Radar

Necmi Sönmez

Necmi Sönmez über Günyol & Kunt
Özlem Günyol & Mustafa Kunt: "Balkon", 2008. Skultur, Video, 15’26 min – Installationsansicht im Museum für Moderne Kunst-Zollamt, Frankfurt am Main (Foto: Özlem Günyol und Mustafa Kunt)

NECMI SÖNMEZ ÜBER GÜNYOL & KUNT

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Necmi Sönmez, geboren 1968 in Istanbul, Kurator, Kritiker und Autor, über die Arbeiten des Frankfurter Künstlerduos Özlem Günyol und Mustafa Kunt.
// NECMI SÖNMEZ, DÜSSELDORF

Das in Frankfurt lebende Künstlerduo Özlem Günyol (*1977) und Mustafa Kunt (*1978) arbeitet seit 2003 zusammen und verfolgt weiterhin auch Einzelkarrieren. In ihren Gemeinschaftsarbeiten thematisieren die beiden Künstler durch subtile Strategien politische, ökonomische und soziale Verhältnisse, die sich auf den ersten Blick für den Betrachter nicht sofort erschließen. Ihre Arbeiten sind vielfältig und basieren häufig auf der Mischung analytischer Untersuchung und abstrakter Gegenüberstellung. Mit Videos, ortsspezifischen Installationen, Fotografien, Textarbeiten und Zeichnungen brechen sie Konsumerwartungen und setzen Reflexionsprozesse über Identitätsfragen, Symbole und medial vermittelte Informationen in Gang.

Ich verfolge seit 2004 die künstlerischen Arbeiten des Duos und habe seit 2005 mit beiden Künstlern für diverse Ausstellungsprojekte zusammengearbeitet. Es war im Mai 2008, als ich das erste Mal mit beiden über die neue Arbeit "State Paintings" gesprochen und die erste Skizzen des Projektes gesehen habe. Die Idee und die Umsetzung der Arbeit haben mich auf den ersten Blick fasziniert: Jeder Reisepass trägt verschiedene unsichtbare Wasserzeichen, die mit dem normalen Auge nicht zu sehen sind. Jede Nation hat diverse Motive, Ornamente und Schriften in diese Wasserzeichen eingearbeitet, um die Identität des nationalen Charakters zu betonen. Günyol und Kunt haben Reisepässe ihre Freunde gesammelt, sie wollten die unsichtbaren Wasserzeichen durch besondere Verfahren sichtbar machen. Die Ergebnisse dieser "Sichtbarmachung" wurden in der Installation "State Paintings" präsentiert, die Oktober 2008 im Rahmen der Ausstellung "Anywhere I Lay My Head / Made in Turkey" im Ausstellungsraum Römer9 in Frankfurt zu sehen war.

Die Installation "State Paintings" besteht aus zwei Teilen. Der erste ist ein dickes Buch, das einzelne Wasserzeichen-Motive der Reisepässe wie mittelalterliche Miniaturen präsentiert. Die Besucher waren eingeladen, mithilfe von Stoffhandschuhen das Buch, das auf einem Podest zu sehen war, durchzublättern. Die Vielfalt der Wasserzeichen, die reichhaltigen Ornamente und die perfekte Gestaltung der einzelnen Details waren verblüffend schön und intensiv. Der zweite Teil der Installation war ein in der unmittelbaren Nähe des Buches präsentierter vergrößerter Injektprint (172 x 204 cm), der atemberaubende, fließende Wasserzeichenlinien eines Reisepasses freilegte.

Diese ungewöhnlich intensive Arbeit öffnet dem Besucher einen ungewohnten Blick auf die inneren Strukturen der Identitätsfrage und betont die Spannung von kulturell codierten Verständnismustern und staatlicher Zugehörigkeit, die für die Fragestellungen des Künstlerduos seit 2000 stets wichtig war. Durch minimale Veränderungen verweist die Arbeit auf neue Sinnzusammenhänge, die dem Rezipienten Eigenschaften der kollektiven und individuellen Identität näher bringen.

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