Pina Bausch in Bonn

Was uns bewegt

Jede Probe mit der legendären deutschen Choreografin war wie eine Rutschpartie in Liebesschmerz und Liebeslust. Pina Bausch revolutionierte das Tanztheater von Wuppertal aus. Die Bundeskunsthalle in Bonn erinnert mit einer Ausstellung an die Tänzerin und lässt Besucher in ihre Welt eintauchen.

Mitte der siebziger Jahre hätte man das "und" aus dem Bonner Ausstellungstitel getrost durch ein "ist" ersetzen können. Europa hatte das klassische Ballett, Amerika den Modern Dance, und an den kleinen Wuppertaler Bühnen war etwas entstanden, für das man erst einmal Worte finden musste – und das sich so wenig in andere Sprachen übersetzen lässt wie "Kindergarten".

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Strecken Teaser

Damals ließ Pina Bausch (1940 bis 2009) in ihrem Tanztheater erstmals Frauen barfuß gegen Wände rennen, den Kampf der Geschlechter in schmerzlich schönen Bühnenbildern ausfechten und ganz ähnliche Geschichten von Unterdrückung und Auflehnung erzählen wie die zur selben Zeit aufblühende feministische Performance-Kunst. Allerdings mit dem nicht uner­heblichen Unterschied, dass Bauschs Version des kollektiven Aufbegehrens zugleich ein sinnliches Flirten mit dem Publikum war und in Bühnenbildern (meistens von Peter Pabst) stattfand, die für sich allein schon Kunstwerke waren.

So legendär wie die Aufführungen war die Arbeitsweise von Bausch

Im Grunde sträubt sich alles gegen die Vorstellung, dass Pina Bausch jetzt, mehr als sechs Jahre nach ihrem Tod, schon reif fürs ­Museum sein soll. Vermutlich ist das auch der Grund, warum die Pina Bausch Foundation in der Bonner Bundeskunsthalle nicht einfach nur Requisiten, Filme, Szenenfotos und andere Erinnerungsstücke zeigt (das tut sie selbstredend auch), sondern eine Nachbildung der Wuppertaler Probenräume ins Zentrum der Schau "Pina Bausch und das Tanztheater" stellt. Es soll ein Raum lebendiger ­Erfahrungen werden, in dem Mitglieder des Wuppertaler Ensembles in Performances, Workshops, Proben, Lesungen und Gesprächen an Pina Bausch erinnern – jeweils gemeinsam mit einem auf 20 bis 50 Besucher begrenzten Publikum.

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Ähnlich legendär wie die Aufführungen war nämlich die Arbeitsweise der Choreografin Bausch. Statt Anweisungen zu geben, stellte sie ihren Tänzern persönliche Fragen, die meistens mit "Wie hast du dich als Kind ­gefühlt, wenn …?" begannen. Oder sie gab ­ihnen Ideenfragmente an die Hand: "Sechsmal sich nicht lieben", "Wie zu einem kranken Vogel" oder auch "Ihr habt ein Boot, aber kein Wasser".

Mit Bausch war jede Probe eine Fahrt ins Ungewisse und jede Inszenierung eine Rutschpartie in Liebesschmerz und Liebeslust. Ihr Leitspruch klingt heute, da auch immer mehr bildende Künstler auf Elemente des Tanzes ­zurückgreifen, aktueller denn je: "Mich interessiert nicht, wie sich die Menschen bewegen, sondern, was sie ­bewegt."