23 / 01 / 2009
Triptychon in der Moderne
Kunstmuseum Stuttgart
DIE ALTÄRE DER MODERNE
Als "Triptychon" bezeichnet die Kunstwissenschaft ein dreiteiliges Bild. Vom Bilderzyklus oder vom Bilderfries unterscheidet es sich dadurch, dass das Mittelstück in der Regel über die beiden Seitenteile dominiert. Die Geschichte des Triptychons reicht weit zurück: Gestalt und Funktion erhielt es als Altarbild mit festen oder aufklappbaren Seitenflügeln.
Seine herausgehobene Stellung im Kirchenraum verbunden mit dem christlichen Bildprogramm hat das Triptychon schon immer zum bildnerischen Sonderfall gemacht, mit dem sich Bedeutung, Spiritualität, Würde verbinden. Für diese inhaltliche Aufgeladenheit hat der Kunsthistoriker Klaus Lankheit (1913 bis 1992) 1959 den Begriff "Pathosformel" geprägt.
Dass Aufklärung und Moderne die Geschichte des Triptychons nicht zu Ende gebracht haben, ist bekannt. Die zentrale Rolle, die Triptychen in den Werken von modernen Klassikern wie Max Beckmann und Francis Bacon spielen, hat die Vitalität der Gattung schon lange belegt. Aber erst jetzt, in der großen Ausstellung des Kunstmuseums Stuttgart, wird vollends deutlich, wie attraktiv das alte Bildformat geblieben ist: Jonathan Meese, Ricarda Roggan, Antoni Tàpies, Franz Gertsch, Jürgen Klauke, Neo Rauch und Bjørn Melhus haben ebenso Triptychen geschaffen wie Robert Longo, Bill Viola oder Damien Hirst.
Um Otto Dix’ berühmtes "Großstadt"Triptychon aus der eigenen Sammlung des Kunstmuseums herum gruppiert die Ausstellung über 50 Leihgaben. Nie zuvor ist es so anschaulich gewesen, wie sich beide, die gegenständliche wie die ungegenständliche Kunst des 20. Jahrhunderts, bei der Tradition bedient haben. Noch immer taugt das Triptychon zum Ausdruck großer Erschütterung, noch immer liegt seine Wirkung in der Überwältigung durch rätselhaft gesteigerte Zeichen. Über die Bedeutung des Triptychons heute und die Ausstellung sprach art-Autor Hans-Joachim Müller mit Marion Ackermann, noch Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart. Im Herbst übernimmt die 43-jährige Kunsthistorikerin in Düsseldorf die Leitung der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen K 20, K 21.
Marion Ackermann über extreme Gefühle und Spiritualität
Frau Ackermann, seltsam, wir wollen über Kunst der Gegenwart reden und kreisen um einen Begriff, der in den Anfängen der Kunst wurzelt.
Marion Ackermann: Aber es gehört auch zur Geschichte der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts umso erstaunlicher, dass dies noch nie Gegenstand einer Ausstellung gewesen ist. Immer wieder haben Künstler auf dieses Bildformat zurückgegriffen, wenn es um große politische oder private Erschütterungen geht, um Ausnahmezustände, um existentielle Grenzsituationen. Sean Scully zum Beispiel hat ein Triptychon nach dem Tod seines Sohns gemalt; Bill Viola und Hermann Nitsch haben im Triptychon jeweils den Tod ihrer Mutter verarbeitet. Das Triptychon eignet sich noch immer zum Ausdruck extremer Gefühle. Aber es gibt auch andere Ansätze, eine abstrakte Tradition. Der Amerikaner Ellsworth Kelly erzählt, wie er zu seinen "shaped canvases" gelangt sei: über die Auseinandersetzung mit Matthias Grünewalds Isenheimer Altar. Ich glaube, dass Triptychen für Künstler immer ein Sonderformat dargestellt haben, das von den Entwicklungen der Kunst gleichsam ausgeklammert blieb.
Jedenfalls scheint das Triptychon alle Stürme der Moderne überlebt zu haben, und all die radikalen Ausstiege aus dem Bild haben es unbeschädigt gelassen, dass man meinen könnte, die Würdeformel, die in diesem Bildtyp steckt, sei gänzlich unberührbar. Vielleicht kann man es so sagen: Im Triptychon hat die Geschichte des Bildwunders noch immer Bestand.
Ja, denken wir an einen abstrakten Maler wie Yves Klein, für ihn war das Triptychon die ideale Formel für das Immaterielle. Oder Herman de Vries: Er sucht nach Zeichen für die Vollkommenheit und Spiritualität in der Natur und findet sie im Dreierformat, wo Ausschnitt und Geschlossenheit in perfekter Balance sind. Hinzu kommt, dass das Triptychon dem Betrachter eine sehr spezifische Rolle zuweist. Es lässt ihm nicht viele Möglichkeiten zur gedanklichen Auseinandersetzung, es ist ein ausgesprochen autoritäres Bildformat, das in seiner Komplexität auch Macht ausübt, dem Betrachter die untergeordnete Position zuweist.
23 / 01 / 2009
1 Leserkommentar vorhanden
A. Becker
17:09
24 / 01 / 09 //
Begriff "Pathosformel" nicht erst seit 1959 bekannt
Die Aussage, dass der Kunsthistoriker Klaus Lankheit den Begriff "Pathosformel" geprägt hat, kann so nicht einfach stehen lassen. Es kommt beim Leser an, als wäre dies ein von ihm neuer Begriff. Zwar hat er 1959 ein Buch über "Das Triptychon als Pathosformel" geschrieben, aber eingeführt wurde der Begriff bereits um 1900 von Aby Warburg (1866-1929).
