Gefängnismaler zeichnen Firmenchefs

Hinter Gittern

Und wenn sie noch so schamlos oder gesetzeswidrig handeln – selten landet der Chef eines großen globalen Unternehmens hinter Gittern. Auf der anderen Seite müssen in den USA Kriminelle oft schon wegen kleiner Delikte ins Gefängnis, wenn sie sich keinen guten Anwalt leisten können. Das New Yorker Künstlerduo Jeff Greenspan und Andrew Tider brachte das auf eine Aufsehen erregenden Idee: Sie ließen verurteilte Insassen amerikanischer Gefängnisse Porträts derjenigen Konzernchefs zeichnen, die ihrer Meinung nach ebenfalls dorthin gehören.
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Ölgemälde von Sepp Blatter, dem ehemaligen FIFA-Präsident. Gemalt hat es Gefängnisinsasse Lewis Walters.

Wer sich in den USA keinen guten Anwalt leisten kann, landet auch wegen nicht allzu schwerer Straftaten hinter Gittern. Dagegen scheinen Firmenchefs in der Welt der Großunternehmen und Konzerne immun gegen Gefängnisstrafen zu sein. Die Liste der Vergehen – von Steuerhinterziehung zu Bestechung, getürkten Geschäftszahlen, Insidergeschäften oder Umweltvergehen – ist lang. Man braucht nur an die US-Banken zu denken, die mit faulen Immobilienkrediten handelten bevor sie das Land in eine Finanzkrise stürzten; bis auf einen Investmentbanker wurde niemand an Wall Street zur Verantwortung gezogen.

Die beiden New Yorker Kreativen Jeff Greenspan und Andrew Tider wollten auf diese soziale Ungerechtigkeit aufmerksam machen und kamen auf die Idee, amerikanische Gefängnisinsassen mit Porträts von Vorstandsvorsitzenden und Geschäftsführern, deren Unternehmen in Verbrechen unterschiedlicher Art verwickelt sind oder waren, zu beauftragen. Der schöne Name ihres Buchprojekts: "Captured: People in Prison Drawing People Who Should be". Die erste Auflage von 1000 Exemplaren (Preis: 40 US-Dollar) ist fast ausverkauft. Die Erlöse aus dem Verkauf der Bücher gehen an den US-Präsidentschaftskanditaten Bernie Sanders.

Den Ex-Chef der Credit Suisse malte – ein Bankräuber

Zu den Firmenchefs, denen die Ehre zuteil wurde, mit ihrem Porträt in der Kriminellen-Galerie zu landen, gehören der CEO des Einzelhandelskonzerns Walmart, der Vorstand des verhassten Agrarkonzerns Monsanto, die Chefin des Automobilkonzerns General Motors und der Ex-FIFA-Boss Sepp Blatter. Oder Peter Brabeck-Letmathe, Chef des weltweit größten Lebensmittelherstellers Nestlé, dem unter anderem vorgeworfen wird, Kinder für die Kakao-Ernte arbeiten zu lassen oder Grundwasser im von Dürre geplagten Kalifornien abzupumpen, um es dann in Flaschen abgefüllt zu verkaufen.

Dem Chef des pharmazeutischen Unternehmens Pfizer Ian Read wird vorgeworfen, dass unter seiner Firmenaufsicht Medikamente an Kindern in Nigeria getestet wurden, und dass Ärzte und Krankenhauspersonal bestochen wurden, bestimmte Arzneimittel zu verschreiben. Der frühere Chef von Credit Suisse Brady Dougan, dessen Bank laut Recherchen der beiden Künstler mehr als 22 000 Amerikanern geholfen hat, Steuern zu hinterziehen, Deals mit faulen Immobilienkrediten machte und US-Sanktionen verletzte, indem Geschäfte mit Ländern wie Iran oder Sudan getätigt wurden, wurde der Teflon-Man genannt, weil alle Vorwürfe an ihm abglitten und er im Amt blieb. 2015 trat er schließlich zurück. Sein Porträt in Öl wurde jetzt von dem Bankräuber Jerry Lee Jenkins gefertigt.

»Geld, Macht und politischer Einfluss erlauben es Geschäftsführern, nicht nur die Regeln zu brechen, sondern neue aufzustellen.«

Interessante Gegenüberstellungen kommen zustande wie in dem Fall von John S. Watson, dem CEO des Energiekonzerns Chevron, der einem Unternehmen mit einer Liste von Vergehen, darunter Bestechung, Steuerbetrug und gesundheitsschädigende Umweltverschmutzung vorsteht – und von einem jungen Mann gemalt wurde, der drei Jahre einsitzt, weil er wiederholt ein gestohlenes Fahrzeug besessen hat. Greenspan und Tilder, die im vergangenen Jahr Aufsehen erregten, als sie eine Büste von NSA-Whistleblower Edward Snowden in einem Park in Brooklyn errichteten, fanden die malenden Gefängnisinsassen auf Ebay, wo einige von ihnen Arbeiten anbieten, oder auf Facebook. Jeder Künstler erhielt 100 Dollar für seine Arbeit. Bei den Überweisungen kassierte das Zahlungssystem JPay Gebühren in der "kriminellen" Höhe von 30 US-Dollar – womit sich der Chef der Firma ebenfalls einen Platz in dem Buch sicherte. Auf der Website für das Projekt kann man mit den einsitzenden Künstlern über unterschiedliche Online-Plattformen Kontakt aufnehmen.

“Unternehmen begehen oftmals Verbrechen, für das eine durchschnittliche Person im Gefängnis landen würde“, schreiben Greenspan und Tider über ihr Projekt. Ihr Buch würde Verbrechen beleuchten, die als Geschäfte maskiert werden: “Geld, Macht und politischer Einfluss erlauben es den Unternehmen und ihren Geschäftsführern, nicht nur die Regeln zu brechen, sondern neue Regeln aufzustellen." Auf der anderen Seite der Gesellschaft befinden sich die Verurteilten, die oftmals, selbst nachdem sie ihre Strafe abgesessen haben, nicht mehr Fuß fassen können.

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Der als Millionenbetrüger verurteilte Kunstberater Helge Achenbach unterrichtet im Gefängnis Kunstgeschichte

Dem ehemaligen McDonalds-Vorstand Don Thompson wird vorgeworfen, dass er Kinder mit Clowns und Spielplätzen in sein Restaurant lockt, um sie dann für gesundheitsschädliches Essen zahlen zu lassen. Gezeichnet wurde Thompson mit einem selbstbewusst zufriedenen Lächeln im Gesicht – Künstler Alex Carrillo sitzt 30 Jahre bis lebenslänglich für Mord ein. Am meisten tut sich das Porträt von Goldman Sachs-Vorsitz Lloyd Blankfein hervor. Seine Investment-Bank hat sich dieses Jahr auf eine Strafe von fünf Milliarden Dollar als Buße für unsaubere Geschäfte mit Immobiliendarlehen einigen können. Blankfein scheint darüber in der Porträtzeichnung von dem Mörder Ryan Gragg nur lauthals lachen zu können.