Christos Floating Piers

»Das wird sehr sexy!«

Am 18. Juni startet Christos neustes Projekt: »The Floating Piers« - eine kilometerlange begehbare Skulptur aus leuchtend goldenen Schwimmstegen auf dem Iseosee in Italien. art hat den bulgarischen Künstler mitten in den Vorbereitungen getroffen.
»Das wird sehr sexy!«

"Das wird ein unglaubliches Gefühl sein, so über den Stoff zu laufen – sehr sexy, wie ein Wasserbett."

Christo lässt Leute übers Wasser laufen – so prosaisch und prophetisch zugleich könnte man die jüngste Kunstaktion des weltberühmten Künstlers mit dem biblischen Namen beschreiben, die derzeit am Lago d’Iseo in Oberitalien Gestalt annimmt. "The Floating Piers" sind das erste Großprojekt, das Christo ohne seine langjährige, 2009 gestorbene Partnerin Jeanne-Claude verwirklicht – und eines der schnellsten, die er je umgesetzt hat. Normalerweise vergehen Jahrzehnte zwischen Planung und Realisierung. So wurde der "Wrapped Reichstag" 1995 erst nach 24 langen Jahren zäher Verhandlungen und dem Fall der Mauer Wirklichkeit. Bis 7503 orangefarbene "Gates" im Central Park aufgestellt werden durften, vergingen sogar 26 Jahre. In Italien hatte Christo dagegen schon nach einem Jahr die Genehmigung bekommen und steckt jetzt mitten in den Vorbereitungen: Vom Ufer des Iseosees wird er einen drei Kilometer langen schwimmenden, mit leuchtend gelben Stoff bezogenen Spazierweg übers Wasser legen, der das Hafenstädtchen Sulzano mit einer Insel mitten im See verbindet und eine weitere, kleinere Insel umrundet. Ab 18. Juni können die "Floating Piers" dann 16 Tage lang als Wanderweg oder Liegewiese genutzt werden, bieten ungewöhnliche Ausblicke auf das Seepanorama und fungieren als temporäre Großskulptur, die von den Bergen ringsherum sichtbar ist.

Noch aber ist es nicht soweit. Im Moment läuft die Produktion auf Hochbetrieb. In Christos "Fabrik" am See werden aus vorgefertigten Plastikkuben rund um die Uhr Schwimmstege produziert, die in der Mitte des Sees geparkt werden, bis sie zur endgültigen Position geschleppt werden. Gleichzeitig bringen Profitaucher auf dem Seegrund tonnenschwere Anker an, an denen die Piers später befestigt werden. Hinter der scheinbar simplen Idee, Leute über Wasser laufen zu lassen, stecken höchst komplexe Ingenieurleistungen – und die schweißtreibende Arbeit einer hochmotivierten Crew, die Christo wie eine Familie von Projekt zu Projekt folgt. ART hat den Künstler am Lago d’iseo zum Gespräch getroffen. Und obwohl sein Hauptquartier am See für Außenstehende eigentlich Off-limits ist, durften wir einen Blick hinter die Kulissen werfen und sogar schon mal einen Testlauf auf den schwimmenden Stegen wagen.

Wie sind Sie auf die Idee der Floating Piers gekommen?

Es hat angefangen mit einer Autofahrt in Deutschland. Im April 2014 bekam ich in Stuttgart den Theodor-Heuss-Preis überreicht. Auf dem Weg zurück sagte ich zu unserem Projektleiter Wolfgang Volz, dass ich nächstes Jahr 80 werde und es nicht ertragen kann, dass die Projekte, an denen wir gerade arbeiteten, "Over The River" und "Mastaba", so schleppend vorangehen. Ich würde gern etwas schnelleres innerhalb von zwei, drei Jahren machen. Also erzählte ich von den Floating Piers, einer alten Idee aus den frühen siebziger Jahren. Damals wollten Jeanne-Claude und ich das im Rio de la Plata in Argentinien machen und später, 1996/97 in der Tokio Bay. Doch zu jenem Zeitpunkt waren die Ponton-Systeme noch nicht so weit entwickelt wie heute. Erst um 2001 herum wurden diese High-Density-Cubes erfunden, mit denen heute überall auf der Welt Schwimmdocks gebaut werden und die wir jetzt für unser Projekt nutzen.

Wie sind Sie dann auf ausgerechnet auf diesen kleinen See in Oberitalien gekommen?

Ich kannte die norditalienischen Seen, Lago Maggiore, Lago di Como und Lago di Garda von früher, weil wir hier viele Sammler haben, aber ich hatte keine genaue Vorstellung, wo die Floating Piers am besten realisiert werden könnten. Was wir wussten, war dass Lago d’Iseo eine Insel mit einem Berg hat, Monte Isola, die größte Insel mit dem höchsten Berg in einem Binnensee Europas! Der Berg ist 500 m hoch. Auf der Insel leben 2000 Menschen, es gibt keine Brücke zum Festland, sondern sie sind auf den Fährservice mit Booten angewiesen. Mit den Floating Piers können diese Leute plötzlich zu Fuß zu ihrer Insel gehen, das war für mich ganz wichtig. Außerdem sollte der See nicht zu verwinkelt sein. Lago d’Iseo hat eine sehr einfache Form ohne tiefe Inlets. Und wesentlich war auch, dass er umringt ist von sehr hohen Bergen, von denen man die Piers dann von oben bewundern kann. Es gibt nicht nur die Uferstraße, sondern eine Autobahn auf ungefähr 120 Metern Höhe. Da hat man eine gute Aussicht.

Das Projekt wurde in Rekordzeit bewilligt. Wie haben Sie das geschafft?

Jeder See in Italien hat seinen eigenen Präsidenten, ernannt von der zentralen Regierung in Rom, der für die Wasserwege, den Verkehr usw. zuständig ist. Im Juli 2014 hatten wir ein Treffen mit Giuseppe Faccanoni, dem Präsidenten des Iseosees. Das war großes Glück, genauso wie damals mit dem Reichstags-Projekt. Wir hatten mit sechs verschiedenen Präsidenten des Bundestags gesprochen und wenn Rita Süßmuth nicht Präsidentin geworden wäre, wäre der Wrapped Reichstag nie zustande gekommen. Genauso wenig, wie wir ohne den New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg niemals die Gates im Central Park hätten realisieren können. Herr Faccanoni ist ein sehr kultivierter Gentleman mit Interesse an Kunst. Mittlerweile nennen wir in Pepe, er ist ein großer Unterstützer des Projekts, der uns wesentlich geholfen hat, das Projekt voranzutreiben.

Das Glanzstück
Ein Jahrhundertprojekt: Sturm und Regen zum Trotz gelang die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes. Die Architektur ist zur Plastik, das Monument deutscher Geschichte zum Mythos geworden