Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle

Ungetüm für Freiheit und Liebe

Seit Jahren drangen seltsame Geräusche aus den Tiefen des Waldes von Fontainebleau - zusammen mit Niki de Saint Phalle und zahlreichen anderen Künstlern realisierte Jean Tinguely eine gigantische, 300 Tonnen schwere Skuptur auf einer Lichtung.
Ungetüm für Freiheit und Liebe

Freundliches Monster: "Le Cyclope" von Tinguely und Niki de Saint Phalle

Nächtliche Irrlichter und verdächtiges Treiben versetzten die Bewohner des am Waldrand gelegenen Städtchens Milly-la-Foret in Unruhe.Doch es waren nicht böse Geister, die eine Autostunde von Paris entfernt ihr Unwesen trieben - der Schweizer Hisenplastiker Jean Tinguely (1925 bis 1991) und seine Künstlerfreunde bauten nur zwei Kilometer von Tinguelys ehemaligen Besitz "La Commanderie" entfernt eine gigantische Skulptur. Drei Jahre nach dem Tod des Künstlers und 25 Jahre nach Beginn der Arbeiten wurde die beinahe 23 Meter hohe begehbare Plastik "Der Zyklop" nun von Staatspräsident Francois Mitterrand eingeweiht. Rund ein Dutzend Künstler - darunter vor allem Tinguelys zweite Frau Niki de Saint Phalle, der Schweizer Bernhard Luginbühl, der Franzose Jean-Pierre Raynaud, und der Amerikaner Larry Rivers, - hatten an der grotesken Skulptur gearbeitet, die der Künstler schon 1987 dem französischen Staat geschenkt hatte.

Für Pontus Hulten, den Intendanten der Bundeskunsthalle in Bonn und Vorsitzenden eines Fördervereins für das Projekt, ist das Werk ein "einzigartiges Monument in der Geschichte der zeitgenössischen Kunst". Wie ein urzeitliches Monstrum thront der 300 Tonnen schwere Koloß in einer Waldlichtung. Dem nahenden Besucher kündigt er sich - noch hinter Bäumen und Büschen verborgen - durch ein dumpfes Grollen an. Laut scheppernd rollen alle 30 Sekunden drei Kilogramm schwere Kanonenkugeln aus unzähligen Löchern und rumpeln durch Tinguelys röhrenartige Drahtkonstruktion zurück in den Hauch des Ungetüms. Die Vorderfront ist auf Anregung von Niki de Saint Phalle mit metallisch glitzernden Spiegelscherben übersät, die Pupille in seinem Zyklopenauge ist ein beweglicher, goldfarbener Suchscheinwerfer.Mit fratzenhaftem Grinsen streckt der Riese seine lange Zunge in ein Wasserbassin. Unwillkürlich erinnert die Plastik an die fischmäuligen Ungeheuer im "Park der Monster" von Bomarzo - und tatsächlich ist der manieristische Skulpturenpark im Süden von Rom, in dem der Spaziergänger auf steinerne Sphinxen und Drachen stößt, ein Vorbild für Jean Tinguelys Projekt.

Tinguelys Meisterstück

Schon 1960, im Alter von 35 Jahren, war der Künstler als Mitbegründer der Gruppe "Les Nouveaux Realistes" und als Entwerfer lärmender, manisch rotierender kinetischer Plastiken weltweit anerkannt. Mit der Arbeit an seinem kühnen Gesamtkunstwerk im Wald von Fontainebleau begann er im Jahr 1969, getragen vom antiautoritären Geist der Studentenbewegung.Verkäufe früherer Objekte sicherten die Finanzierung, die Freunde arbeiteten unentgeltlich. Die Skulptur scheint zu bersten vor phantastischen Einfällen. Ein Freund der ersten Stunde, der Schweizer Bildhauer Bernhard Luginbühl, baute in 18 Meter Höhe ein mechanisch wackelndes Ohr und errichtete die beiden Hingangsportale. In die erste, mindestens eine Tonne schwere Betontür ist ein Holzrelief mit geometrischen Formen eingelassen - eine Hommage an die amerikanische Bildhauerin Louise Nevelson ( 1899 bis 1988).Das dahinterliegende zweite Tor wirkt durch seine runde Form und die massiven, zum Gitter verschweißten Eisenträger wie eine Stahl für zum Tresorraum einer Bank. Über eine Betontreppe steigt der Besucher ins Innere des Kopfes. Dort eröffnet sich ihm eine chaotische Welt von Treppen, Balkonen und Sackgassen. Das ohrenbetäubende Getöse von Tinguelys bereits 1978 entstandener "Meta Harmonie", einer Maschinerie aus, schleifenden Keilriemen, quietschenden Eisenträgern und kreischenden Zahnrädern, erfüllt den Raum. Auf einer "Elektroschalttafel" neben dem Hingang führt Rico Weber, zusammen mit Sepp Imhof Assistent von Tinguely, die Hauptakteure des Mammutwerks auf: "Jeannot", wie der Kosename des Künstlers lautete, "Niki", außerdem sich selbst und Imhof, der 15 Jahre lang täglich an der Stahlkonstruktion schweißte und der sich auch heute um die Instandhaltung des "Zyklopen" kümmert. Unmittelbar neben der Tafel rekonstruierte der französische Forscher Etienne Beaulieu, 68, die Molekularstruktur der Antibabypille als Symbol neugewonnener sexueller Freiheit in den sechziger und siebziger Jahren.

