"Ich bin ein Gast, der still vor sich hin arbeitet"

Vermissen Sie die wilden Zeiten?

Das Einzige, was mir fehlt, sind die leeren Straßen. Sich in seinen Wagen zu setzen und loszufahren. Mit dem Kurator Walter Hopps und Dennis Hopper habe ich einen Roadtrip durch New Mexiko gemacht, bei dem wir tagelang keinen Menschen sahen. Hopper besaß ein Haus in Taos an der Kontinentalen Wasserscheide. Es ist der schönste Ort, an dem ich jemals gewesen bin. Die Farben und der Einfall der Sonne waren so unwirklich, dass ich auf ein lockeres Felsenstück kletterte und beinahe in die Tiefe gestürzt wäre. Dennis Hopper hat mich gegriffen und mir das Leben gerettet.

Vor kurzem mussten Sie sich einer Augenoperation unterziehen. Hatten Sie Angst, nicht mehr fotografieren zu können?

Eine Zeitlang konnte ich nicht geradeaus gehen, aber arbeiten konnte ich weiterhin.

Würden Sie die Fotografie vermissen?

Ich glaube nicht. Denn ich habe das Gefühl, dass ich fertig bin. Auf jeden Fall würde ich weiter zeichnen. In meinem Archiv befinden sich mehr als 50 000 Aufnahmen, davon sind vielleicht 2500 veröffentlicht. Gelegentlich habe ich diese wundervollen Träume, in denen ich grandiose Fotos mache. Ich bin so glücklich in diesen Träumen. Aber dann wache ich auf und kann nichts mehr erinnern.

Für Ihre Arbeit reisten Sie durch die ganze Welt, Ihr Hauptstandort blieb jedoch Memphis.

Meine Frau stammt aus der Gegend, wir haben drei Kinder. Also blieben wir hier. Aber ich habe viel Zeit in New York verbracht. Ich hatte eine lange Beziehung mit Viva aus dem Kreis von Andy Warhols Factory. Wir lebten zusammen im Chelsea Hotel.

Was hielten Sie von Warhols Kunst?

Sie hat mich nicht weiter gestört. Ich fühlte mich ihr in keinster Weise verwandt.

Warum haben Sie kaum Fotos in New York gemacht?

Visuell war es nicht mein Territorium. Erst viel später war ich in der Lage, an fremden Orten zu arbeiten.

Hat Sie das politische Klima in den siebziger Jahren beeinflusst?

Das zog an mir vorbei. Die Bürgerrechtsbewegung oder Vietnam haben mich nicht beschäftigt. Für Politik habe ich mich niemals interessiert. Ich habe noch nie gewählt. Ich war niemals beim Militär und verabscheue Kriege.

Was interessiert Sie außer Kunst und Musik?

Schöne Frauen.

Sie besitzen eine große Sammlung antiker Waffen.

Es ist wie mit den Kameras, ich interessiere mich für die Mechanik. Manche Waffen sind so schön wie Schmuck. Als Kind litt ich unter starkem Asthma. Sobald ich draußen in der Kälte war, wurde ich krank. Also nahm ich niemals am Jagen teil, wie das in meiner Heimat üblich war. Dafür fing ich an, Klavier zu spielen. Immer, wenn ich am Flügel vorbei­lief, spielte ich ein wenig. Wie das Fotografieren habe ich mir auch das Klavierspiel selbst beigebracht. 90 Prozent aller Stücke spiele ich rein nach Gehör. Ich liebe Bach.

Warum sind Sie nicht Konzertpianist geworden?

Es war zu viel Arbeit, ich hätte zu viel üben müssen und zu viel Zeit verbracht, die Musik anderer zu spielen.

Memphis-Ikone Elvis mochten Sie nicht besonders und dennoch gaben Sie bei einer Veranstaltung einen seiner Songs zum Besten.

Das war bei der Fuji-Preisverleihung in Tokio. Die Reden der anderen Teilnehmer waren dermaßen langweilig, dass ich mich auf die Bühne stellte und eine Strophe aus "Heartbreak Hotel" sang. Den Zuschauern gefiel es.

Wie hat es Sie geprägt, im Süden als Sohn einer Plantagenbesitzer-Familie aufgewachsen zu sein?

Darauf habe ich keine Antwort. Ich bin nicht gut mit Worten.

Das erste Bild aus Ihrer Ausstellung ist ein Schwarz-Weiß-Foto, das Häftlinge auf einer Plantage zeigt.

An die Plantage meiner Großeltern grenzte ein Gefängnis. Wir fuhren jeden Tag mit dem Auto durch das riesige Gefängnisgelände. Für mich war das Alltag. Eines Tages machte ich vom Autofenster aus dieses Foto.

Was ist aus der Plantage geworden?

Es ist eine Baumschule. Ich war niemals dort, um es mir anzugucken. Die Plantage hat mich nie interessiert.

Sehen Sie die Welt mit anderen Augen als andere Menschen?

Hm.

Sehen Sie Dinge, die andere nicht sehen?

Diese Aussage gefällt mir. Ich bin gern unter Menschen, wenn ich fotografiere. Am liebsten ist es mir, wenn sie etwas zu tun haben, das nichts mit mir zu tun hat. Und ich bin ein Gast, der still vor sich hin arbeitet.

"Democratic Camera"

Termin: 20. Februar bis 17. Mai, Haus der Kunst, München

http://www.hausderkunst.de

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1 Leserkommentar vorhanden

Erik

02:51

20 / 02 / 09 // 

hm

Krasser Kunde, dieser Herr Eggleston. Sehr gutes Interview, war bestimmt nicht ganz leicht für den oder die Fragesteller/in.

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