Entropa
David Cerny
Als die tschechische Nachrichtenagentur "CTK" am Dienstag die einzelnen Schöpfer der Großskulptur kontaktieren wollte, kam sie dem Fake der Arbeit "Entropa" auf die Spur. Ob Agnes Cerese aus Ungarn, John O'Conell aus Irland, Francesco Compredoni aus Italien oder Vilma Stasiulyte aus Litauen – keiner dieser Kunstschaffenden existierte. Die Recherche in Telefonbüchern und auf den ebenfalls gefälschten Websites blieb fruchtlos.
Gemeinsam mit seinen Kollegen Kristof Kintera, einem bekannten tschechischen Künstler und Tomas Pospiszyl, einem renommierten Kunsthistoriker konstruierte Cerny ein perfektes böhmisches Dorf mit europäischem Anstrich. "Wir wussten, dass es herauskommen würde," sagt Tomas Pospiszyl, "wir wussten nur nicht genau, wann". Gemeinsam mit Cerny tritt er am Donnerstag zur offiziellen Enthüllung von "Entropa" in Brüssel auf. Das multimediale Werk wird dann in Betrieb genommen: Diverse Elemente bewegen sich, ein elektronisches Schriftband leuchtet, und aus den Miniatur-Kühltürmen der österreichischen Kernkraftanlagen steigt Dampf.
Man hätte es sich eigentlich denken können, was passiert, wenn Cerny einen Auftrag von derartiger politischer und öffentlicher Tragweite bekommt. Sein Bronzetrabant auf Füßen, mit dem er die Umbrüche von 1989 kommentierte, war da ja eher noch niedlich. Doch bereits seine Bausätze, mit denen man sich wahlweise Jesus Christus oder ein Vergewaltigungsopfer aus Einzelteilen zusammensetzen konnte, kamen weniger harmlos daher. Und erst recht nicht seine lebensgroße Figur von Saddam Hussein, die nach Damian-Hirstscher Manier in einer Art Aquarium schwebte. Das hätten die Auftraggeber, allen voran Vize-Premier Alexandr Vondra, vielleicht in Betracht ziehen sollen, bevor sie Herrn Schwarz (dt. für Cerny) und seinen enstprechend gefärbten Humor erwählten. Im Grunde wollte man wohl einen provokativ-humorigen Beitrag – wenn denn die nationalen Nestbeschmutzungen von realen europäischen Künstlern gekommen wären, hätte man sie sicherlich anders wahrnehmen können.
Nun ist die Aufregung groß und für Zensur ist es zu spät. Die Verantwortlichen, besonders Vondra, fühlen sich getäuscht: "Ich war unangenehm überrascht, als ich erfuhr, dass der Urheber des Kunstwerks "Entropa" tatsächlich David Cerny war und dass es nicht von 27 Künstlern geschaffen wurde, die alle Mitgliedsstaaten der EU repräsentieren. Der Vertrag zwischen dem Regierungsbüro der Tschechischen Republik und dem Künstler verlangt klar, dass es ein Kooperationsprojekt mit Künstlern aus allen 27 EU-Ländern sein soll. David Cerny hat die volle Verantwortung dafür, dass er seine Aufgabe und sein Versprechen nicht erfüllt hat. In dieser Situation ziehen wir weitere Schritte in Betracht." So lautet Vondras etwas hilfloses Statement zur symbolischen Lage der europäischen Nationen.
"Meine Entschuldigung war nötig, denn die Leute sind wirklich nett"
Mittlerweile hat sich Cerny auf seiner Internetseite für sein Vorgehen entschuldigt und bestätigt, dass der gesamte Coup ohne das Wissen von Regierung und Außenministerium vonstatten ging. Wie hätten die Auftraggeber auch angesichts einer perfekt gestylten Hochglanzbroschüre, die jeden der erfundenen Künstler und seinen Beitrag professionell vorstellt, auch ahnen können, dass hier Phantome am Werk sind. "Das Außenministerium hat das Projekt inklusive der Publikation konfinanziert und uns absolut vertraut. Jetzt fühlen sich die Offiziellen zu Recht hinters Licht geführt. Die Entschuldigung war nötig, denn diese Leute sind wirklich nett", räumt Pospiszyl ein. Nichtdestoweniger verteidigt er die künstlerische Freiheit für "Entropa": "Täuschungen und Irreführungen sind Teil der tschechischen kulturellen Identität und unseres Erbes." Sofort führt man sich natürlich an den Fall des erfundenen tschechischen Expressionisten Bohumil Samuel Kecir (art 8/2007) erinnert, der vor einigen Jahren den Kunstmarkt und die Presse durchgeisterte.