Giorgio de Chirico in Stuttgart

Unbewusste Gefühle

Mit verrätselten Bildern, die er während des Militärdiensts schuf, elektrisierte der Maler die europäische Avantgarde. Eine große Schau in der Staatsgalerie Stuttgart zeigt Werke von Giorgio de Chirico und stellt sie seinen Malerkollegen des Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit gegenüber.

Bei der Bildbeschreibung kann man leicht ins Stocken geraten. Denn wo befindet sich das gerahmte Gemälde einer Fabrik? Steht es auf einer Staffelei? Oder doch am Boden? Und die Stangen, Stäbe, Winkel – sind sie vor oder hinter dem Gemälde platziert? Das Metaphysische Interieur mit großer Fabrik zeigt ein Bild im Bild und ist trickreich verwirrend komponiert. Vor 100 Jahren hat Giorgio de Chirico es gemalt – und die Staatsgalerie Stuttgart nimmt dieses Jubiläum des einzigen Werks des Künstlers ihrer Sammlung zum Anlass für eine Ausstellung seiner sogenannten Metaphysischen Malerei.

"Er hat noch vor der Gründung der Surrealisten eine Bildsymbolik entwickelt, die sich auf das Unbewusste und Unterbewusste bezieht", sagt Christiane Lange, die Direktorin des Museums. De Chirico, 1888 in Griechenland geboren, ging nach seinem Kunststudium in Athen und München zunächst nach Paris, meldete sich bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs aber freiwillig zum Kriegsdienst. 1915 wird er in Ferrara stationiert – und die Ausstellung konzentriert sich vor allem auf diese Zeit in der italienischen Provinz. Im Vergleich zu den Gemälden aus der Pariser Zeit – "die typischen Plätze mit Denkmälern, die lange Schatten werfen" – werden die Formate in Ferrara kleiner, "dafür tauchen merkwürdige Dinge auf". So malt de Chirico X-förmige Brote – wie auf dem Gemälde "Die Sprache eines Kindes" von 1916. "Er fängt an, mehr und mehr verrätselte Bildobjekte zu erschaffen."

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Die Stuttgarter Ausstellung will untersuchen, wie der Künstler mit seinen Bildern dieser Zeit die europäische Avantgarde beeinflusst hat. Deshalb werden ihnen die Werke anderer Künstler gegenübergestellt. Der Grieche malte isolierte Augen – Symbol für den Blick nach innen. "Das Motiv taucht später auch bei anderen Künstlern auf", sagt Lange. So etwa in Max Ernsts Lichtdruck Lichtrad von 1926 oder in Man Rays Unzerstörbarem Objekt, wo ein ausgeschnittenes Auge auf den Zeiger eines Metronoms montiert ist. In den Stillleben de Chiricos, die in Italien entstehen, finden sich viele Alltagsobjekte, Karten aus der Schreibstube, in der er Dienst hatte, Lineale, Winkel, Eimer, Töpfe. "Das ist, was die anderen Künstler elektrisiert: wie er die Wirklichkeit fasst, etwas evoziert, aber nicht beschreibt", sagt Lange. Die Fabrik, die er auf dem Stuttgarter Gemälde dargestellt hat, gab es tatsächlich, die Postkarte, die er als Vorlage nutzte, existiert sogar noch. Auch dem hier angewandten Verfahren des Bildes im Bild wird eine eigene Sektion in der Ausstellung gewidmet, "denn er führt das Trompe-l’œil in die Moderne", sagt Christiane Lange. "Er erzählt keine Geschichten, sondern evoziert unbewusste Gefühle."

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