Transmediale 2009

Berlin

Klimawandel ist Kulturwandel
Das Transmediale-Projekt von Hermann Josef Hack "Climate Refugee Camp" vor dem Brandenburger Tor. Die Installation besteht aus 400 von Hack gefertigten Miniaturzelten, die auf die katastrophale Lage von Menschen aufmerksam machen soll, die schon jetzt unter den Folgen der Erderwärmung leiden. (Foto: Just / just.ekosystem.org / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)

KLIMAWANDEL IST KULTURWANDEL

Steigende Meeresspiegel, Gletscherschmelze, Dürreperioden – das Berliner Festival Transmediale präsentiert in diesem Jahr überraschende Medienkunst zum globalen Klimawandel.
// KITO NEDO, BERLIN

"We will not engage in consumerism – Wir entsagen dem Konsumismus." So lautet der erste Satz des Manifests der Extreme Green Guerilla (EGG), auf das man beim Gang durch die Ausstellung der diesjährigen Transmediale, dem Festival für Kunst und digitale Kultur stößt. Klingt gut, doch wie soll das gehen?

Ganz einfach, sagen die Öko-Guerillas: Statt Dinge um einen herum zu verbrauchen, sollte man sich lieber selbst verschwenden. Ein Gift-Chip im Ohrläppchen macht es möglich: im Alter von 40 Jahren sanft sterben und eine positive Ökobilanz hinterlassen. Die Kosmetikindustrie ist tot, es lebe das wahre Anti-Ageing – ganz ganz ohne Faltencreme und Frischzellentherapie.

Ausgedacht hat sich dieses makabere Szenario die in London lebende Künstlerin und Designerin Michiko Nitta, die mit ihrer Installation noch weitere extrem grüne Guerilla-Strategien anbietet. So sollten elektronische Botschaften der Umwelt zuliebe nicht mehr mit Hilfe von Internet oder SMS verschickt werden, sondern via "Animal Messaging Service" (AMS) entlang der alten Routen von Fisch- und Vogelwanderungen laufen. Das spart Serverkosten. Würde man das Internet abschalten, dann könnte man sich weltweit auch ein paar Kernkraftwerke sparen, raunt es zustimmend auf den Ausstellungsgängen im Haus der Kulturen der Welt (HKW). Ginge es nach den Ökoradikalen, müssten die Menschen auch ihre Essgewohnheiten drastisch ändern: Auf der Speisekarte würden Schwein, Rind und Geflügel zukünftig durch Schädlinge wie Ratten und Tauben ersetzt. Urbane Landwirtschaft ohne lange Transportwege zu Friedenszeiten – diesen Kessel haben sich die Städter selbst gebaut.

Sublimer Soundtrack zur Gletscherschmelze

Wem Nittas Arbeit irgendwie postapokalyptisch vorkommt, der hat das Motto des gestern eröffneten Medienkunstfestivals, das neben der thematischen Gruppenausstellung bis zum 1. Februar auch unzählige Präsentationen, Diskussionen und Filmvorführungen anbietet, ganz intuitiv verstanden. Mit "Deep North" will Festivalleiter Stephen Kovats nicht ein weiteres Mal vor dem bereits im Gang befindlichen Klimawandel warnen. Stattdessen, ganz in der avantgardistischen Tradition des Festivals verpflichtet, wird gezeigt, wie die neue Kultur der Kälte aussieht, die aus der Erderwärmung resultiert.

Man spürt sie etwa beim Betrachten der Doppel-Videoprojektion "Six Appartments" des in Berlin lebenden US-Amerikaners Reynold Reynolds, die wie in einem Querschnitt durch ein Mietshaus sechs verschiedene Menschen zeigt, die sich monadenartig in Ihre Wohnhöhlen zurückgezogen haben und das Weltgeschehen nur noch durch die Medien verfolgen. Sind die kommenden Umwälzungen so massiv, dass die Gesellschaft in eine Kältestarre verfallen wird?

Noch sind die alltäglichen Zeichen des Wandels eher unterschwellig. Die wohl poetischste Chiffre hierfür hat Jan Peter E. R. Sonntag gefunden, indem er einfach einen großen Eisblock in die Ausstellungshalle verfrachtete, in dessen Inneren mehrere Sensoren eingelassen sind. Die Technik macht das Knistern und Knispeln des tauenden Eises hörbar. So liefert die Sound-Video-Installation "Amundsen / I-landscape" den sublimen Soundtrack zur Gletscherschmelze. Wo Sonntag alle Sinne anspricht, da arbeitet sein bulgarischer Kollege Petko Dourmana mit radikaler Reduktion. Für seine Installation "Post Global Warming Survival Kit" wurde ein Ausstellungsraum in absolute Dunkelheit versenkt. Die Betrachtung von Dourmanas Videoinstallation ist nur mit Nachtsichtgeräten möglich. Sowas nennt man wohl eine düstere Aussicht: Wenn sich die in Zeiten des Nuklearwinters die Sonne für immer untergeht, wird alles anders. Nicht nur die Kunst.

"Transmediale 2009 – Deep North"

Termin: bis 1. Februar 2009, Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Ein Essayband zur Ausstellung erscheint demnächst im Revolver Verlag, Berlin

http://www.transmediale.de

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