Gustav Metzger gestorben

Die Kunst der Zerstörung

Mit Säure traktierte er seine Leinwände, damit diese sich im Laufe der Zeit selbst zerstören, er lehrte Rockstars das Gitarren-Zertrümmern und wetterte gegen die Umweltverschmutzung. Nun ist Gustav Metzger, der radikale Kritiker der modernen Lebenswelt, im Alter von 90 Jahren gestorben
Die Kunst der Zerstörung

Gustav Metzger, hier bei einer Aktion im Jahr 2014 in London, ist im Alter von 90 Jahren gestorben

Kunstgeschichte geschrieben hat Gustav Metzger bereits anno 1959, damals nämlich verfasste der neben Joseph Beuys wohl wichtigste deutsche Nachkriegskünstler sein erstes Manifest "Auto-Destructive-Art". Die gleichnamige Ästhetik, die er damit begründete, sollte sich dabei für die Kunst – und übrigens auch für die Popkultur – noch als überaus folgenreich erweisen.

Gustav Metzgers autodestruktive Kunst, etwa in Form von Malerei mit die Leinwand traktierenden Säuren, zerstört sich selbst, um so den destruktiven Charakter unserer Zivilisation zu reflektieren. Diese kritische Einschätzung unserer modernen Lebenswelt führte bei dem Künstler, der als Jude vor den Nazis nach London fliehen musste, wo er bis zu seinem Tod lebte, zu einer "bewussten konsequenten Technikfeindlichkeit". So kulminierte diese Haltung in seiner ebenfalls schon Ende der fünziger Jahre formulierten Forderung, dass die "Autos weg müssen" – eine Forderung, die heute im Kontext unseres Wissens um die Klimakatastrophe geradezu als prophetisch erscheint.

Die Kunst der Zerstörung

Mit Säure besprühte Metzger seine Leinwände, um zuzusehen, wie sie sich innerhalb weniger Minuten auflösten: "Auto-Destructive Art", London, 1961

Künstlerischen Ausdruck fand diese technikfeindliche Haltung nicht zuletzt in Metzgers Projekt "Stockholm June“, das für die erste UN-Umweltkonferenz in Stockholm 1972 konzipiert war. Das Projekt, als Entwurf im selben Jahr im Katalog der documenta 5 präsentiert, sah vor, dass 120 handelsübliche PKWs um eine rechteckige, zeltähnliche Kunststoffkonstruktion stehen und ihre Abgase in diese "auspuffen". Explodiert diese "Gaskammer" nicht, sollen die Autos im zweiten Teil des Projektes in das Innere der Konstruktion gestellt werden, wieder bei laufendem Motor. Zerstört sich die Kammer immer noch nicht, ist vom Künstler vorgesehen, dass im letzten Teil von "Stockholm June" Kampfjets die Installation bombardieren. Realisiert wurde bisher nur der erste Teil, und zwar von der Kuratorin Eva Scharrer auf der Sharjah Biennale 2007.

Die Kunst der Zerstörung

Gustav Metzger: "Project Stockholm, June (Phase 1)," 1972/2007, Installation mit 120 Autos auf der Sharjah Biennale

Er inspirierte Pink Floyd und The Who

Die autodestruktive Kunst inspirierte aber auch die Popkultur, so ist belegt, dass das legendäre Zertrümmern der Gitarre von The Who-Frontman Pete Townshend auf die Ideen Metzgers zurückgeht, hatte Pete Townshend doch eine Vorlesung von ihm an der Londoner Ealing School of Art besucht. Und auch die frühe Lightshow von Pink Floyd ist bekanntlich von Metzger beeinflusst worden, genauer: von seinen Experimenten, Lichtstrahlen durch schmelzende Kristalle zu schicken. Ähnliche Experimente sind dann übrigens Vorläufer für gut dreißig Jahre später entstandene Arbeiten von Olafur Eliasson.

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Mindestens noch ein zweites Mal schrieb Gustav Metzger moderne Kunstgeschichte, und zwar als er in seiner Schrift "Years without Art" bereits 1974 zu einem Kunststreik aufrief. Angesichts der schon damals voranschreitenden Kommodifizierung der Kunst, forderte Metzger für einen Zeitraum von drei Jahren keine Kunst mehr zu produzieren. Zudem kritisierte er in der Schrift die kommerzielle Arbeit des Galeriewesens scharf. 1981 folgte dann der nächste institutionskritische Paukenschlag: Metzgers Projekt "Passiv –Explosiv" agierte gegen die Kölner Großausstellung "Westkunst" und thematisierte engagiert das Ausblenden aktivistischer, feministischer und radikal konzeptioneller Positionen bei dieser internationalen, von Kasper König und Laszlo Glozer kuratierten Kunstshow. Leider muss man sagen: Viel hat sich seitdem nicht geändert. Jüngst initiierte der Künstler seine Kampagne "RAF": Reduce Artists Flights. Metzger starb am Mittwoch im Alter von 90 Jahren in London.