Niki de Saint Phalles Tarot-Garten

Ein magischer Garten

In der südlichen Toskana hat die Französin Niki de Saint Phalle nach 15 jähriger Bauzeit einen phantastischen Skulpturenpark vollendet. In Mitten eines alten Steinbruches stehen nun bunte Giganten, die den geheimnisvollen Karten des Tarot-Spiels nachempfunden sind.
Ein magischer Garten

Schrill-bunte Giganten: Niki de Saint Phalles Skupturen sind ein Fremdkörper in der grünen Landschaft der Toskana.

Schon von der Via Aurclia, der alten Römerstraße entlang der italienischen Westküste, läßt sich der Zauber des Gartens erahnen; Jenseits eines weiten Feldes, auf dem eine Herde Schafe weidet, ragen drei Türme auf, noch halb verdeckt von Oliven und immergrünem Baumwerk. Sie glitzern und schimmern in der Sonne der südlichen Toskana. Hinter dem elektrisch gesteuerten Eingangstor erwartet den Besucher dann eine bunte, funkelnde Märchenwelt aus geflügelten Fabelwesen und vielköpfigen Ungeheuern, aus haushohen Figuren mit offenen Mündern, üppig gewölbten Brüsten und plätschernden Wasserspielen.

Niki de Saint Phalle, die in Paris lebende Erbauerin des Gartens, hat 22 Figuren des geheimnisvollen Kartenspiels Tarot zur Vorlage genommen, um sich in einem stillgelegten Steinbruch bei Garavicchio, etwa 110 Kilometer nordwestlich von Rom, einen Lebenstraum zu verwirklichen: "einen Garten, der ein Dialog zwischen Skulptur und Natur ist", erläutert die 62 Jahre alte Künstlerin, "einen Ort zum Träumen".

Mit den Symbolen des strengen Kartenspiels geht die Künstlerin locker um. Sie fügt persönliche Erinnerungen und Deutungen hinzu oder ergänzt die vorgegebenen Bilder um magische Zeichen aus anderen Kulturen, etwa dem alten Ägypten. Niki de Saint Phalle behandelt Tarot als "Phantasiemaschine" und sagt, jeder könne hinter den symbolischen Bildern etwas anderes sehen, bunte Üppigkeit oder mystische Symbolik, ganz nach Belieben.

Päpstin, Magier und Narr

Ihre eigenen Vorstellungen und Assoziationen hat sie in Beton und Stein, Kacheln und Glas festgehalten: Die Tarot- Karte "Der Tod" ist eine reitende Frau mit einer Sense in der Hand, "Der Teufel" ein geflügelter Hermaphrodit. Aus dem wulstigen Mund eines türkisfarbenen Riesengesichts - es symbolisiert das Bild der "Päpstin" - stürzt ein rauschender Wasserfall über die Stufen einer Treppe, wird in einem flachen Becken aufgefangen und dort von einem scheppernden Mechanismus - im Kartensatz der Spieler und Wahrsager das "Rad des Schicksals" - in einer Drehbewegung aufgeworfen. Eine aus bunten Stäben schematisch zusammengesetzte Figur mit geschnürtem Bündel über der Schulter - der "Narr" - scheint im seichten Wasser davonzueilen, einen Hund an der Wade. Eine Riesenschlange erhebt sich vom Rand des Beckens und windet sich bis vor den wasserspeienden Schlund der "Päpstin"; aus deren türkisfarbenem Schädel wächst ein weiterer, ganz mit Spiegelstücken überklebter Kopf im Tarot-Spiel der "Magier" -, aus dem eine Riesenhand gegen den Himmel zeigt. Das Schimmern und Glänzen ist bis zur fernen Straße zu sehen.

Männermord und Frauenpower
Für ihre Schießbilder feuerte sie mit scharfer Munition auf die Symbole der Männerwelt und entwarf mit den tanzenden "Nanas" ein Gegenprogramm voll praller Lebensfreude: Frauen sind einfach stärker

Einige der Figuren in Niki de Saint Phallles Tarot-Garten sind bewohnbar

Vor 15 Jahren überließen ihr Freunde das steinige Grundstück; 1979 begann die Künstlerin gemeinsam mit ihrem Gefährten, dem Schweizer Eisenplastiker Jean Tinguely (1925 bis 1991), ihre Arbeit an dem magischen Garten. Niki de Saint Phalle hatte in den sechziger Jahren in Galerien von Paris bis New York und Los Angeles Aufsehen erregt mit ihren „Schießbildern" - aus Gips modellierten Tafeln mit eingearbeiteten Farbbeuteln, auf die sie oder ihr Publikum während der Vernissagen mit einem Gewehr schössen, so daß die Beutel platzten und sich die Farbe über das schneeweiße Material ergoß. Später erfand sie die "Nanas", üppig modellierte, weibliche Wesen mit stark betonten Geschlechtsteilen. Die größte von ihnen hatte sie mit Tinguely und dem schwedischen Künstler Per Olof Ultvedt 1966 im Moderna Museet von Stockholm aufgebaut, und wieder durfte das Publikum mitmachen: Die liegende Nana- Figur "Hon" (schwedisch: „sie") war fast 29 Meter lang und ließ sich durch die Vagina betreten; im Inneren des Mutterleibs hatte die Künstlerin eine Bar mit bequemen Sitzen eingerichtet.

