Ausstellung »Rabenmütter« in Linz

Die Idylle trügt

Unberührt geht hier niemand hinaus. Eine großartige Ausstellung im Lentos Kunstmuseum zeigt Mütter (und auch Väter) zwischen Kraft und Krise 
in der Kunst seit 1900.

Mit kritischen Blicken lernt man als Mutter umzugehen. Alle wissen scheinbar immer ganz genau, wie diese Rolle eigentlich zu erfüllen ist. Umso erleichternder, bereichernder, ja regelrecht großartig ist es, wenn hier die Kunst ins moralisierende Spiel kommt. Denn etwas, was man ihr sonst so gerne vorwirft, wird hier zum unschlagbaren Vorteil: Die Kunst gibt keine klaren Antworten.

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Strecken Teaser

Die Ausstellung "Rabenmütter" im Lentos-Kunstmuseum zelebriert diese Vielfalt und Indifferenz des Mutterbilds in der Kunst in wunderbarer Distanz zu jeglicher Ideologie. Man kann sich treiben lassen in diesem riesigen, Bilder, Skulpturen und Filme von 62 Künstlerinnen und 55 Künstlern umfassenden Sammelsurium. Unberührt geht hier niemand hinaus. Dafür muss man keine Kinder haben, es reicht völlig aus, einmal selbst ein Kind gewesen zu sein. Besonders berührend sind die Vorstellungen der eigenen Mutterschaft von kinderlosen Künstlerinnen – Paula Modersohn-Becker, die 1907 im Kindbett starb, malte zuvor mehrfach innig stillende Mütter. Von Dada-Künstlerin Hannah Höch wird das Bild gezeigt, das sie fast 50 Jahre über ihrem Bett hängen hatte: darauf sie als Mutter mit dem Kind auf dem Arm, das sie sich so gewünscht hatte.

"Rabenmütter" in Linz ist eine unglaublich dichte Schau

Was ihr erspart blieb, führen Nathalie Djurbergs Rabenbraten vor, die an ihrer schon lethargischen Mutter zerren und zupfen. Aber so einfach ist es eben nie: Die Idylle trügt, und das Klischee stimmt oft nicht. Es gibt Mütter, die mit ihren erwachsenen Söhnen einfach ein Bier trinken (fotografiert von Tina Barney). Die vor Geburtsschmerz fast kollabieren (gemalt von Charlotte Berend-Corinth). Die am sperrigen Kinderwagen verzweifeln (Carola Dertnig filmt sich selbst im Lift). Die mit ihren erwachsenen Töchtern ringen (oder sie umarmen?), inszeniert von Julia Krahn. Und die ihre eigenen sterbenden Mütter verabschieden. Friedl vom Gröller zeigt das im wunderschönsten Moment dieser Ausstellung: drei Minuten Abschied von der Sterbenden, die zuletzt noch die Hand auf den prallen Bauch der Enkelin legt.

Diese unglaublich dichte Schau war keine leichte Geburt für die drei Kuratorinnen Stella Rollig, Sabine Fellner und Elisabeth Nowak-Thaller, sie haben ihr "Kind" gefordert und hinterfragt, aber auch geliebt – und es jedenfalls bestens geschaukelt.

Rabenmütter

  • Die Ausstellung läuft noch bis 21. Februar 2016 im Kunstmuseum Linz.
  • Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag für moderne Kunst erschienen und kostet 29 Euro.
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