Tinguely Museum in Basel

»Tinguely wäre das Herz gebrochen«

Während sich die Schaulustigen im neueröffneten Museum Jean Tinguely am Basler Rheinufer drängen, tragen Gegner und Befürworter des imposanten Neubaus in der Schweizer Presse einen erbitterten Kampf aus. Tinguely hätte der Architektur des Museums niemals zugestimmt, so Freunde des Künstlers.
»Tinguely wäre das Herz gebrochen«

Die Nord-Ostfassaden des Museum Tinguely in Basel

Anlaß ist das Testament des 1991 im Alter von 66 Jahren gestorbenen Maschinenkünstlers, das von dem Wochenblatt "L'illustre" einen Tag vor Eröffnung des Museums publiziert wurde. In der handschriftlichen Verfügung sehen nicht nur Tinguelys Künstlerfreunde Bernhard Luginbühl und Daniel Spoerri den gültigen Beweis für ihre Behauptung, der international geschätzte Erfinder poetischer Nonsens-Maschinen hätte zu Lebzeiten niemals der "Mausoleums-Architektur" des Entwerfers Mario Botta zugestimmt. Spoerri: "Tinguely war immer gegen ein modernes Museum. Er hat die Architekten verflucht." Noch krasser drückt es Milena Palakarkina aus. Die bulgarische Malerin und letzte Lebensgefährtin Tinguelys: "Wenn Jean das Basler Museum gesehen hätte, wäre ihm das Herz gebrochen. Er hätte gekotzt."

Die Gegner des Botta-Baus (Kosten: rund 30 Millionen Schweizer Franken), der von dem Basler Chemie-Unternehmen Hoffmann-La Roche anläßlich des 100-jährigen Firmenbestehens gestiftet wurde, verweisen auf Tinguelys Plan, sein letztes großes Atelier "La Verrerie" zum Hort für seinen Nachlaß zu machen. Diese aufgelassene Glasfabrik zwischen Lausanne und Fribourg hatte Tinguely noch zu Lebzeiten mit seinen Assistenten in eine magische Kunsthöhle verwandelt, hatte die großen Fenster mit Eisenplatten zugeschweißt und sogar eine Fußbodenheizung installieren lassen. In Tinguelys Testament heißt es denn auch: "Ich verlange außerdem, daß alle in der beiliegenden Liste aufgezählten Werke definitiv ein Ganzes bilden und an ihrem jetzigen Standort in La Verrerie bleiben. Falls durch mich keine Stiftung errichtet wird, beauftrage ich meine Frau, darüber zu wachen, daß diese Bestimmung in vollem Umfang befolgt wird." Darüber hinaus erteilte Tinguely seiner Ehefrau Niki de Saint Phalle, der französischen Künstlerin und Schöpferin grellbunter "Nanas", das Verfügungsrecht ("Droit moral") über sein gesamtes Werk sowie an dem auf 110 Objekte geschätzten Nachlaß.

»Tinguely wollte kein Museum«

Niki de Saint Phalle erbte auch den Großteil des Vermögens, der Rest ging an Tinguelys drei Kinder: Myriam, 45, die Tochter aus der ersten Ehe mit der Künstlerin Eva Aeppli, Milan, 23, Sohn aus der Verbindung mit Micheline Gygax, und an Jean-Sebastien, 4, der aus der gemeinsamen Zeit mit Milena Palakarkina stammt und erst nach dem Tod von Tinguely geboren wurde. Zu dem Vorwurf, Niki de Saint Phalle habe den letzten Willen ihres Mannes mißachtet, in La Verrerie ein "Torpedo-Institut" (Spoerri: "Tinguely haßte schon das Wort Museum") einzurichten, erklärt des Künstlers ehemaliger Anwalt, Tinguely habe seiner Witwe mit dem Droit moral sämtliche Rechte über sein Werk eingeräumt. Jean-Ludovic Hartmann: "Dies ist der entscheidende Passus. Wenn ergedacht hätte, daß jemand anderer besser für sein Werk eintreten könnte, hätte er es ja einigen seiner Freunde wie Bernhard Luginbühl oder Daniel Spoerri anvertrauen können."

Maschinen bedürfen ständiger Pflege

Außerdem weist der Anwalt darauf hin, daß die im Testament erwähnte Werkliste nie aufgetaucht sei, wahrscheinlich auch nicht existiere. Der Berner Kunsthändler und Auktionator Eberhard Kornfeld, als Tinguelys Nachlaßpfleger eingesetzt und wie die Witwe Befürworter des Basler Museumsneubaus, erklärt, wie es zum Transport der Werke von Fribourg nach Basel gekommen ist: Wegen "unzumutbarer Bedingungen an die Erben" sei das Testament Tinguelys angefochten worden. Allein die Sanierung der ehemaligen Glasfabrik, so Kornfeld, "hätte drei bis vier Millionen Schweizer Franken gekostet, als Folgekosten wären jährlich dann noch einmal bis zu 400000 Franken dazugekommen. Wer hätte das bezahlen können?" Und dann, gibt Komfeld zu bedenken, "wären täglich drei bis vier Leute in die Glasfabrik gekommen; in Basel aber kommen Tausende". Das ehemalige Fabrikgelände war für "den Jean ein wunderbares Spielzeug, zeit seines Lebens" (Kornfeld), jetzt aber sei Basel der richtige Platz für das Werk und die reiche Firma Hoffmann-La Roche der rechte Fürsorger für die heiklen Kunstmaschinen, die der ständigen Pflege bedürfen.

Zuerst gab es Streit, jetzt folgt Versöhnung
Zum Gedenken an den 1991 verstorbenen Künstler Jean Tinguely wurde in seinem Geburtsort Fribourg in der Schweiz ein eigener Schauraum eingerichtet – Niki de Saint Phalle wird ebenfalls geehrt