Auch im toskanischen Tarot-Garten gibt es begehbare, sogar bewohnbare Figuren. Eine Seitentür führt in den tiefblau gefärbten Schlund der "Päpstin"; innen stützt das Astwerk zweier Bäume aus Zement die gewölbte Decke, kleine Spiegelscherben blinken wie Sterne unter dem Firmament. Eine enge Wendeltreppe führt in einen Raum hinauf, die Augen der Skulptur sind seine Fenster. Auf den Kopf des "Magiers" führt eine steile Außentreppe.

In der "Herrscherin", die wie eine Sphinx schwer neben die "Päpstin" hingelagert ist, hat sich die Künstlerin einen Wohn- und Arbeitsraum eingerichtet. "Ich wollte eine neue Mutter erfinden", sagt sie, "eine Muttergöttin, und in ihrem Körper wollte ich wiedergeboren werden."

Die Mutter der Nanas
In Deutschland ist Niki de Saint Phalle vor allem durch ihre "Nana"-Figuren bekannt. Im Pariser Grand Palais eröffnete 2014 eine große Retrospektive der französisch-schweizerischen Künstlerin

Niki de Saint Phalle stattete den höhlenartigen Innenraum komfortabel aus: Die Wölbung der einen Brust ist zur Küche ausgebaut, in der anderen liegt, etwas erhöht, ein kleiner Schlafraum. In die Brustwarzen sind Fenster eingelassen, von denen aus das Meer zu sehen ist. "Mein alter Traum, im Inneren einer Skulptur zu leben, hatte sich erfüllt", beschreibt sie ihre Ur-Freude beim Einzug 1982. "Ich wurde hier ganz instinktiv wieder Mutter die Mutter meiner Arbeiter. Immer wieder fanden sie einen Vorwand, in die Skulptur zu kommen. Sie übt einen magischen Einfluß auf alle aus, die in sie eindringen." Auch ihren eigenen beiden Kindern, so berichtet die Künstlerin, sei sie in der Skulptur wieder nähergekommen, nachdem sie sich zwanzig Jahre zuvor vom Familienleben abgewandt hatte, um sich ganz der Kunst zu widmen.

Die gewaltigen Skulpturen des Tarot- Gartens waren zuallererst ein Meisterstück der Baukunst. Nach Modellen der Künstlerin wurden Skelette aus Eisengeflecht zusammengeschweißt; Jean Tinguely kam dazu mit zwei Assistenten aus Fribourg in der Schweiz angereist. "Jean arbeitete nur nach Augenmaß", erinnert sich Niki de Saint Phalle - erst als die Eisengerüste mit einer 15 Zentimeter dicken Zementschicht eingehüllt wurden, kamen Handwerker und Spezialisten auf die Baustelle. Die Statik des Gerüsts stimmte dennoch und wurde sogar von einem Ingenieur amtlich bescheinigt - Tinguely war ein erfahrener Tüftler, und die Bauherrin hatte ihre Methode bereits 1973 an der monumentalen Drachenskulptur im belgischen Knokke-le-Zoute erprobt.

Tinguelys Beitrag ist an vielen Stellen zu erkennen; auf dem Altar der igluförmigen Kapelle, auf deren Dach die weibliche Figur der "Mäßigkeit" thront, erinnert ein Foto an den 1991 gestorbenen Künstler. Das scheppernde "Rad des Schicksals" im Wasserbecken ist eine seiner Arbeiten, ebenso die Eisenskulptur, die aus dem abgeknickten „Turm" herausragt. In der mächtigen, grau-weiß glitzernden Figur der "Gerechtigkeit" - zur Linken der "Päpstin" und der "Herrscherin" gegenüber setzte er gar der Symbolik Niki de Saint Phalles, die in ihrem Garten einen "Ort der Lebensfreude" sieht, eine Antithese entgegen; Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit seien untrennbare Begriffe, meinte er und verschloß in einer Nische des weiten Rocks der Figur einen beweglichen Mechanismus aus rostigem Eisen, abgebranntem Holz und Tierschädeln demonstrativ hinter einer Gittertür.

Der Kontostand diktierte den Fortschritt der Arbeiten

Trotzdem bleibt der Garten ein Zeugnis der persönlichen Bilderwelt Niki de Saint Phalles. Im Innenhof der Burg, die zwischen der "Päpstin" und dem "Turm" für die Tarot-Karte des "Herrschers" steht, sind die Gesichtsmasken aller Mitarbeiter ausgestellt; die bunten Säulen sind mit Reliefs und Zeichnungen übersät, mit Sonnenrädern, farbigen Schlangen und Totenschädeln als Symbole für Leben und Tod, Fruchtbarkeit, Liebe und Bedrohung. Das Reliefbild einer männlichen Silhouette, von rot gefärbten Stichen und Schnittwunden verwüstet, stellt die Verbindung zu den frühen Arbeiten der Künstlerin her - als sie mit dem Gewehr auf ihre Gipstafeln schoß und die weiße Oberfläche durch verspritzte Farbe verletzte.

Als junge Frau hatte Niki de Saint Phalle den Garten von Antoni Gaudi (1852 bis 1926) in Barcelona besucht; der Einfluß des spanischen Architekten blieb bestimmend für ihr gesamtes Werk. Nun wollte sie, daß auch in ihrem Tarot-Garten alles schimmerte und glänzte, sich wölbte und floß. Die aufwendigste Arbeitsphase begann, als die rohen Zementskulpturen mit Spiegeln, Glas und Keramik verkleidet wurden.