Niki de Saint Phalle Tinguely

Jean Tinguely mit Niki de Saint Phalle, hier 1973 in Zürich

Niki de Saint Phalle zitiert ihren Tarot-Garten

Eine schmale Stele von Niki de Saint Phalle steht in der Mitte einer höhergelegenen Plattform. Wie in ihrem Tarot-Garten in Norditalien verkleidete die Künstlerin die Skulptur, aus der kleine Totenköpfe und Hörner herauswachsen, mit bunten Keramikfragmenten und Spiegelscherben. Dahinter installierte der in Venezuela geborene Künstler und Musiker Jesus-Rafael Soto, 70, sein "Penetrable", einen Quader aus Hunderten von Aluminiumstäben, die von der Decke herabhängen. Wer hinter die Stäbe tritt, löst schrilles Glockengeklingel aus, das sich in melodischem Läuten beruhigt, wenn der Besucher in der Mitte innehält.An der Wand über Sotos Objekt fertigte Arman, ebenfalls ein Vertreter der "Neuen Realisten", aus benutzten Arbeitshandschuhen eine anschauliche Collage der gemeinsamen Anstrengungen. Gewundene Eisentreppen und verwinkelte Aufgänge führen in die oberen Sphären des Hauptes. Dort oben, in schwindelerregender Höhe, balanciert ein tonnenschwerer Eisenbahnwaggon auf Gleisen, die ins Leere führen.Im Phantomzug, der in Richtung Auschwitz weist, sitzen 16 Frauen in sackleinenen Kutten mit ausgezehrten Gesichtern und bleichen Händen - "Witwen" der Opfer des Holocaust, denen Tinguelys erste Frau, die Schweizerin Eva Aeppli, 69, hier ein eindringliches Denkmal setzt. Vorbei an sechs kleinen Vitrinen mit folkloristisch anmutenden Miniaturgottheiten - dem "Piccolo Museo" des Schweizers Giovanni Podesta -, gelangt der Besucher in die dritte Etage.Neun Hinterglasbilder zeigen revoltierende Studenten auf der einen, bewaffnete Polizisten und Charles de Gaulle, den damaligen Staatspräsidenten der französischen Republik, auf der anderen Seite. Mit dem Environment "Hommage an den Mai 68" und einem Dokumentarvideo huldigt der Amerikaner Larry Rivers der Ara der Studentenrevolte. Durch eine kleine Luke im Hintergrund des Raums fällt der Blick in ein winziges, in wüster Unordnung zurückgelassenes Dachzimmer - eine Absteige in einem Stundenhotel, in der Daniel Spoerri 1952 in Paris hauste. 1973 ließ er sie als plastischen Nachruf auf sein Bohemeleben mit Baguettebroten, Rotweinflaschen und vollen Aschenbechern wiedererstehen. Tinguely verschweißte die Arbeit in einer Metallkiste und hob sie durch eine Drehung um 45 Grad aus ihrer Symmetrie.

Die Mutter der Nanas
In Deutschland ist Niki de Saint Phalle vor allem durch ihre "Nana"-Figuren bekannt. Im Pariser Grand Palais eröffnete 2014 eine große Retrospektive der französisch-schweizerischen Künstlerin

Er selbst inszenierte schräg gegenüber ein "voyeuristisches Theater". Ächzend und quietschend wanken ein Traktorsitz, ein altmodischer Zahnarztstuhl und ein Kinosessel auf und nieder. Dem Betrachter, der auf diesen Stühlen nicht seekrank wird, führen Maschinen eine absurde Liebesgeschichte zwischen einem Herz und einer Wasserflasche vor. Am Ende zerschlägt ein Hammer die Flasche, das Wasser spritzt auf die Füße des Zuschauers. Hinter den Kulissen von Tinguelys kleiner Bühne täuschen falsche Türen Zugang vor. Nur eine, die niedrigste, läßt sich öffnen. Sie führt über eine waghalsige Wendeltreppe in Tinguelys geheimes Appartement.