Kunst und Wohnen – Interieur als Porträt

Künstler allein zu Haus

Die Privatheit des Heims war noch nie so gefährdet wie heute. Wie Künstler im Wohnen nach dem fragilen Selbst fahnden und welche Strategien sie gegen uniformierte Wohlfühlwelten entwickeln, zeigt derzeit das Museum Morsbroich in Leverkusen.
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Roy Lichtenstein: "Red Lamps (aus: Interior Series)", 1990, Lithografie, Holzschnitt und Farbsiebdruck auf Papier, 130,3 x 194,9 cm

Manch ein Designer baut sich seine Möbel womöglich auch, um seine sexuellen Phantasien befeuern. Das 1905 geborene Multitalent Carlo Mollino, Erfinder und Exzentriker in Personalunion, gestaltete nicht nur einen asymmetrischen Rennwagen, sondern auch eine in den Raum wuchernde Garderobe aus Messing. Die von ihm eingerichteten Wohnungen verblüfften mit gläsernen Innenwänden und Deckengemälden, die von Diaprojektoren erzeugt wurden. Nicht jede seiner eigenen Turiner Behausungen diente Mollino jedoch zum Wohnen. Viel lieber nutzte er sie als Kulissen für nächtliche Porträtsitzungen.

Über 2000 Akt-Polaroids verraten seine Obsession für weibliche Kurven. Bezahlte Prostituierte nahmen auf feminin polierten Stühlen Posen an, die das exquisite Ambiente um eine laszive Note bereicherten. Während die luftig bekleideten Damen letztlich austauschbar sind, kristallisiert sich vor dem Auge des Betrachters das Psychogramm eines manischen Formgestalters, der in den eigenen vier Wänden die libidinöse Selbstdarstellung auf den Gipfel trieb.

Richard Artschwager hatte sich da besser im Griff. Bis Ende der fünfziger Jahre verdiente der spätere Minimalist seinen Lebensunterhalt in einer Tischlerwerkstatt, weswegen ihn  Claes Oldenburg 1963 auch für die Ausführung seines "Bedroom Ensembles" engagierte. Die eigenen Skulpturen verbargen dann erst gar nicht die Nähe zu Möbeln. 1962 funktionierte Artschwager eine profane Kommode zur Leinwand um und stellte auf ihrer Oberfläche statt eines Spiegels das Porträt eines jungen Mannes ab. Als Unterlage diente der Dämmstoff Celotex, womit der Kreis zum Bauen und Werkeln wieder geschlossen war.

Das Material, mit dem die Bilder jonglieren, könnte nicht intimer sein.

Auch Miriam Bäckström hat einen Riecher für irritierende Möbelstücke. Die Schwedin fotografiert bei Tageslicht Wohnungen, deren Bewohner kürzlich verstorben sind. Während der Haushalt aufgelöst wird, schleicht sie sich hinein und nimmt abgestellte Pantoffeln ins Visier, abgehängte Bilderrahmen oder eben das Innere eines Schranks, in dem neben sorgfältig geordneten Bettlacken eine Fotosammlung von barbusigen Nackten die Stille nach dem Exitus stört. Mit den Menschen verschwinden allmählich auch die Geschichten hinter den Dingen. Die Unschärfe möglicher Deutungen reizt und beschämt zugleich, denn das Material, mit dem der Betrachter dieser Bilder jongliert, könnte nicht intimer sein. Einen luziden Kontrast dazu liefert Bäckströms Serie aus den Schauräumen des IKEA-Museums im schwedischen Älmhult. Menschen waren in diesen global anschlussfähigen Simulationen von Identität zwar nie anwesend und doch kommen die Küchen und Schlafzimmer wie erschreckend lebensnahe Period Rooms daher, die das Wohnambiente einer bestimmten Epoche präsentieren.

Natürlich ist das traute Heim längst kein Garant mehr dafür, dass die Welt außen vor bleibt. Die Niederländer galten früher noch als exhibitionistisch, weil sie in ihren Fenstern keine Gardinen anbrachten. Im digitalen Zeitalter beäugen Konzerne und Geheimdienste unbemerkt das private Treiben der Bürger und die öffentliche Selbstinszenierung im Netz ist zum Volkssport aufgestiegen. Es war also eine Frage der Zeit, bis das Wohnen in den Fokus von Kuratoren gerät. Parallel zur Ausstellung "Homebase" in der Nürnberger Kunsthalle richtet nun auch das Museum Morsbroich mit der Gruppenschau "Aufschlussreiche Räume" seinen Blick auf das Interieur, das heute nicht nur funktionale Einrichtung sein will, sondern auch ein Vehikel zum Selbstporträt, wenn nicht gar ein unbestechlicher Bedeutungsträger innerer Befindlichkeiten.

