30. Todestag von Joseph Beuys

Meister der Selbstinszenierung

Fett, Filz und Krimtataren – das fällt einem bei Joseph Beuys ein. Auch 30 Jahre nach seinem Tod ist die Faszination des Ausnahmekünstlers ungebrochen. Er wirkt bis heute – sogar beim Kohlrabi-Schälen.
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Joseph Beuys, hier auf einem Foto aus dem Jahr 1979, starb vor 30 Jahren am 23. Januar 1986

Der bräunliche Schmutz in fünf Meter Höhe an der ansonsten sauber weiß getünchten Wand ist heilig. Eine Glasscheibe schützt die Schmuddelecke im Dozentenzimmer der Düsseldorfer Kunstakademie. Hier hing sie einst, die berühmte Fettecke von Joseph Beuys. Das ranzige Fett hat sich in den Putz gefressen und schimmelartige Spuren hinterlassen.

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Die Geschichte um diese Fettecke ist so kurios wie das Kunstwerk selbst. Das Zimmer war einst das Atelier von Beuys. Den legendären "Raum 3" durfte der in den 70er Jahren eigentlich fristlos gekündigte Professor für Bildhauerei nur infolge eines außergerichtlichen Vergleichs behalten. Nach dem Tod von Beuys 1986 kratzte ein Hausmeister die Fettecke ab, die doch zum Markenzeichen des Ausnahmekünstlers geworden war. Der Schüler und Freund von Beuys, Johannes Stüttgen, bekam die abgekratzten Butterreste zugesprochen. Er hütete sie Jahrzehnte, bevor er das alte Fett vor rund zwei Jahren jungen Künstlern vermachte, die Schnaps daraus brannten – was die Witwe von Beuys gar nicht gut fand. Aber Beuys hätte es sicher gefallen, denn schließlich hatte er den erweiterten Kunstbegriff in die Kunstgeschichte eingeführt.

Joseph Beuys, der Meister von Fett und Filz, starb vor 30 Jahren, am 23. Januar 1986. Der Kunstprofessor und Mitbegründer der Grünen wurde 64 Jahre alt. Der Mythos Beuys ist bis heute ungebrochen. Davon zeugen nicht nur die Reste der Fettecke oder auch die ehrfurchtsvoll eingerahmte "Hasenpfote" mit dem Spruch "Für Belsazar (Du Schlingel)" an der Wand im Dozentenzimmer der Akademie. In Wirklichkeit handelte es sich dabei um die Schmauchspur einer Kerze, weiß Stüttgen. Darüber hatte Beuys in großen Lettern "Hasenpfote" geschrieben hatte. Denn der Hase spielte in Beuys-Werk ja eine sehr große Rolle.

»Beuys hat die Flüchtlingskrise von heute vorweggenommen.«

"Als das Unheil passiert war", sagt Stüttgen und meint die Entfernung der Fettecke, "habe ich Wert daraufgelegt, dass zumindest die Stelle markiert bleibt". Stüttgen hatte mehrere Jahre bis zu Beuys' Tod in Raum 3 gearbeitet, kaum jemand kennt sich so gut aus in der Gedankenwelt und Kunst von Beuys wie er. Monatelang habe damals ein Restaurator im Labor Versuche gemacht, um herauszufinden, warum die Fettecke nicht aus fünf Metern abrutschte, erzählt Stüttgen und hinter seiner kreisrunden hellen Hornbrille blitzen verschmitzt die Augen. Hatte Beuys etwa Nägel in die Butter gehauen? Beuys hatte nur Stüttgen das Geheimnis verraten: Die Fettecke lief konisch nach unten zusammen, so dass sie gegen die Wand gedrückt wurde. "Das ist schon fast gotische Architektur", sagt Stüttgen. "Das ist eben seine Meisterschaft, diese geheimnisvollen Geschichten."

Doch nach Ansicht von Stüttgen ist Beuys aus noch ganz anderen Gründen bis heute aktuell. "Beuys hat die Flüchtlingskrise von heute vorweggenommen." Denn er habe alle Bewerber damals in die Kunstakademie aufgenommen, getreu seinem Motto: "Jeder Mensch ist ein Künstler." Für Beuys hatte jeder das Recht, an der Kunstakademie zu studieren. Der Staat seinerseits hätte die Aufgabe, die entsprechenden Möglichkeiten dafür zu schaffen. Zu wenig Raum sei da kein Argument. "Auch wir stehen ja heute vor der Frage: Wer darf rein und wer darf nicht rein?", sagt Stüttgen. Allerdings: Weil Beuys 142 abgewiesene Studienbewerber in seine Klasse aufgenommen hatte, kündigte ihm der damalige Wissenschaftsminister Johannes Rau 1972 fristlos.

