Jean Tinguely in Düsseldorf

Altmetall als Welttheater

Zarte Drahtskulpturen und lärmende Weltmaschinen: Aus unzähligen Einzelzeilen baute Jean Tinguely seine beweglichen Metallskulpturen. Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigt nun eine große Retrospektive des Schweizer Meisters der kinetischen Kunst.

Jean Tinguley ist im März 1959 gerade dabei, mit seinen verspielten Altmetall-Skulpturen weltberühmt zu werden. Er ist für einige Wochen in Düsseldorf, steigt in ein Flugzeug und wirft hunderte Flugblätter über der verdutzten Stadt ab. Deren Bürger können darauf unter anderem den gut gemeinten, aber leicht verspäteten Ratschlag lesen, keine Kathedralen und Pyramiden mehr zu bauen, denn die zerbröckelten wie Zuckerwerk. "Atmet tief, lebt im Jetzt", schreibt Tinguely (1925-1991) noch, um sich dann als sofortiger Klassiker in die moderne Kunstgeschichte zu verabschieden.

Auch an diese lokale Episode wird jetzt in "Super Meta Maxi", der großen Tinguely-Retrospektive im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, erinnert. Mit rund 90 Leihgaben zeichnet sie die Karriere des Schweizer Bastelkünstlers nach, angefangen bei den frühen zarten Drahtskulpturen und motorisierten Bewegungsspielen bis zu den aus unzähligen Einzelteilen zusammengeflickten, grimmig vor sich hin lärmenden Welttheatern der letzten Jahre. Präparierte Tinguely anfangs mit anrührenden Ungetümen das Spielerische aus dem Industriezeitalter heraus, steht sein Werk später immer häufiger für Tod, Vergänglichkeit und die Schrecken des 20. Jahrhunderts – bis hin zum Echo des industriellen Massenmords in Auschwitz.

Ungetüm für Freiheit und Liebe
Zusammen mit Niki de Saint Phalle und zahlreichen anderen Künstlern realisierte Jean Tinguely eine gigantische, 300 Tonnen schwere Skuptur auf einer Lichtung

Die begehbare Riesenskulptur Große Méta-Maxi-Maxi-Utopia von 1987 bildet das spektakuläre Zentrum der Düsseldorfer Ausstellung. Außerdem kommen einige der Zeichenautomaten, mit denen Tinguely die pseudo-automatische Malerei der Nachkriegszeit verulkte, in den Kunstpalast, dazu schwarze Skulpturen wie das Requiem pour une feuille morte, das er 1967 aus 200 bemalten Radteilen montierte. Ein Schwerpunkt liegt auf Tinguelys zahlreichen Kooperationen, etwa mit Yves Klein, Eva Aeppli, Daniel Spoerri und selbstredend seiner zweiten Ehefrau Niki de Saint Phalle. Tinguelys legendären Aktionen sind in Filmaufnahmen präsent. Eine davon versetzt uns ins Jahr 1960, die Zeit von Tinguelys erstem New-York-Besuch zurück: Im Garten des Museums of Modern Art führte er eine sich selbst zerstörende Maschine vor und verblüffte das Publikum damit mindestens so sehr wie zuvor die Düsseldorfer mit seinem Zuckerpyramiden-Schelmenstück.