Kunstprojekt mit art und Mikael Mikael

Der Künstler ist abwesend

Die geheimnisvollste Künstlerfigur der Gegenwart: Mikael Mikael ist nicht zu fassen. Doch jetzt wurde art in einem Berliner Hochhaus fündig – und umgehend Teil eines Kunstprojekts.
Der Künstler ist abwesend

"HOW ARE YOU ~ NOT AFRAID!", geklebt von Bernard Bieling

Man hatte uns eine Adresse gegeben. Ein Hochhaus im Berliner Tiergarten. Hier, im 15. Stock, sollten wir Mikael Mikael begegnen können. Nach wochenlanger Recherche rückt der Moment näher. Endlich dem Künstler gegenüberstehen, der in den vergangenen Jahren für so viel Furore gesorgt hat: Als Held zweier Romane, als Erfinder der revolutionären Marke "RLF" ("Richtiges Leben im Falschen"), als Ergründer der Geheimnisse von Schwarz und Weiß. Unten am Klingelschild steht dann ein anderer Name: der von Friedrich von Borries, dem Architekten, Theoretiker, Kunstprofessor. Der lebt aber eigentlich woanders. Benutzt Mikael ihn als Strohmann, als Alibi, als Agenten? Warum ist es ihm so wichtig, seine Identität zu tarnen?

"Mikaels Methode ist sehr zeitgemäß", wird von Borries später sagen. "In einer Zeit, in der jede Identität anhand von Daten überprüft werden kann, hält er die Dinge in der Schwebe." Oben im 15. Stock betreten wir einen sehr merkwürdigen Raum: Toller Blick auf Berlin, aber nahezu nichts ist eingerichtet. Mikael Mikael ist nicht zu Hause, aber er hat hier Spuren hinterlassen, ein Bett, zwei Bänke mit Tisch. An den Wänden lehnen seine Arbeiten, sie variieren die Parole "Show You Are Not Afraid". Der Künstler ist abwesend und anwesend zugleich.

Der Künstler ist abwesend

Wo ist der Künstler? In der Wohnung im Berliner Tiergarten hat Mikael Mikael nur Spuren hinterlassen, er selbst hat  sich verflüchtigt.

Geboren wurde Mikael Mikael laut der offiziellen Künstlerbiografie 1974, unter anderem Namen, im gleichen Jahr wie Friedrich von Borries. Es heißt, er sei Stipendiat der Akademie Schloss Solitude gewesen, was deren Website auch bestätigt. Arbeiten von ihm tauchten erstmals im Jahr 2011 auf, in einer Ausstellung der Fotogalerie C/O Berlin. Die Serie "Show You Are Not Afraid" zeigt Interventionen im Medium des Plakats, der Slogan wird an Orten plakatiert, denen eine besondere politische Brisanz zukommt, etwa in der Nähe der Mauer durch Jerusalem oder am Neubau des Bundesnachrichtendienstes in Berlin. Der Satz "Show You Are Not Afraid" taucht bei Mikael Mikael immer wieder auf, er bildet eine Art konzeptuelles Zentrum seines Werks. Was hat es damit auf sich?

Konsum als Antwort auf religiösen Extremismus

Es war der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, der kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 diese Parole an die Bevölkerung seiner Stadt ausgab: "Show you are not afraid. Go to restaurants. Go shopping". Zeigt, dass ihr keine Angst habt. Geht in Restaurants. Geht einkaufen.

Konsum als Antwort auf religiösen Extremismus – diese Idee ist so typisch für die westlichen Gesellschaften, dass Mikael Mikael darin einen gewissen konzeptuellen Reiz sah. Er beschränkte die Parole auf den ersten  Satz und öffnete sie dadurch für andere Bedeutungen. In Friedrich von Borries’ erstem Roman "1 WTC" (2011) lässt Mikael die Romanfigur Jennifer durch die extrem überwachten Sicherheitszonen des Post-9/11-New York wandeln, immer wieder ruft sie laut diesen Satz und wird dabei gefilmt. Als sie sich am Ende sogar ins Herz der Paranoia, den Neubau des World Trade Center, vorwagt, endet das Kunstprojekt tödlich – Mikael Mikael muss aus den USA fliehen und nimmt die heutige Identität an. Ganz am Schluss fällt der Schlüsselsatz des Romans und der gesamten Künstlerexistenz: "Fiktion ist die beste Tarnung der Identität."

Der Künstler ist abwesend

Eine Zeit lang war es ruhig um Mikael, dann tauchte er 2013 wieder auf, in von Borries’ zweitem Roman "RLF". Diesmal ging es um die Frage, ob man den Kapitalismus möglicherweise mit seinen eigenen Mitteln schlagen könne: Das "Richtige Leben im Falschen" wird zu einer Marke. Konsequenterweise entwarfen Mikael und von Borries passende Produkte: Es gibt eine RLF-Tapete, ein RLF-Sofa, ein RLF-Teeservice und RLF-Sneakers, an deren Entwicklung Adidas beteiligt war. Ein Weltkonzern als Vorreiter des revolutionären Gedankens? Das Projekt "RLF" treibt die  Ambivalenzen kapitalistischer Logik auf die Spitze: Wieder ist Konsum die einzige Antwort, die uns einfällt, um an den Verhältnissen etwas zu ändern.

Mikael parodiert die Vermarktung von Subkulturen und erzeugt eine glänzende Leere. "Show You Are Not Afraid": Mikael Mikaels Parole gilt. In diesem Heft können Art-Leser Teil seines Kunstprojekts werden, sich den Satz aneignen, ihn benutzen, ihn verfremden – und ihn umstürzen.

In der aktuellen Ausgabe von art (4/2016) finden Sie Sticker mit der Parole "Show you are not afraid". Die Wörter und Buchstaben können als ganzer Satz oder als Fragment neu kombiniert an geeignete Objekte und Orte geklebt werden.

Aufkleben, fotografieren und teilen:

Bis zu 30 Sticker, etwa für Schulklassen, können bei ART nachbestellt werden. Bitte schreiben Sie eine E-Mail an kunst@art-magazin.de