Macht des Ornaments
Belvedere Wien
WO MUSTER KEIN VERBRECHEN SIND
Geich zu Beginn soll der schnörkellose, der "moderne" Mensch die Fahnen strecken vor der "Macht des Ornaments": Schon im gläsernen Windfang zur Orangerie fährt das angeblich luftig Leichte seine Tentakel aus, lassen Dutzende an der Decke schwebende rosa Luftballons ihre verlockenden Schnüre herunterhängen, eine Struktur, in die jeder eintauchen muss. Holt man einen Ballon zu sich herunter, zeigt er sein wahres Gesicht – hässliche Szenen gefolterter, misshandelter Menschen sieht man darauf.
"Ich ergebe mich" heißt diese Installation der Iranerin Parastou Forouhar. Wovor, ist eine ganz andere Frage, die uns sofort überfordert, erfährt man den Hintergrund. Forouhars Eltern zählten zu den führenden Regimegegnern und Menschenrechtlern im Iran, sie wurden 1998 in Teheran ermordet.
Im 21. Jahrhundert hat das Ornament seine Unschuld verloren und sich nach rund 100 Jahren Verbannung in der zeitgenössischen bildenden Kunst wieder durchgesetzt. Dessen ist sich die Kuratorin und Kunstkritikerin Sabine B. Vogel sicher. "Vor zehn Jahren hätte ich diese Ausstellung nicht machen können." Ihre Eindrücke von Kunstmessen und Biennalen rund um die Welt bestätigen sie in der Brisanz des Themas. Die Durchmischung westlicher Kunst – sie habe das Ornament, den Kitsch, die Volkskunst "brutal ausgeschlossen, ja niedergetrampelt" – mit der aus der indischen und arabischen Welt bedeute den Beginn einer "globalen Kunst".
Codierte Mosaike aus Spiegelsteinchen
Das Ornament ist für Vogel der Ausweg, wie wir mit Tradition neu umgehen können, ohne sie völlig zu zerstören. Und auch "Schönheit" darf in diesem Zusammenhang wieder Thema sein. Der Bogen beginnt zeitlich im Wien um 1900, bei Gustav Klimts "Wasserschlangen", und reicht bis in die Gegenwart, zu Adriana Czernins großformatigen Buntstiftzeichnungen, in denen Frauenkörper von floralen Mustern zugleich gefangen und umspielt sind. Mit Philip Taaffe ist ein renommierter Musterexperte aus den USA mit dabei, dann geht es aber schnell schon ab in den Nahen und Fernen Osten: Die 1924 geborene Monir Shahroudy Farmanfarmaian legt codierte Mosaike aus Spiegelsteinchen.
Für Vogel ergeben sich hier unglaubliche Parallelen zur amerikanischen Minimal Art, besonders zu Frank Stella. Von Mona Hatoum stammt ein Teppich, in den die Weltkugel eingebrannt scheint, von Sakshi Gupta (Indien) einer aus falschen Wimpern. Es geht Vogel hier eindeutig nicht um Vollständigkeit – Afrika etwa hat sie ganz weggelassen, das würde wiederum ein ganz neues Thema aufwerfen, den Postkolonialismus. Gezeigt werden soll eher die Entwicklung vom Dekorativen zum Politischen. Und bitte, nur weil die Ausstellung in Wien stattfindet, jetzt bloß nicht mit Adolf Loos’ Pamphlet "Ornament und Verbrechen" (1908) kommen. Das sei, meint Vogel, "ein völlig überschätzter Text".
"Die Macht des Ornaments"
Termin: 21. Januar bis 17. Mai 2009, Belvedere, Wien. Katalog: 21 Euro


