»The Gates« im Central Park

Poesie im Megaformat

Nach 26 Jahren realisierten Christo und Jeanne-Claude endlich ihr Traumprojekt »The Gates« im Central Park, und ganz New York lag ihnen zu Füßen. Wie 7532 flatternde Sonnensegel aus gehetzten Großstädtern kindlich-staunende Flaneure machten.
Christo und Jeanne-Claude vor ihren Gates

Safrangelbe Leichtigkeit: Christo und Jeanne-Claude im Februar 2005

Es ist vollbracht. 16 Tage lang trug der New Yorker Central Park sein glühend orangefarbenes Schmuckband. 7532 safranfarbene Sonnensegel flatterten entlang gewundener Spazierpfade, bildeten goldene Baldachine, unter denen Hunderttausende verzückter Besucher entlangschritten wie bei einer feierlichen Prozession, und verwandelten die winterlich-graue Gartenlandschaft in ein beschwingtes Großkunstwerk. Dann wurde Christo und Jeanne-Claudes Installation "The Gates" ebenso beflissentlich und unzeremoniell abgebaut, wie sie vorher installiert worden war.

Zurück bleiben nur die Bilder und ungläubiges Staunen darüber, wie hemmungslos sich die sonst so coolen New Yorker auf diesen populistischen Reigen eingelassen haben. Fast ein bisschen wehmütig blicken sie nun auf ihre torlose, grüne Oase. New York brauchte dieses "größte Kunstwerk in der Stadtgeschichte" natürlich nicht. Die großmäulige US-Metropole lockt ständig mit Superlativen: der dramatischsten Skyline, den größten Museen, den heißesten Trends, der Stadt, die niemals schläft. Vielleicht dauerte es deshalb 26 lange Jahre, bis man den beiden ausländischen Künstlern erlaubte, dieses ganz und gar nutzlose Kunstwerk in ihrer Wahlheimat zu realisieren.

Leichtigkeit mit Stahlfüßen

Kaum waren die Tücher entrollt, wurde jedoch klar, dass die "Gates" für das selbstverliebte, urbane Environment New Yorks maßgeschneidert waren. Zunächst fielen die orangefarbenen Stoffvorhänge mit ihrem akuraten Plissee noch wie brave Faltenröcke herab. Doch als die ersten Windböen kamen, blähten sie sich auf wie Marilyn Monroes frivoles Kleid in der berühmten Filmszene in "Das verflixte siebte Jahr". Die steif Spalier stehenden, eher uneleganten Vinyltore mit ihren plumpen Stahlfüßen wurden plötzlich verführerisch leicht. Sie rahmten den strahlend blauen Himmel ein und markierten den Horizont mit kräftig-orangefarbenen Magic-Marker-Strichen. Das Spiel von Sonne und Schatten verlieh den Textilsegeln mal goldene Transparenz, mal solide Stofflichkeit. Poesie im Megaformat, die aus gehetzten Großstädtern zwei Wochen lang kindlich-kontaktfreudige Flaneure machte.

Selbst die hartnäckigsten Gegner der "Gates" erlagen schließlich ihrem Charme. Gordon J. Davis, der als oberster Parkwächter 1981 das vernichtende Urteil verfasst hatte, das Projekt sei "zur falschen Zeit, am falschen Ort und in der falschen Größenordnung", kam zur Eröffnung am 12. Februar mit orangefarbener Fan-Mütze und verkündete frohgemut, dass New York gerade deshalb eine tolle Stadt sei, weil man hier ungestraft seine Meinung ändern könne. Derweil fanden in den Luxusapartments auf der oberen Fifth Avenue und am Central Park West exklusive Cocktail-Partys statt. Die reichen Parkanwohner, von denen viele jahrelang gegen das Massenspektakel gewettert hatten, zelebrierten nun die Entrollung der "Gates" mit Champagner und Garnelen auf Safransalat.

