William Eggleston

Interview



HOHELIED DES ALLTAGS

Schon früh begriff er Farbfotografie als künstlerisches Medium: William Eggleston zeigte den amerikanischen Alltag in leuchtenden Farben, und sein Blick für das scheinbar Nebensächliche prägte eine ganze Generation von Fotografen. Zur Münchner Retrospektive besucht art den 69-jährigen Künstler in Memphis.
// CLAUDIA BODIN, MEMPHIS

Er hat noch nie allzu gern über seine Arbeit gesprochen. Anekdoten über seine Liebschaften, über bizarre Auftritte in Uniformen, über seine Vorliebe für Bourbon und Waffen und die legendären Roadtrips, die er mit Freunden wie Dennis Hopper machte, ließen William Eggleston zu einem Mythos werden. Filmemacher und Fotografen prägte der egozentrische Südstaatler mit seiner Ästhetik wie kaum ein anderer.

Mit seiner Auffassung, dass jedes Motiv abbildungswürdig ist, revolu-tionierte er in den siebziger Jahren die zeitgenössische Fotografie und machte die bis dahin als vulgär geltenden Farbaufnahmen salonfähig. art-Korrespondentin Claudia Bodin traf den 69-Jährigen in seiner tristen Heimatstadt Memphis, die außer Elvis und Eggleston nicht viel hervorgebracht hat. Zwischen ausgedehnten Rauchpausen auf den Stufen zum Eingang, in dem der "Eggleston Artistic Trust" zu Hause ist, klärte der Künstler ein paar Missverständnisse auf und zeigte unveröffentlichte Fotos und Zeichnungen. Ende dieses Monats reist die vom Haus der Kunst in München und dem New Yorker Whitney Museum organisierte Retrospektive des Fotografen nach Deutschland.

Herr Eggleston, wann ist ein Foto Kunst?

William Eggleston: Man weiß es einfach, wenn man ein Bild sieht. Vieles, was ich von jungen Kollegen zugeschickt bekomme, ist keine Kunst. Es handelt sich um nicht besonders interessante Experimente.

Welche zeitgenössischen Fotografen gefallen Ihnen?

Vor Manfred Willmann und Martin Parr habe ich großen Respekt. Ich bewundere Nan Goldin, denn sie hat den Mut und die Stärke, die Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Jürgen Teller ist ein guter Freund. Als er mir seine Bücher schickte, dachte ich allerdings: Was zur Hölle ist das denn? Seine Arbeit verkörpert genau das, was ich nicht mache. Wir beide tun auch gar nicht so, als ob wir eine Arbeitsbeziehung hätten. Wir ­verbringen gern Zeit miteinander.

Jürgen Teller hat einmal gesagt, dass er Ihre absolute Freiheit bewundert und dass Sie sich nicht im Geringsten darum scheren, was andere von Ihnen denken.

Damit hat er Recht.

Woher kommt diese Unabhängigkeit?

Darüber habe ich niemals nachgedacht, ich habe sie mir einfach genommen. In Sachen Kunst und Fotografie war ich hier im Süden isoliert. Dies ist ein weites, flaches Land ohne jegliche Ablenkung. Ich bin auf der Baumwollplantage meiner Großeltern aufgewachsen, der nächste Nachbar war 24 Kilometer entfernt.

Sie haben den Ruf, die Ideen Ihrer Auftraggeber stoisch zu ignorieren. Als das "Rolling Stone"-Magazin Sie 1976 fragte, den Wahlkampf von Jimmy Carter zu verfolgen, machten Sie Landschaftsaufnahmen, auf denen Carter nicht ein Mal zu sehen war.

Meine Haltung hat mir nie Probleme bereitet. Ich habe einfach für mich weiter gearbeitet und nie wieder etwas vom "Rolling Stone" gehört.

Über die Bilder aus dem Haus des gestorbenen Elvis für eine Broschüre war man nicht allzu glücklich.

Priscilla Presley gefielen sie. Sie hatte mir den Auftrag erteilt, was mich überraschte. Denn ich hatte erwartet, dass sie meine Bilder hassen würde. Graceland ist ein furchtbar deprimierender Ort. Ich arbeitete nachts, nachdem das Haus für Besucher geschlossen war, und überlegte stundenlang, wie ich fotografieren sollte. Es gab dort nichts Geschmackvolles.

Das Gewöhnliche hatten Sie doch zu Ihrem Fachgebiet erklärt.

Als ich mich bei meinem Freund, dem Maler Tom Young, beklagte, dass uns so viel Hässliches umgibt, gab er mir den Rat, genau das zu fotografieren.

Im Katalog zu Ihrer Retrospektive "Democratic Camera" offenbaren Sie eine bislang unbekannte Seite. Sie zeigen erstmalig Ihre Filzstiftzeichnungen.

Seitdem ich vier Jahre alt bin, mache ich abstrakte Zeichnungen. Neben aktuellen Fotos aus Paris, an denen ich seit drei Jahren arbeite, werde ich mit der Fondation Cartier eine Auswahl ausstellen. Ob die Bilder den Leuten gefallen werden, ist mir egal. Ich fand es schon immer spaßig, dass die meisten meine Arbeit missverstehen.

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1 Leserkommentar vorhanden

Erik

02:51

20 / 02 / 09 // 

hm

Krasser Kunde, dieser Herr Eggleston. Sehr gutes Interview, war bestimmt nicht ganz leicht für den oder die Fragesteller/in.

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