Joseph Beuys wurde erst mit weit über 40 Jahren ein Kunststar.

Im Beuys-Atelier wurde nicht nur gemeißelt oder gemalt, sondern es wurde ein öffentliches politisches Anlaufzentrum. Stüttgen, der 1968 auch Asta-Sprecher an der Akademie war, sagt: "Das Problem war, dass diese Dimension nie als Kunst akzeptiert wurde." Dabei sei es nichts anderes als die Idee des erweiterten Kunstbegriffs gewesen. Dieser Aspekt im Werk von Beuys sei bis heute "nicht wirklich begriffen worden". Auch Kohlrabi-Schälen war für Beuys ein kreativer Prozess. Dass der charismatische Künstler mit seinen provokanten Ideen die Menschen bis heute fasziniert, kann man im Internet unter dem Hashtag #beuysheute verfolgen. Da twittern Kulturblogger, Städte und Kunstfans, was ihnen zu dem Mann einfällt, der mit seinem Filzhut, dem weißen Hemd und der Anglerweste ein Meister der Selbstinszenierung war. Ein Beuys-Rapper ist dort zu sehen, Beuys-Figuren auf dem Weihnachtsmarkt, ein Kohlrabi natürlich und ein Nachbau der "Capri-Batterie" – eine an eine Zitrone angeschlossene Glühbirnenfassung.

Beuys wurde erst mit weit über 40 Jahren ein Kunststar. Es gibt zahllose Fotos des Künstlers, fast immer mit Filzhut und durchdringendem Blick. Als Schamane bezeichnete er sich, bildete Legenden um seine Person, etwa die, wonach er als Bordfunker nach dem Abschuss über der Krim im Zweiten Weltkrieg 1944 von Tataren mit Filz und Fett gesund gepflegt worden sei. Längst ist nachgewiesen, dass diese Geschichte nicht ganz richtig ist. War er also ein Selbstdarsteller? Nein, meint Stüttgen. "Er ist als Künstler gleichzeitig Bestandteil des Kunstwerks."

Drei Tage mit einem Kojoten in einem Raum

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Auch Bettina Paust, Leiterin des Museums Schloss Moyland am Niederrhein, das mit rund 6000 frühen Zeichnungen den weltgrößten Bestand an Beuys-Arbeiten hütet, sagt: "Das macht den Umgang mit dem Werk von Beuys auch teilweise so schwierig. Auf der einen Seite soll es allgemeingültig sein, auf der anderen kreist es um die Künstlerpersönlichkeit Beuys." Deshalb sei es auch nicht einfach, Beuys heutzutage im Museum zu präsentieren. "Es gibt Installationen, Zeichnungen, aber auch Beuys selbst ist wichtiger Teil seines Werkes."

Berühmt sind die Aktionen: Zum Beispiel wie Beuys, beklebt mit Blattgold, in einer Düsseldorfer Galerie, einem toten Hasen die Bilder erklärte. Anders als seine Fluxus-Kollegen, die stark mit dem Publikum agierten, konzentrierte Beuys seine Aktionen ganz auf sich selbst. "Da entstanden sehr starke Bilder", sagt Paust. So auch bei dem Tumult in Aachen, als sich Beuys eine blutige Nase holte, ein Kruzifix aufblies und Schokolade verteilte. Das Foto ging durch die Presse, alles wurde gefilmt. Beuys zählt zu den meistfotografierten Künstlern der 60er bis 80er Jahre, als es noch keine Smartphones gab und kein Internet für millionenfache Verbreitung weltweit sorgte. Für Paust gibt es "keinen vergleichbaren Künstler". "Er hat die Kunst revolutioniert. Was er geschaffen hat, hat alles Vorherige gesprengt." In Amerika allerdings erregte Beuys zunächst wenig Aufsehen. Das änderte sich, als er vom New Yorker Flughafen – komplett in Filz gewickelt – von einem Krankenwagen in eine Galerie gefahren wurde, wo er drei Tage und Nächte vor den Augen der Öffentlichkeit mit einem Kojoten in einem Raum verbrachte.