Keine Vorbesichtigungen, keine Sonderbehandlungen

Doch auch der schönste Logenplatz, die Präsidentensuite im 53. Stock des Mandarin Oriental Hotel am Columbus Circle, bot nur einen schwachen Abklatsch des eigentlichen Erlebnisses. Die "Gates" waren nicht für die Vogelperspektive, sondern zur Rezeption auf Augenhöhe konzipiert, und wirklich genießen konnte sie nur, wer sich zu Fuß aufmachte. Untypisch war für New Yorker Verhältnisse auch, dass diesmal kein Geld und keine Macht besondere Privilegien, sprich private Vorbesichtigungen, wie sie sonst bei Museumseröffnungen üblich sind, erkaufen konnte. Zur Vernissage von Christo und Jeanne-Claudes egalitärem Kunstwerk war jeder geladen. Presse, Promis und Touristen tummelten sich hauptsächlich am Südende des Parks. Weiter nördlich rund um das Harlem Meer, einem der schönsten Abschnitte der Installation, applaudierten dagegen ganz normale Parkbenutzer, Latino-Mamas, Dog Walker, Homeboys und Jogger, als die Stoffsegel im Wind flatterten.

Es spricht wohl auch für den Erfolg der Aktion, dass die Kosten von rund 20 Millionen Dollar, die die Künstler wie immer selbst tragen, diesmal schon vor Vollendung - durch den Verkauf von Zeichnungen und frühen Arbeiten - komplett gedeckt waren. So groß war zum Schluss die Nachfrage, dass nicht wenige Sammler, die eigens zur Eröffnung nach New York gereist waren und hinterher im Studio des Künstlers ein angemessenes Erinnerungsstück erwerben wollten, mit leeren Händen nach Hause fahren mussten. Für Christo und Jeanne-Claude bedeuten die guten Verkäufe weniger schlaflose Nächte. Nach früheren Projekten zahlten sie oft noch jahrelang die Schulden ab.

Safran oder nicht?

Wie sehr sich die "Gates" inzwischen ins kollektive Bewusstsein gedrängt haben, zeigen die vielen Nachahmer-Projekte, Talkshow-Gags und Webseiten mit satirischen Fotos. Und die erregte Diskussion darüber, welche Farbe die Tore nun wirklich hatten. "Safran", wie die Künstler hartnäckig behaupten, sei eine gänzlich unzutreffende Beschreibung, fachsimpelten New Yorker Spitzenköche, weil die gleichnamigen Blütenpollen der Krokusblume Speisen eher gelb als orange färbten. Kunstkritiker Peter Schjeldahl sah in der Signalfarbe "etwas, das man nur im Wald zur Jagdsaison tragen würde" und Werner Spies erinnerten die rotgelben Segel an amerikanische Gefangenenuniformen und "die Schande Guantanamos". Auch das war Teil des Gesamtkunstwerks: dass die Tore zur Projektionsfläche für alle möglichen Assoziationen wurden. Die einen sahen darin Waschtag im Zen-Buddhisten-Kloster, andere eine Hommage an die romantische Landschaftsarchitektur des Central Park, und wieder andere erkannten einen Kommentar zur Minimal Art von Donald Judd, Fred Sandback oder Sol LeWitt.

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Der verhüllte Reichstag in Berlin (1971/95) mag im silberglänzenden Gewand erhabener ausgesehen haben als die "Gates". Und der "Valley Curtain" (1970/72), ein riesiger orangefarbener Vorhang quer durch eine Schlucht in Colorado, war verwegener. Doch in New York, wo man sich vor Staunen oft genug den Hals verrenkt, brauchte es als Kontrast eine aufs menschliche Maß zurückgenommene Aktion. Mäandernde Fußwege mit Safranrüschen zur Entdeckung der Langsamkeit, ein glühendes Fahnenmeer am Horizont gegen den Tunnelblick.

Dieser Artikel erschien in art (4/2005).