emotionalisierender? Dass Kunst da oft wenig entgegenzusetzen hat? Die meiste jedenfalls? Natürlich gibt es die berühmten Ausnahmen, dankenswerter Weise gleich am Beginn der Ausstellung, zur beruhigenden Begrüßung sozusagen. Da ist ein ganzer dunkler Raum Katrina Daschners Videoinstallation "Dolores" gewidmet.

In mehreren Stationen wird einem eine neue Version von Lolita vorgestellt, die ja eigentlich Dolores heißt. Und diese Dolores liebt Frauen, nicht Männer und die Frauen lieben sie. Sie ist pummelig und lesbisch und bekommt sogar ein Happy End geschenkt, darf endlich Spaß im Bett mit einer Gleichaltrigen haben. Sonst ändert sich durch den Geschlechtertausch eigentlich nicht viel an der Geschichte interessanter Weise, und doch ändert sich alles, jedenfalls beginnt man in Gedanken schon einmal die Literaturgeschichte gendermäßig ein bißchen aufzumischen. So bummelt man weiter und steht plötzlich vor schwarzen Bildschirmen, die einem den Weg versperren. Und überall flimmert es, und nirgends steht, von wem eine Arbeit ist – bis auf einen Plan an der Wand, den nicht einmal Geografen leicht zu entschlüsseln vermögen. Also starrt man auf eine Phalanx von Kunstvideos, die sich optisch meist eindeutig um Pornografie drehen, deren Sinn, Hintergrund aber im Dunkeln bleibt.

Die Tiere sind irgendwo unter uns

Terence Kohs tanzender Sex mit sich selbst von 2006 ist hier irgendwo versteckt, Carolee Schneemanns Experimentalfilm "Fuses" aus den sechziger Jahren oder Hito Steyerls akrobatische Bondage-Studien von 2007. Stundenlanges Videomaterial – wer soll das im Stehen, den Kopf in den Nacken gebeugt ertragen? Hier wird die Kunst dem Konzept geopfert, dass hier ja nichts irgendwie zu angenehm zu konsumieren sein darf und schon gar nicht irgendwie antörnend. Der elektronischen Bilderflut werden dann einige etwas beliebig wirkende historische Versatzstücke entgegengestellt und einige eher minimalistische zeitgenössische Installationen wie eine umgedrehte und dadurch angeblich schon "queere" Bar von Elmgreen & Dragset, in cleanem Strahleweiß. Und als Gegenstück dazu schwarze leere Pferdeboxen mit offenen Türen von Tom Burr. Die Tiere sind also irgendwo unter uns – und dann kommt auch schon, ganz zum Schluss, die "Rainbow-Wall", eine von den Kuratoren zusammengestellte Auswahl an Pornofilmen. Hier sollen wir uns jetzt wohl fragen, wieweit die im Pressetext behauptete "Pornetration" von Kunst und Gesellschaft uns schon abgestumpft hat gegen echte Hardcore-Männer-Fantasien. Vielleicht mehr, als wir zugeben, vielleicht weniger, hängt wohl davon ab, ob man die sechziger Jahre erlebt hat oder nicht. Jedenfalls wird man nicht schlau aus der Ausstellung, ringt der Porn-Identity keine neuen Facetten ab.

Claes Oldenburg, so erzählt der Wiener Künstler Alfons Schilling, zeichnete neben seiner sonstigen Arbeit gerne Pornobilder. Aber, sagte er, sie bleiben trotzdem immer Porno. Keine Kunst. Dass Kunst mit der Pornoästhetik spielt, mit ihrem provokativen Potenzial, ist kein neuer Gedanke. Was allerdings interessant festzustellen ist, dass auch in der Kunst heterosexuelle Frauen wenig zum Thema Porno beizutragen haben. Denn wenn hier Gegenbilder, "postpornografische" Ansätze vorkommen, geht es meistens um schwule oder lesbische Varianten. Was in dieser Ausstellung, die in anderer Form bereits in Rotterdam zu sehen war, aber vor allem fehlt, gerade in Wien, ist der Konnex zum erweiterten Wiener Aktionismus, der sich in einigen Arbeiten explizit und sehr früh bereits mit Pornografie beschäftigt hat, durchaus kritisch zum Teil. Nimmt Marlene Haring heute die Leute an die Hand und führt sie in ein uneinsichtiges Versteck zur gegenseitigen Beschau, tat Valie Export Ähnliches 1968 öffentlich: Mit ihrem Tapp- und Tastkino, einer Kiste vor ihrem nackten Busen, mitten auf der Straße stehend, angepriesen von einem marktschreierischen Peter Weibel neben ihr.

"The Porn Identity. Expeditionen in die Dunkelzone"

Termin: bis 1. Juni, Kunsthalle Wien. Katalog: "The Porn Identity". Herausgeber: Kunsthalle Wien, Gerald Matt, Thomas Edlinger, Florian Waldvogel, 216 Seiten, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 24 Euro

http://www.kunsthallewien.at

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1 Leserkommentar vorhanden

Heinz Verklemm

23:04

14 / 01 / 10 // 

Wann bitte - äh.....

Ich hab da wohl was verpasst. Wann bitte wurde das Museum zum Puff umgebaut? Bin heiss wie ein Fieper. Ist das Musepuff bis Mitternacht auf? Muss nämlich um 12 zu Hause sein, sonst krieg ich den A.. voll. - Nu sag schon!

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