In seelische Innenräume entführt die in Berlin lebende Kanadierin Shannon Bool. Genauer direkt auf die Couch eines Sigmund Freud. Auf ihrem großformatigen Teppich versinkt eine liegende Frau in sich. Ihr Psychoanalytiker ist nicht zu sehen, dafür das Schattenbild der Patientin, das zum Ornament eines verdüsterten Unbewussten ausfranst. Buchstäblich als Schatten ihrer selbst tritt die Künstlerin Ene-Liis Semper auf. In ihrem Video häuft die Perfektionistin für die neue Wohnung so lange Mobiliar an, darunter gleich drei Klaviere, bis es ihr den Raum zum Leben raubt. Am weitesten wagt sich Mark Manders in die Peripherie der Selbsterforschung hinaus. Sein "Self-Portrait as a Building" ist als lebenslängliches Projekt angelegt. Der in der Nähe von Gent lebende Holländer porträtiert sich als stetig wachsender Grundriss eines Gebäudes voller imaginärer Räume, in die er seine Gedanken und Erinnerungen zum Schlummern abgestellt hat.

Von einem Rückzugsort kann hier eigentlich keine Rede mehr sein.

Kurator Fritz Emslander konnte einige der beteiligten Künstler dazu animieren, auf die einst bewohnten repräsentativen Schlossräume zu reagieren. Claus Richter etwa hat sich im ersten Stock ein ganzes Zimmer im Art-Déco-Stil eingerichtet. Der Teppich und die Wände sind im eleganten Schwarz gehalten. Die Möbel arbeiten sich an ornithologischen Vorgaben ab. Vögel entdeckt man in jedem Paravent und Teeservice, während eine in weiße Tücher umhüllte Gestalt sehnsüchtig in die Ferne schaut. Sie ist dem 1887 geborenen Illustrator Alastair nachempfunden, der sein mondänes Leben auf den Wohnsitzen adeliger Gönner als Gesamtkunstwerk inszenierte und in diesem theatralischen Setting einem eingefangenen Paradiesvogel gleicht.

Andreas Schulze nimmt den Wettstreit um den aufschlussreichsten Raum an, indem er dampfende Auspuffrohre an die Wände malt. Auf einem Tisch schauen den Besucher Keramik-Vasen in Gestalt eines männlichen Kopfes an, der verdächtig dem Künstler ähnelt. Aus ihrer Schädeldecke sprießen seltsame Gewächse. Landschaft trifft auf schmutzige Industrie und der Urheber der Konfrontation outet sich als humoriger Dirigent greller Komfortzonen.

Der Maler und Zeichner Robert Haiss hat die Rokoko-Location der Ausstellung, das Schloss Morsbroich, mehr als gründlich studiert. Sein Raum spiegelt das Schloss in ungebremster Detailfreude. Mal gerät der Wassergraben samt schwimmender Eindringlinge ins Bild. Mal die unscheinbare Tür, die vielleicht in die Schlafkammer früherer Bediensteter entführt. Das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Gebäude erinnert an Peter Greenaways Filmklassiker "Der Kontrakt des Zeichners" und siehe da, sogar weiße Unterhemden liegen wie Hinweise auf ein Verbrechen im gemalten Ausstellungsraum herum.

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Eine neue Goldene Ära des Designs? Wenn es nach Yves Béhar geht, befinden wir uns mitten drin. art sprach mit dem erfolgreichen Gestalter über gesellschaftlichen Einfluss, die Bedeutung von Apple und... Sahnehäubchen

Einen weniger introvertierten Kommentar zu unseren Wohlfühlwelten liefert in dieser erfreulich anregenden und facettenreichen Schau Andrea Zittel. Die US-Amerikanerin lebt in der Mojave-Wüste, was sie nicht daran hindert, alle lebensnotwendigen Produkte per Paketbote zu empfangen. Die Versandkartons verarbeitet sie zu modularen Möbeln, die wahlweise auch als minimalistische Skulpturen durchgehen. Komplettiert wird ihre Rauminstallation durch eine Zeitungstapete aus den immer gleichen Nachrichten, gebrauchten Teebeuteln als Sinnbild rarer Muße-Phasen und einem in den Raum gestreckten Riesenkalender, der über 39 Tage hinweg dokumentiert, wie viel Zeit die Künstlerin im Internet oder beim Schreiben von E-Mails verbracht hat.

Von einem Rückzugsort kann hier eigentlich keine Rede mehr sein. Und das Private ist längst öffentlicher getaktet als es uns lieb ist. Wie gut, dass wenigstens noch auf die Garagen Verlass ist. In diesem Sub-Genre des Interieurs entdeckt die Fotografin Simone Demandt eine Typologie der Ordnungskonzepte. "Freude am Leben" heißt die Serie, in der eitle Eigendarstellung ein Fremdwort ist und der Kauz in uns triumphiert. Wenn er nicht Kuhfelle unters verhätschelte Auto auslegt, stellt er ein Indianerzelt als Abstandhalter zum unheilen Draußen auf. Ein Heim im Heim – mehr Distinktion geht nicht.

Aufschlussreiche Räume – Interieur als Porträt

Ausstellung vom 31. Januar 2016 bis zum 24. April 2016 im Museum Morsbroich