Arbeiten von Beuys befinden sich in den großen Museen der Welt und sind auf dem Kunstmarkt heiß begehrt. Regelmäßig erscheinen Biografien über ihn. Dennoch, sagt Paust, "bleibt sein Werk für viele schwer zugänglich", seine Theorie der "Sozialen Plastik" sei trotz der Aktualität ökonomischer und ökologischer Fragen heute verblasst. Denn mit dem Tod von Beuys vor 30 Jahren sei auch ein wesentlicher Teil seines Werkes gestorben. Doch es gibt nach Ansicht Pausts auch heute Künstler, die in der Verschränkung von Kunst, Politik und eigener Person in der Beuys-Tradition stehen. Sie nennt den 2010 gestorbenen Christoph Schlingensief oder auch den chinesischen regimekritischen Künstler Ai Weiwei. Letzter nutzt für seine Zwecke stark die sozialen Netzwerke. Auch Beuys wäre heute wahrscheinlich "ständig im Netz unterwegs, weil es ihm darum ging, so viel Menschen wie möglich zu erreichen", sagt Paust.

»Der Geist von Beuys weht hier noch.«

Aber spielt Beuys heute noch eine Rolle für die Studenten der Kunstakademie? Über einen langen hohen Flur geht es vom Dozentenzimmer zu den früheren Klassenräumen des Bildhauer-Professors Beuys. "Wie im Western" seien sie über die Gänge der Kunstakademie marschiert, erinnert sich Stüttgen. Beuys' Schüler wie Imi Knoebel oder Jörg Immendorff fanden in den saalhohen Klassenräumen 19 und 20 einst zu ihrer künstlerischen Ausdruckskraft. Heute arbeitet dort die Klasse des Bildhauers Martin Gostner. „Natürlich" spiele Beuys für ihn eine Rolle, sagt Kunststudent Thimo Franke (29). "Es ist unmöglich, ihm zu entgehen, nicht nur an dieser Akademie, sondern generell." Auch die 26-jährige Natalia Drabik sagt: "Der Geist von Beuys weht hier noch." Geheimnisvoll wie das Werk von Beuys ist auch die meterhohe Wandinstallation "State of Emergency" (Notstand) der jungen Künstlerin. Auf transparenten weißen Papieren finden sich unzählige feine Zeichnungen, manchmal sind es nur Striche, die auf dem Boden weiterlaufen.

Joseph Beuys

  • Geboren am 12. Mai 1921 in Krefeld
  • Gestorben am 23. Januar 1986 in Düsseldorf

Joseph Beuys war ein deutscher Nachkriegskünstler, der als Bildhauer, Zeichner und vor allem als Aktionskünstler bekannt wurde. Er entwickelte das Konzept des "erweiterten Kunstbegriffs" und den Begriff "Soziale Plastik" und prägte damit die Idee der gesellschaftsverändernden Kunst. Von 1961 bis 1972 lehrte Joseph Beuys an der Kunstakademie in Düsseldorf.

Das Auge wandert wie über eine Landkarte und entdeckt immer neue Dinge: Da hängt ein Ohr aus Plasteline, ein Gummiring an einem Nagel, eine Vase. Die Interpretation überlässt Drabik dem Betrachter: "Ich will hier nichts bestimmen." Über Beuys' Werk sagt Drabik: "Ich habe das Gefühl, dass es mir etwas erzählt, ohne es wirklich aufzuschlüsseln." Und sie möchte bei Interpretationen auch gar nicht durch Museen oder Kuratoren bevormundet werden. Das hätte Beuys wohl ähnlich gesehen. "Die Mona Lisa lächelt, weil sie mehr weiß als der Künstler", zitiert Stüttgen einen Satz von Beuys.

Weder für Drabik noch für Franke ist Beuys ein direkter Bezugspunkt in ihrer Kunst. Aber dennoch sind sie auf eine gewisse Weise seine Erben – wie viele andere Künstler auch. "Ich glaube, in jedem steckt ein bisschen Beuys", sagt die Rektorin der Kunstakademie, Rita McBride. Franke zum Beispiel erweitert den Kunstbegriff, indem er Bücher mit Moos, Gräsern und sogar Orchideen besiedelt und unter Glasvitrinen Kultur und Natur zusammenwachsen lässt. "Beuys ist das, was Little Richard für den Rock'n'Roll ist", sagt Franke. "Man hört ihn nicht mehr jeden Tag, aber er ist der Vater des Ganzen."